Kandidat Santorum: Republikaner fürchten den "Jesus-Kandidaten"
Plötzlich Favorit: Präsidentschaftskandidat Rick Santorum liegt in Umfragen deutlich vorn, bei den Vorwahlen in Michigan ist ein Sieg möglich. Doch selbst seiner eigenen Partei ist der Erzkatholik zu rechts - führende Republikaner fürchten eine Niederlage, wenn es im Herbst gegen Obama geht.
Bei den Republikanern fühlen sich in diesen Tagen viele an das Jahr 1964 erinnert: Damals verbreitete ein Mann regelrecht Alarmstimmung. Nur zu gern sprach er von der Atombombe. Damit könne man prima den vietnamesischen Dschungel "entlauben". In jedem Fall sollten sich die USA vorbereiten, "militärische Operationen" gegen angeschlagene kommunistische Regime zu unternehmen. Thema Schulbildung? "In den meisten Fällen kommen die Kinder ganz gut ohne aus." Und von der Bürgerrechtsbewegung hielt er natürlich auch nichts.
Der Verfasser dieser Parolen hieß Barry Goldwater, damals der republikanische Kandidat fürs Weiße Haus. Doch er scheiterte grandios, sicherte mit seinen Polit-Rüpeleien vielmehr dem Demokraten Lyndon B. Johnson die zweite Amtszeit, gleichsam per Erdrutschsieg: Johnson kam am Ende auf 61 Prozent der Stimmen. Und die republikanische Partei lag am Boden.
Heute fürchten die Republikaner wieder den Goldwater-Effekt.
Der Goldwater der Gegenwart heißt Rick Santorum. Der 51-Jährige schickt sich plötzlich ernsthaft an, republikanischer Präsidentschaftskandidat für den Herbst 2012 zu werden. Der Rechtsaußen, ein Ex-Senator aus Pennsylvania, liegt in den Umfragen deutlich vor dem moderateren Mitt Romney.
Wie Santorum gegen die Moderne kämpft
Was für den Rüpel Goldwater die Atombombe war, das ist dem Erzkonservativen Santorum die Fixierung auf Familie und Sexualmoral. Der selbsterklärte "Jesus-Kandidat" kämpft gegen Sex außerhalb der Ehe, gegen Abtreibung und natürlich gegen die Schwulenehe. Verantwortlich für all das Unglück ist aus seiner Sicht vor allem ein Mann: Barack Obama.
Allein in den letzten Tagen hat Santorum dem Präsidenten ein falsches Gottesverständnis bescheinigt, ihm Euthanasie unterstellt - und sogar Adolf Hitler in einer seiner Attacken untergebracht. Im Einzelnen klingt das dann so:
- Obama verfolge "eine Art künstliches Ideal, eine falsche Theologie", so Santorum. Was soll das heißen? Dass Obama kein Christ ist, wie man es ihm im radikalen Tea-Party-Lager stets unterstellt? Nein, Santorum, der den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel leugnet, geht es unter anderem um die Umweltpolitik des Präsidenten. Nicht die Erde stünde beim christlichen Handeln im Zentrum, sondern der Mensch. Meint er.
- Mit Obamas Gesundheitsreform finanziere der Staat Pränataldiagnostik - um zu sparen. Denn das bedeute "mehr Abtreibungen, und schließlich ist weniger Pflege nötig, weil wir dann die Behinderten in unserer Gesellschaft ausmerzen", so Santorum, der selbst eine dreijährige Tochter hat, die an Trisomie 18 leidet, einer dem Down-Syndrom ähnlichen Erkrankung.
- Und schließlich ist da dieser Auftritt, bei dem er an die Zeit kurz vorm Zweiten Weltkrieg erinnert, in der Amerika zu lange im Isolationismus verharrt habe: "Wir dachten, es wird schon werden, der ist doch ein ganz netter Kerl, das wird schon nicht so schlimm", sagte er, offensichtlich in Anspielung auf Adolf Hitler. Doch nach einer Weile finde man dann ein paar Sachen über diesen "Kerl da drüben in Europa" raus, die nicht so gut seien. Schließlich macht Santorum deutlich: Für die gegenwärtige Generation von Amerikanern sei die Gefahr schwerer zu erkennen. Ein Hitler-Obama-Vergleich? "Nein, natürlich nicht", beteuert er.
Santorum, der bizarre Republikaner-Kandidat. In diesen Tagen entdecken Freunde wie Gegner sein Buch von 2005 wieder, Titel: "It takes a family". Darin sind etliche Polit-Schmankerl enthalten. Santorum geißelt etwa das Zusammenleben Nichtverheirateter und wünscht sich mehr Respekt für daheimerziehende Mütter. Er verdammt den "frauenfeindlichen Kreuzzug des Radikalfeminismus", also jegliche Bestrebungen, Frauen jenseits der eigenen vier Wände zu beschäftigen. Und ausführlich beschreibt er die "Konsequenzen von Sex außerhalb einer monogamen, lebenslangen Beziehung": Teenager-Schwangerschaften; Abtreibungen; Depressionen; Sexualkrankheiten wie HIV, Tripper und so weiter. Santorum listet sogar detailliert die Kosten auf, die diese angeblichen Folgekrankheiten der Gesellschaft verursachen.
