Kandidaten für die Europawahl Schmollmund, Latex, blaues Blut

"Hast du einen Opa, schick ihn nach Europa", reimten Spötter einst. Inzwischen entwickelt das Europäische Parlament ungeahnte Anziehungskräfte. SPIEGEL ONLINE hat die Kandidatenliste begutachtet - und fand Models, Milliardäre, TV-Größen, Sportskanonen, einen Königssohn und einen Internet-Piraten.


Brüssel - Eigentlich wollte Silvio Berlusconi, Italien-regierender Medienzar, mit vielen "neuen Gesichtern" zur Europawahl antreten. Attraktive junge Damen, professionelle Showgirls darunter, aber auch eine ob ihrer fülligen Freizügigkeit landesweit bekannte "Big Brother"-Teilnehmerin, sollten seine Partei "Volk der Freiheit" verjüngen und verschönen. Aber dann ärgerte sich Berlusconis Ehefrau, Veronica Lario, über die Inszenierung jugendlicher Weiblichkeit und prangerte öffentlich "die Schamlosigkeit der Macht" an. So strich ihr Gatte sein Mädels-Team zusammen.

Übrig blieb von den TV-Sternchen nur Barbara Matera, 27, blond, wohlproportioniert, einst ins Spitzenfeld avancierte "Miss Italia"-Anwärterin, heute Schauspielerin und Fernseh-Ansagerin mit starker Präsenz in der Youtube-Filmchen-Welt - und, wie es heißt, erfrischend unerfahren in der Politik.

Da kann man bei Elena Basescu, 28, nicht so sicher sein. Sie ist zwar genauso schön wie Barbara. Aber sie hat schon eine aktive Zeit in Brüssel hinter sich, als Hospitantin bei einem Abgeordneten aus der Partei ihres Vaters. Papa Traian Basescu ist nämlich Präsident in Elenas Heimat Rumänien. Sie arbeitet als Model, gilt als Partygirl und ist, so schrieb die österreichische Zeitung "Der Standard", für ein "wechselvolles Liebesleben bekannt". Auch wegen ihres Aussehens - hüftlanges Haar und Schmollmund - wird sie in den Medien gern mit der amerikanischen Hotelerbin verglichen und als "rumänische Paris Hilton" geführt. Gegen manche Kritik, sie sei intellektuell nicht geeignet, ihr Land im Europäischen Parlament zu vertreten, hält ihr Vater dagegen: Sie sei "viel gescheiter, als man glaubt".

Französin mit kompliziertem Privatleben

Bei Rachida Dati, Frankreichs weiblichem Glamour-Star auf der Kandidatenliste, ist das keine Frage. Sie hat Wirtschaftswissenschaften und Jura studiert, in der Industrie gearbeitet und bei der Staatsanwaltschaft. So richtig los ging ihre Karriere, als sie 2002 ins Büro des damaligen Innenministers Nicolas Sarkozy kam. Als der Präsident wurde, machte er sie zur Justizministerin.

Nicht alle waren glücklich darüber. Ihr Bürochef und etliche weitere führende Mitarbeiter räumten nach ihrer Ankunft bald ihre Büros. Dass die schöne Ex-Klosterschülerin nordafrikanischer Abstammung das marode französische Justizwesen umgekrempelt habe, kann man nicht sagen. Eher machte sie wegen hoher Spesen und herrischer Auftritte Schlagzeilen.

Am 2. Januar dieses Jahres brachte sie eine Tochter zur Welt, und ganz Frankreich nahm Anteil, weil sie den Namen des Vaters nicht nennen wollte. "Mein Privatleben ist kompliziert", sagte die 43-Jährige dazu. Jetzt wolle Präsident Sarkozy die biestige Schöne loswerden, spekulieren französische Medien. So kommt sie nun wohl nach Brüssel.

Web-"Pirat", Kosmonaut, Rennfahrer

Dort trifft sie eventuell Gabriele Pauli, einst die jüngste Landrätin Deutschlands, 2007 berühmt geworden als Stoiber-Killerin: Nach langem Streit mit der attraktiven Fränkin trat Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef zurück. Pauli kam groß heraus, mal in voller Montur auf dem Motorrad, dann mit der bayerischen Rautenflagge bekleidet auf einem Illustriertentitel oder in Latex-Handschuhen und mit laszivem Blick. Jetzt will sie für die "Freien Wähler" ins EU-Parlament. Das wird wohl ihr bislang schwerster Job.

Doch nicht nur starke Frauen drängen plötzlich in das weithin ungeliebte, wenn nicht gänzlich unbekannte Abgeordnetenhaus, das manche Wochen in Brüssel und andere im französischen Straßburg tagt. Auch unter den männlichen Kandidaten sind viele bunte und manche schillernde Figuren. Christian Engström zum Beispiel, 48, Schwede, Spitzenkandidat der "Piratenpartei". Die kämpft für ein von staatlicher Aufsicht und Bevormundung freies Internet. Ein Urteil, mit Geld- und Gefängnisstrafen für die Betreiber der Internet-Tauschbörsen-Seite "Pirate Bay", machte die 2006 aus Protest gegründete "Piratenpartei" so stark, dass sie laut Umfragen inzwischen drittgrößte Partei des Landes ist und Engström es durchaus nach Brüssel schaffen kann.

Da könnte der Mathematiker zum Beispiel mit dem Tschechen Vladimir Remek, 60, plaudern, dem ersten nicht russischen Kosmonauten im All. Schwieriger dürfte schon ein Gespräch mit dem skandinavischen Nachbarn Ari Vatanen werden, dem vierfachen Rallye-Dakar-Sieger. Denn der 57-jährige Vatanen ist ein wortkarger Finne, zudem konservativer Christdemokrat. Der tschechische Linke und der schwedische "Pirat" fahren wohl eher nicht in seiner Spur.

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