Kanadas kurioser Wahlkampf Störfall Tortenwerfer

Im kanadischen Wahlkampf sind marode Atomkraftwerke und Umweltzerstörung kein Thema - obwohl einst Greenpeace dort gegründet wurde. Die Spitzenpolitiker versuchen bei den Wählern ganz anders zu punkten: sportlich.

AFP

Von Herbert Bopp, Montréal


Mit dieser Idee dürfte Gilles Duceppe zumindest bei den kanadischen Eishockeyfans Eindruck gemacht haben: Der Spitzenkandidat des separatistischen Bloc Québecois machte sich mit Erfolg dafür stark, das TV-Duell zum Wahlkampf um einen Tag zu verschieben - wegen des Spitzenspiels Montréal Canadiens gegen Boston Bruins. Duceppe erlöste damit Millionen sportbegeisterte Kanadier, die am 2. Mai über ein neues Parlament abstimmen müssen, aus einem Dilemma.

Das Spiel Montréal gegen Boston (0:2) war spannend, von der zweistündigen Fernsehdiskussion der Spitzenpolitiker konnte man das leider nicht sagen. Das Wort Umweltschutz zum Beispiel fiel erst nach 92 Minuten. Aber auch nur kurz und im Zusammenhang mit einem Vorwurf an den amtierenden Premierminister: "Es gab Zeiten", fauchte der Sozialdemokrat Jack Layton den Konservativen Stephen Harper an, "da kümmerten Sie sich wenigstens noch um den Umweltschutz." Aber das war's dann auch schon. Konkreter wurde an diesem Abend keiner der Kandidaten.

Zwei Milliarden Dollar für 28 Jahre alten Kernreaktor

Dass der 28 Jahre alte Kernreaktor Gentilly demnächst für zwei Milliarden Dollar aufgerüstet werden soll, ist im kanadischen Wahlkampf bisher genau so wenig ein Thema wie der geplante Relaunch einer der größten Asbestminen der Welt. Beide liegen in der dicht besiedelten Provinz Québec, das Kernkraftwerk steht noch dazu in einem Gebiet, das als Erdbeben gefährdet gilt. Kritiker der beiden Projekte gibt es kaum. Es sei denn, man zählt einen Tortenwerfer dazu, der neulich bei den Anhörungen zur Laufzeitverlängerung für einen leichten Störfall sorgte. Dass Energieversorgung Sache der Provinzen ist und nicht des Bundes, nehmen die meisten Kanadier ohnehin nicht wahr.

Manchen AKW-, Säureregen- und Feinstaub-sensibilisierten Mitteleuropäer mag überraschen, dass Umweltthemen ausgerechnet in jenem Land kaum eine Rolle mehr spielen, in dem vor genau 40 Jahren "Greenpeace" aus der Taufe gehoben wurde. Tatsache ist: Der Mythos vom blitzblanken Kanada, das fürsorglich mit seinen Wäldern und Seen umgeht, kann nicht mit Fakten unterfüttert werden.

Trennmüll ist für die meisten Kanadier ein Fremdwort. Die zerstörerische Teersand-Produktion in der westkanadischen Provinz Alberta soll in den nächsten vier Jahren verzehnfacht werden. Und im Herbst kommt es auf Autobahnen und Landstraßen regelmäßig zu Sichtbehinderungen, weil Farmer und Gartenbesitzer tonnenweise Herbstlaub über offener Flamme verbrennen. Für die meisten Kanadier sind Steuersenkungen wichtiger als Emissionswerte. Einer Umfrage des Nanos-Instituts zufolge interessieren sich lediglich 4,5 Prozent der Wähler für Umweltthemen.

Wattebällchen statt Argumente

Bei der Fernsehdebatte der Kandidaten bekam die lethargische Symbolik des Wahlkampfes ein Gesicht: Premierminister Harper, dessen konservative Regierung zuvor von den drei Oppositionsparteien nach einem Misstrauensvotum gestürzt worden war, sah sich eingekesselt von dem Sozialdemokraten Layton, dem Liberalen Michael Ignatieff und Gilles Duceppe vom Bloc Québecois.

Dabei warfen die Kandidaten eher mit Wattebällchen um sich, als sich einen gepflegten Schlagabtausch zu liefern. Hoch ging es allenfalls her, als sich die vier Diskussionsteilnehmer gegenseitig vorrechneten, wer in der vergangenen Legislaturperiode am häufigsten durch Abwesenheit glänzte. Gesenkter Daumen für die Liberalen: Ignatieff, ein ehemaliger Harvard-Professor, fehlte bei 70 Prozent aller Abstimmungen.

Doch nicht nur inhaltlich geriet die wichtigste Veranstaltung des Wahlkampfs zur Farce. Auch mathematisch hing einiges schief: Elizabeth May, die Kandidatin der Grünen, war gleich gar nicht zur Fernsehdebatte zugelassen, weil "The Green Party" nicht im Parlament vertreten ist. Dabei erhielten die Umweltschützer bei den letzten Wahlen fast eine Million Stimmen. Doch weil in Kanada das Mehrheitswahlrecht gilt und nicht der Proporz, reichte es für die Grünen trotzdem nicht zu einem Sitz im Unterhaus.