Doch Tag für Tag wächst die Zustimmung an der Republikaner-Basis. In landesweiten Umfragen liegt der einstige Underdog mittlerweile schon bis zu zehn Prozentpunkte vor Romney. Entscheidender noch: Bei den Vorwahlen in der kommenden Woche sowie bei dem als Super Tuesday bezeichneten Wahlmarathon in gleich zehn Staaten am 6. März zeichnen sich für Santorum weitere Siege ab. So liegt der Erzkonservative ausgerechnet in Michigan vorn, wo die Republikaner am kommenden Dienstag ihre Primary abhalten: Mit 37 zu 33 Prozent führt er hier vor Romney. Ausgerechnet. Denn in Michigan ist Romney geboren und aufgewachsen, hier regierte sein Vater George einst als Gouverneur.
Kandidat der Vernunft gesucht
In Arizona, wo die Republikaner ebenfalls am Dienstag entscheiden, liegt Romney einer CNN-Umfrage zufolge noch mit 36 zu 32 Prozent vorn. Doch auch hier hat Santorum in den letzten Wochen aufgeholt. Im Westküstenstaat Washington, der am 3. März wählt, verbucht Santorum derzeit einen Elf-Punkte-Vorsprung auf Romney, im großen Ohio (6. März) liegt er ebenfalls vorn.
Führende Republikaner sorgen sich jetzt, dass ihnen die weit nach rechts gerückte Basis tatsächlich den "Jesus-Kandidaten" bescheren könnte. Was tun? Seit Monaten schon gibt es Gedankenspiele, ob nicht noch ein Kandidat der Vernunft zum Eintritt ins Rennen bewegt werden kann. Am Anfang war stets die Rede von Chris Christie, dem durchsetzungsstarken Gouverneur von New Jersey.
Doch Christie sagte ab, stellte sich hinter Romney. Seitdem ruhen die Hoffnungen immer mal wieder auf Mitch Daniels, dem Gouverneur von Indiana. Der durfte schon die offizielle republikanische Gegenrede auf Obamas Regierungserklärung ("State of the Union") Ende Januar halten. Und dann ist da noch Jeb Bush, früherer Regierungschef von Florida und Bruder des Ex-Präsidenten George W. Bush. Doch auch er winkt bislang ab. Es ist auch langsam zu spät.
"Hört genau hin und ihr bemerkt die peinvollen Schreie: 'Mitch! Chris! Jeb! Hilfe!'", lästert die "Washington Post" über die Aussicht der Republikaner auf den "Chef-Theologen" Santorum oder einen zwischen den Lagern gespaltenen Parteitag im Sommer.
Obama dürfte sich über Santorum freuen
Unter Spitzenrepublikanern verbreitet sich Furcht: Dass man es im Herbst 2012 vermasselt, obwohl die Chancen aufs Weiße Haus so gut stehen wie selten zuvor. Der Präsident ist angeschlagen, die Arbeitslosigkeit hoch, die Wirtschaft dümpelt. Und ausgerechnet jetzt schaffen es die Republikaner nicht, einen halbwegs vernünftigen Kandidaten aufzustellen? Was ist aus der Partei Abraham Lincolns geworden?
Den Parteibossen ist längst klar: Wenn die Republikaner mit Santorum ins Rennen ziehen, mögen zwar die religiösen Hardliner im Herbst an die Wahlurnen streben, aber die entscheidenden unabhängigen Wähler sowie die Frauen würden sich für Obama entscheiden.
Man wird also genau hinschauen an diesem Mittwochabend, wenn die vier verbliebenen Kandidaten - neben Romney und Santorum noch Newt Gingrich und Polit-Opa Ron Paul - das erste Mal seit Wochen wieder zu einer TV-Debatte antreten. So viel ist schon jetzt klar: Santorum wird das Zentrum aller Fragen und Attacken sein. Romney steht unter massivem Druck, muss Boden gut machen.
Auch Obamas Leute im Weißen Haus und seiner Wahlkampfzentrale in Chicago werden genau hinschauen. Längst bereiten sie sich nicht mehr nur auf die Variante Romney vor. Doch es fällt auf: Anders als im Falle des bisherigen Spitzenreiters halten sie sich mit Attacken auf Santorum bisher zurück. Aus Obamas Sicht wäre ein Gegenkandidat Santorum ja auch tatsächlich eine feine Sache.
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- Mittwoch, 22.02.2012 – 19:21 Uhr
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Fläche: 9.632.000 km²
Bevölkerung: 310,384 Mio.
Hauptstadt: Washington, D.C.
