Aus Nairobi berichtet Sebastian Fischer
Sie lächeln sehr freundlich, die zwei Krieger vom Stamme der Samburu draußen vor der Tür des Hotels Intercontinental. Seit Jahrhunderten schon stemmen sie sich gegen Veränderungen. Und jetzt sind sie hier. Eben ist diese Kanzlerin aus Germany an ihnen vorbeigerauscht, die doch ganz anderes im Sinn hat mit Afrika. Jetzt ist sie schon wieder weg. Die Samburu haben die Samburu gegeben, sie haben Feierabend.
Für Angela Merkel aber geht es jetzt erst los. Drei Tage reist die Kanzlerin quer durch Afrika: von Kenia nach Angola nach Nigeria. Rund zwanzig Stunden fallen für jedes Land ab. Stunden, in denen Merkel Staatspräsidenten, Premierminister, Parlamentspräsidenten, Parteichefs und Religionsführer trifft, um sie zu motivieren: zu Veränderungen. Wenigstens ein bisschen.
Es geht um Good Governance, wie sie das nennen: gute Regierungsführung, Rechtstaatlichkeit, Bekämpfung der Korruption. Es geht um wirtschaftliche Kooperation, um neue Märkte für deutsche Produkte. Es geht natürlich auch um Öl, weil Nigeria und Angola die beiden Öl-Staaten Afrikas sind. Merkel will mit ihrem neuen Afrika-Konzept punkten: Die Afrikaner sollen nicht mehr die darbenden Verwandten sein, sondern gleichberechtigte Verhandlungspartner.
"Auf gemeinsamer Augenhöhe zusammenarbeiten"
Am Dienstag trifft Merkel erst Kenias Präsidenten Mwai Kibaki, später dessen einstigen Gegenspieler, den Premierminister Raila Odinga. Danach hält sie eine Rede in der Universität von Nairobi, wo auch schon Barack Obama sprach, als er noch Senator war. Für Merkel ist es nach 2007 die zweite längere Afrika-Reise. Jüngst hat sie bemerkt, dass ihr Besuch zwar nur drei der 54 Staaten des Kontinents gelte, aber sie wolle "damit ein Zeichen setzen, dass Deutschland die Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent sehr ernst nimmt; dass wir zunehmend zu einer gemeinsamen Partnerschaft kommen und auf gemeinsamer Augenhöhe zusammenarbeiten".
Ob das neue Konzept aufgeht? Die deutsche Wirtschaftsdelegation an Bord von Merkels Maschine jedenfalls ist klein, nur zehn Manager sind dabei. Darunter Lufthansa-Chef Christoph Franz sowie Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank und des Baukonzerns Bilfinger Berger. Nicht vergleichbar ist das mit der Delegationsstärke auf einer Asienreise.
Jochen Homann, der mitreisende Wirtschaftsstaatssekretär sagt: "Wer Investitionen haben will, der tut gut daran, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu setzen." Rahmenbedingungen ist ein Codewort: Kämpft für den Rechtsstaat und gegen die Korruption! Kenia, Nigeria, Angola - alle drei Länder seien "Wachstumslokomotiven", sagt Hans-Jürgen Beerfeltz, Staatssekretär im Entwicklungsministerium: "Aber es gibt erhebliche Probleme, was Good Governance angeht."
China ist längst da
Doch es gibt noch ein anderes Problem: Die Deutschen sind möglicherweise ein bisschen spät dran. Denn längst pumpen die Chinesen Milliardensummen nach Afrika, sichern sich Einfluss, Land - und Rohstoffe. Bestellt ein afrikanischer Herrscher in Peking eine Autobahn oder ein Stadion, dann wird prompt geliefert. Samt chinesischen Arbeitern. Den Armen in Afrika bringt das nichts, vor allem keine Arbeitsplätze.
Merkel und Co. dagegen wollen statt auf Großprojekte auf die Bauern setzen. Deshalb ist Agrarministerin Ilse Aigner (CSU) mit an Bord. Ihre These: Afrika hungert insbesondere wegen vermeidbarer Ernteverluste. Bis zu 50 Prozent gingen bei Transport und Lagerung verloren. Kenia habe von seinen guten Ernten nicht einmal das Saatgut zurückgelegt, Angola nutze nur zehn bis zwanzig Prozent der zur Verfügung stehenden Fläche.
Merkel, Aigner und ihre Staatssekretäre - sie alle haben am Montag im Anflug auf Kenia eine Menge Zahlen parat, Statistiken, Ideen. Nur mangelt es möglicherweise am direkten Draht zu den oftmals undurchschaubaren afrikanischen Herrschern. Nicht immer ist Verlass auf ihr Wort, auf ihre Zusicherungen. Afrika ist ein beharrlicher Kontinent. Und Erfolge sind schnell zunichte gemacht.
In Kenia sind bei Unruhen im Jahr 2008 mehr als 1400 Menschen ums Leben gekommen, Hunderttausende sind bis heute entwurzelt, leben in Flüchtlingscamps. Merkel ist die erste hochrangige Vertreterin des Westens, die seitdem das Land besucht. Obama etwa kehrte als US-Präsident bisher nicht zurück, hat das Land bei seiner Afrika-Visite 2010 gemieden. In Angola herrscht nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs erst seit 2002 Frieden, doch nun bereichert sich die Oberschicht, politisch Andersdenkende werden unterdrückt. Nigeria wiederum gehört zu den reichsten, aber auch korruptesten Staaten Afrikas.
Prinzip Trial and Error
Ist das nicht alles irgendwie hoffnungslos? Merkel scheint da ganz die pragmatische Naturwissenschaftlerin. Trial and Error. Vielleicht geht was voran. Jedenfalls gibt sie sich an Bord des Luftwaffen-Airbus', der "Konrad Adenauer", recht entspannt in violettfarbenem Cardigan, braunen Wildlederschuhen und Bernsteinkette. Zehn Kilometer weiter unten rauschen Polit-Brennpunkte vorbei: Griechenland, Ägypten, der gerade geteilte Sudan. An diesen Fronten ist für sie jetzt erstmal Pause.
Oben, in Merkels Höhe, wird die Ruhe nur einmal gestört: Als der Pilot irgendwo über Polen ein paar Sekunden in die Luftverwirbelung eines anderen, höher fliegenden Flugzeugs gerät. Wirbelschleppe nennen das die Experten. Es rumpelt dumpf, als ob ein Auto über einen Bahnübergang rast.
Schließlich die Stimme des Piloten, der die "liebe Frau Bundeskanzlerin" um Entschuldigung bittet. Und dann weiter, auf nach Afrika.
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