Kanzlerin im französischen Wahlkampf: Merkels gefährliches Spiel
2. Teil: Eine Demütigung für Hollande
Sarkozys sozialistischer Gegenkandidat Hollande versucht dagegen seit Wochen, einen Termin im Kanzleramt zu bekommen. "Es braucht kein langes Treffen zu sein", sagte Jean-Marc Ayrault, der Fraktionschef der Sozialisten in der Nationalversammlung. "Hollande würde sich gerne in aller Vertraulichkeit mit der Kanzlerin unterhalten." Er habe vom deutschen Botschafter in Paris gehört, es gebe eine Tradition, dass die Kanzler die wichtigsten Kandidaten unabhängig von ihrer parteipolitischen Herkunft empfangen würden.
Dazu wird es aber wohl nicht kommen, denn Merkels Leute sind nach SPIEGEL-Informationen gerade dabei, sich einen Grund zu überlegen, mit dem sie Hollandes Anfrage auf diplomatische Weise ablehnen können. Welche Ausrede sie dafür auch finden sollten, für Hollande wäre es in jedem Fall eine Demütigung. Die Sozialisten haben auf die Nachricht bisher nicht reagiert.
Hollandes Wahlkampfteam war aber bisher schon sehr verwundert, dass Merkel sich so eindeutig gegen den sozialistischen Kandidaten ausspricht. Offizielle deutsche Stellen haben viele Bitten um Erklärung erhalten in den letzten Tagen, sie mussten erklären und beschwichtigen. Der Kandidat selbst gab sich vor Reportern gelassen: Wenn Merkel nach Frankreich kommen und Sarkozy verteidigen wolle, dann sei sie "frei, das zu tun". Er könne deswegen trotzdem "auf intelligente Weise" mit ihr zusammenarbeiten. Auch Hollandes Wahlkampfmanager Pierre Moscovici sagte vergangene Woche auf eine Frage von SPIEGEL ONLINE: "Wir empören uns nicht", und er fügte an: "Aber Angela Merkel muss selber wissen, was die richtige Dosis ist."
Sarkozy möchte ein französischer Schröder sein
Manche Sozialisten glauben, dass Merkels Auftritte für Sarkozy am Ende ihrem eigenen Kandidaten helfen werden. "Ehrlich gesagt, ich will Frau Merkel nicht zu nahe treten, aber ich denke, das war keine sehr gute Idee von Sarkozy", sagt ein ranghoher Sozialist.
Der Präsident hat in letzter Zeit den Eindruck erweckt, dass er von Deutschland geradezu besessen ist: Mindestens 15-mal erwähnte er "l'Allemagne" bei seinem einstündigen Fernsehinterview am vorvergangenen Sonntag als Vorbild. Selbst konservative Kommentatoren waren verwirrt von der dauernden Erwähnung der Rivalen von der anderen Seite des Rheins. Eine Familie, die während des Interviews einen Reporter der Zeitung "Le Parisien" dabei hatte, fasste ihren Eindruck so zusammen: "Aber der redet ja nur von Deutschland." Die neue deutsche Vormachtstellung in Europa hat die Franzosen aufgeschreckt, die Medien und die Politiker beschäftigen sich seit Monaten ununterbrochen mit Deutschland. Der Verlust des AAA-Ratings machte offiziell, was viele Franzosen schon lange befürchtet hatten: Sie waren Deutschland unterlegen. "Frankreich spielt nicht mehr in der gleichen Liga", schrieben viele Kommentatoren.
Sarkozys Wahlkampfbotschaft lautet: Mit ihm kann Frankreich wieder zu Deutschland aufschließen. Er will Kapital schlagen aus der engen Beziehung zu Merkel, der laut einer Umfrage viel mehr Franzosen zutrauen, die Schuldenkrise zu lösen, als ihm selbst. Zum Ende seiner Amtszeit möchte er eine Art französischer Gerhard Schröder werden, der große Reformer, der er bisher nicht war.
Aber Sarkozy hat es übertrieben. Es entsteht mit seiner dauernden Erwähnung Deutschlands der Eindruck eines Präsidenten, der sich zum Handlanger der Deutschen gemacht hat. Und je mehr die Rechte das deutsche Wirtschaftsmodell zum Vorbild erklärt, desto stärker können sich die Politiker der Linken profilieren als jene, die dem deutschen Vormachtstreben Einhalt gebieten und die französische Identität verteidigen. "Die Deutschen sind erfolgreich, aber wir sind keine Deutschen, wir haben eine andere Kultur", sagte etwa der linke Politiker Jean-Pierre Chevènement. Darauf setzt auch François Hollande, der angekündigt hat, den mühsam ausgehandelten Brüsseler Fiskalpakt vom vergangenen Dezember neu zu verhandeln - um "Maßnahmen für Wachstum" und "Euro-Bonds" hinzuzufügen. Er hat zwar angekündigt, das französische Defizit zu verringern, will aber gleichzeitig eine der wenigen Reformen Sarkozys, die Erhöhung des Rentenalters auf 62 Jahre, teilweise rückgängig machen. Er will sparen und gleichzeitig neue Wohltaten in der Höhe von 20 Milliarden Euro verteilen, finanziert durch eine Reichensteuer. In einer Fernsehsendung sagte er vor kurzem den Satz: "Frankreich hat sich Deutschland unterworfen."
Damit hat er sich zwar nicht in die rhetorischen Abgründe anderer Sozialisten begeben. Der linke Shootingstar Arnaud Montebourg sagte im vergangenen Herbst schon: "Die Frage des deutschen Nationalismus kehrt zurück durch die Politik nach bismarckscher Art, die Frau Merkel betreibt", Frankreich müsse seine Werte verteidigen gegen das "deutsche Diktat". Vergangene Woche forderte Montebourg Sarkozy auf, er solle doch in Deutschland zur Wahl antreten. Hollande hat sich von solchen Äußerungen nie eindeutig distanziert. Er hat klargemacht, dass es mit ihm zwischen Frankreich und Deutschland wieder ein "ausgeglichenes Kräfteverhältnis" geben werde. Man muss das wohl auch als Wahlkampfgetöse sehen, um den Präsidenten Sarkozy als weichen Verhandler gegenüber den Deutschen darzustellen.
Aber Merkel nimmt die Ankündigungen offenbar sehr ernst. Ihre Angst muss groß sein, den zuverlässigen Sarkozy zu verlieren und bald mit einem renitenten Hollande arbeiten zu müssen, der sich dann womöglich mit dem Italiener Mario Monti zusammenschließen könnte, um in Europa weniger Sparsamkeit und mehr Investitionen zu fordern, Euro-Bonds und eine Zentralbank, die grenzenlos Geld druckt.
Sie muss das Kunststück schaffen, einen Kandidaten zu stützen, der im Moment aussieht wie ein sicherer Verlierer, und ihn dabei nicht schwächer aussehen zu lassen, als er ohnehin schon wirkt. Und gleichzeitig muss sie auch an den 19. Mai 2012 denken. Das ist der Tag, an dem ein neuer Präsident François Hollande in Berlin seinen Antrittsbesuch absolvieren möchte, so hat es sein Wahlkampfchef letzte Woche gesagt. Es könnte womöglich ein sehr unterkühltes Treffen werden.
- 1. Teil: Merkels gefährliches Spiel
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Fläche: 543.965 km²
Bevölkerung: 63,461 Mio.
Hauptstadt: Paris
Staatsoberhaupt:
François Hollande
Regierungschef: Jean-Marc Ayrault
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