Staats- und Regierungschef: Barack Obama
Vizepräsident: Joseph R. Biden
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Die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten ist eine indirekte Wahl: Am Wahltag, der immer am Dienstag nach dem ersten Montag im November stattfindet, wählt die US-Bevölkerung in jedem Bundesstaat Wahlmänner. Diese bilden das Wahlmännergremium, das offiziell erst im Dezember den Präsidenten und seinen Vize wählt. Dabei gilt in den allermeisten Bundesstaaten das Mehrheitswahlrecht: Die Wahlmänner eines Bundesstaates stimmen alle für den Präsidentschaftskandidaten, der in ihrem Staat die meisten Stimmen bekommen hat. Für den Gegner sind alle Wahlmänner verloren - egal wie knapp das Ergebnis ist ("Winner takes all"-Prinzip).
In anderen ist der Ausgang der Wahl hingegen offen: Sie werden als umkämpfte Staaten oder Swing States bezeichnet. Auf sie konzentriert sich der Wahlkampf der Kontrahenten. Besonders die bevölkerungsreichen unter ihnen wie Ohio und Florida stehen im Fokus der Wahlkampfstrategen, da sie viele Wahlmänner im Wahlmännergremium stellen und damit für den Ausgang der Präsidentschaftswahl entscheidend sein können.
Am Wahltag geben die Wähler jedes Bundesstaates ihre Stimme für einen der Präsidentschaftskandidaten ab. Da die Wahl indirekt ist, wählen sie damit Wahlmänner, die dann nach dem eigentlichen Präsidentschaftswahltag in dem bundesstaatenübergreifenden Wahlmännergremium ("electoral college") ihre Stimme für ihren Präsidentschaftskandidaten und seinen Vize abgeben.
Welche Wahlmänner aus einem Bundesstaat in das Wahlmännergremium geschickt werden, wird in 48 US-Bundesstaaten nach dem Mehrheitswahlrecht ermittelt: Alle von einem Staat entsandten Wahlmänner gehören derselben Partei an, selbst wenn diese in dem betreffenden Staat nur mit einem hauchdünnem Vorsprung gewonnen haben sollte ("Winner takes all").
Wie viele Delegierte ein Bundesstaat entsendet, ist von seiner Größe abhängig. Jeder Staat schickt so viele gewählte Electors, wie er Senatoren und Abgeordnete im Kongress stellt. Die meisten Wahlmänner, nämlich 55, hat zurzeit Kalifornien, gefolgt von New York (31) und Florida (27). Bevölkerungsarme Staaten wie zum Beispiel Alaska oder Montana entsenden das Minimum von drei Wahlmännern. Obwohl der Hauptstadtbezirk Washington D.C. keine stimmberechtigten Vertreter im Kongress hat, entsendet auch er drei Wahlmänner ins Gremium.
Das Wahlmännergremium tritt physisch nie an einem Ort zusammen. Stattdessen versammeln sich die Wahlmänner im Dezember nach der Wahl durch das Volk in den Hauptstädten ihrer Bundesstaaten, um ihre Stimme abzugeben. Dabei richten sie sich in ihrer Entscheidung traditionell nach dem Votum des Volkes, zwingend vorgeschrieben ist das jedoch nicht in allen Staaten. Die Wahlmänner-Stimmen werden dann nach Washington geschickt, wo sie während einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses im Januar ausgezählt werden. Der amtierende Vizepräsident kann dann endlich das offizielle Ergebnis der Präsidentschaftswahlen verkünden, das in der Regel ja schon kurz nach der allgemeinen Wahl bekannt ist, weil die Zahl der Wahlmänner jedes Kandidaten feststeht.
Wenn keiner der Präsidentschaftskandidaten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, sieht der 12. Zusatzartikel der Verfassung vor, dass die Wahl durch das Repräsentantenhaus entschieden wird. In diesem Fall wählt das Repräsentantenhaus den Präsidenten per Mehrheitsentscheid unter den drei Kandidaten aus, die die höchste Anzahl an Wahlmännerstimmen erhalten haben. Jeder Staat gibt dann eine Stimme ab. Wenn keiner der Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten die Mehrheit der Wahlmännerstimmen erhält, entscheidet hingegen der Senat per Mehrheitsentscheid über den Vizepräsidenten, wobei sich jeder Senator für einen der beiden Kandidaten mit der größten Anzahl an Wahlmännerstimmen entscheiden muss.
Präsident wird, wer die Mehrheit der Stimmen von den Wahlmännern bekommt, die jeder einzelne Bundesstaat in das staatenübergreifende Wahlmännergremium (electoral college) schickt. Ob der Präsidentschaftskandidat auch die Mehrheit der in den USA abgegebenen Stimmen (popular vote) bekommen hat, ist für die Präsidentenwahl hingegen nicht entscheidend. So führt das Prinzip "Der Sieger bekommt alles" dazu, dass die Wahl kein genaues Bild vom wahren Kräfteverhältnis im ganzen Land gibt.
Nur in den Bundesstaaten Nebraska und Maine gilt das System des "Winner takes all" nicht. Hier werden die Wahlmänner nach dem Verhältniswahlrecht ermittelt: Die Wahlmännerstimmen werden proportional zu den auf die Kandidaten entfallenen Wählerstimmen zwischen den Parteien aufgeteilt.
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