Anders beim Bloc Québecois unter Gilles Duceppe. Ausgerechnet jene Partei, die den kanadischen Staatenbund zerschlagen und einen eigenen Staat Québec ausrufen möchte, schaffte es bei den letzten Wahlen im Jahr 2008 mit gerade mal 300.000 Stimmen mehr als die Grünen, 47 Parlamentarier nach Ottawa zu schicken.



insgesamt 21 Beiträge
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urbansonnet 28.04.2011
1. Wer im Glasshaus sitzt...
Ich find es ja schon reichlich arrogant, Kanadas Wahlkampf als kurios zu bezeichnen, nur weil dort keine umweltpolitischen Themen wahlentscheident sind und sie keinen Müll trennen. Vielleicht ist Deutschland ja auch kurios. Oder in welchem Land werden sonst Wahlen entschieden durch ein Erbeben am anderen Ende der Welt?
felisconcolor 28.04.2011
2. smile
alle machen es falsch nur D-Land machts richtig. Dieser Eindruck drängt sich mir auf. Und man sieht auch dran, wie unwichtig Greenpeace ist.
abo 28.04.2011
3. wieso?
Zitat von urbansonnetIch find es ja schon reichlich arrogant, Kanadas Wahlkampf als kurios zu bezeichnen, nur weil dort keine umweltpolitischen Themen wahlentscheident sind und sie keinen Müll trennen. Vielleicht ist Deutschland ja auch kurios. Oder in welchem Land werden sonst Wahlen entschieden durch ein Erbeben am anderen Ende der Welt?
Ist doch in Ordnung, dass die Wahlen so entschieden wurden! Ist wohl auch schlauer sich vorher Gedanken zu machen. Andere Länder müssen wahrscheinlich erst mal selber eine Katastrophe(siehe Japan) erleben, bevor wenigstens einige das Nachdenken anfangen. Das find ich traurig und kurios. Erst muss was passieren und das Jammern und Klagen dann groß sein, bevor sich einige Hirnwendungen in Bewegung setzen! Also lieber vorher schon mal gründlich nachgedacht!
chris wolfy 28.04.2011
4. ein paar Anmerkungen
Im kanadischen Wahlkampf sind marode Atomkraftwerke*und Umweltzerstörung kein Thema - obwohl einst Greenpeace dort gegründet wurde. Die Spitzenpolitiker versuchen bei den Wählern ganz anders zu punkten: sportlich. Habe ueber 20 Jahre in Canada gelebt (Cordova Bay, Victoria B.C.). Was so Kleinigkeiten wie Muelltrennung betrifft das gibt es schon ganz lange, wird in "Blue Boxes" regalmaessig abgeholt und zwar Papier, Glas, Alu, Dosen, Plastic. Verbrennen von Gartenabfeallen ist streng geregelt und seit laengerem nicht mehr erlaubt, auch nicht ratsam, Strafen sind saftig. Viele Dinge werden auf Gemeindeebene geregelt mit Augenmass. Generell ist zu sagen das Canada sich durch Augenmass, Respekt und Menschenfreundlichkeit auszeichnet. Fuer die tolle Natur koennen sie nichts (was den Respekt fuer die First Nations anbetrifft so haben sie Gott sei Dank dazugelernt). Cheers Chris Wolfy PS Kann der ehrenwerte Spiegel eventuell ueber die Kandidaten berichten? Ignatieff ist interessant, ein Intellektual der interessante Buecher geschreiben hat, Jack Layton von der NDP(SPD nahe) legt ueberraschend gute Umfragewerte vor. Elisabeth May von den Gruenen habe ich persoenlich kennengelernt waherend des Ensatzes fuer Haida Gwaii, eine tolle Person, ein Achtungserfolg ist nicht ausgeschlossen.
mooringman, 28.04.2011
5. Kanada/USA
Leider ist es so,das auf dem Nordamerikanischen Kontinent das Wort "Umweltschutz" fast ein Fremdwort ist.Dies gilt für weite Teile der USA Bevölkerung wie für Kanada.Schon mit den im Verhältnis zu Deutschland billigen Benzinpreisen fängt es an. Und es hat viel mit den das Volk verdummenden Medien zu tun,besonders im TV.Unsere privaten TV Sender eifern den amerikanischen Stationen da stark nach.Ausnahmen bestätigen immer die Regel,es gibt auch (wenige) gute Sendungen. Steven Harper hält sich in Kanada für den größten kanadischen Politiker alles Zeiten,dafür ist er George W. ja auch schön in den Hintern gekrochen.In Wirklichkeit lebt er nur von der Schwäche der oppositionellen Parteien. Das allerdings ausgerechnet die Separatisten aus Quebec soviel Einfluß in Ottawa haben,ist ein Witz!
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