Karadzic vor Gericht: Showdown für den mörderischen Psychiater

Von Olaf Ihlau

Die Anklage wirft ihm Mitschuld am Tod von 8000 Menschen vor: Dem früheren bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic wird der Prozess gemacht. Den ersten Gerichtstag schwänzte er, mit weiteren renitenten Aktionen ist zu rechnen - denn der mutmaßliche Kriegsverbrecher ist ein gnadenloser Zyniker.

Radovan Karadzic: Psychiater, Lyriker und mutmaßlicher Kriegsverbrecher Fotos
REUTERS

Radovan Karadzic nennt das Internationale Tribunal, das über ihn urteilen soll, verächtlich "das Nato-Gericht". Über ein Jahr lang ließ sich der einstige Serbenführer Zeit, bis er auf die Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit kühl widersprach: "Ich bin unschuldig." Ähnlich wie vor ihm sein einstiger Mentor Slobodan Milosevic will wohl auch Karadzic das Tribunal mit einigen Großauftritten in der Rolle des "Chefverteidigers" als seine letzte Bühne nutzen - um nach dem Boykott der Prozesseröffnung dann vor aller Welt zu verkünden, er habe doch nichts anderes getan, als die Interessen seines Volkes zu vertreten.

Diese larmoyante Behauptung, diesen brisanten politischen Vorwurf werden die Richter mehrmals zu hören bekommen: Es sei ihm damals als Präsident der bosnischen Serben Immunität und Straffreiheit von amerikanischer Seite zugesichert worden, wenn er den Friedensprozess von Dayton nicht gefährden und sich selber aus dem politischen Leben vollständig zurückziehen werde. Genau diese Forderungen aber habe er mit seinem Abtauchen in den Untergrund erfüllt. Der seinerzeitige Chefunterhändler Washingtons, Turbo-Diplomat Richard Holbrooke, bestreitet solch einen Deal vehement. Ihm widersprechen indes prominente Zeitzeugen. Auch die ehemalige Uno-Chefanklägerin Carla Del Ponte behauptet, sowohl US-Präsident Bill Clinton als auch sein französischer Amtskollege Jacques Chirac hätten Karadzic gedeckt und eine Verhaftung blockiert.

Richtig ist zumindest, dass der Serbenführer jahrelang in seiner Heimat unbehelligt blieb, obwohl die Kommandeure der internationalen Friedenstruppe in Bosnien den vom Kriegstribunal Gesuchten relativ leicht hätten schnappen können. Anfangs jedenfalls - denn in seiner späteren Maskerade, in der man ihn dann im Juli 2008 in Belgrad festnahm, hätte keiner der internationalen Fahnder mehr diesen Radovan Karadzic erkannt.

Spezialgebiet Neurosen und Depressionen

Was für einen Spaß muss dieses Versteckspiel dem gelernten Psychiater (Spezialgebiet: Neurosen und Depressionen) wohl bereitet haben: Mit Haarknoten und schlohweißem Rauschebart kam er daher, als Dr. Dabic, freundlich den Panamahut lüpfend und ein Lächeln auf dem von gewaltigen Brillengläsern bewehrten Gesicht. Seelenruhig spazierte er durch Belgrad, behandelte als Neuropsychiater Patienten in Kliniken, posierte als spiritueller Forscher, empfahl sich als Experte für Kräuter, fernöstliche Heilverfahren und Mittel gegen Erektionsstörungen. In seiner Wohnung gefundene Videobänder zeigen ihn als Urintrinker und bei sexuellen Perversionen.

Natürlich gab es in der Serbenmetropole einige, die um die wahre Identität dieses dreiundsechzig Jahre alten Quacksalbers wussten: Drahtzieher beim Geheimdienst aus den Zeiten des Despoten Milosevic, die ihrem einstigen Kumpanen, wie auch dem bis heute flüchtigen bosnischen Armeechef Ratko Mladic, Unterschlupf nebst falschen Papieren verschafft hatten. Aber Belgrads neue demokratische Regenten brauchten nun dringend eine spektakuläre Tat, um sich im Westen Sympathien, Kredite und Handelserleichterungen zu verschaffen. Die Auslieferung des in der Bevölkerung nach wie vor populären Karadzic an das Den Haager Tribunal war gleichsam ein Bauernopfer. Der Coup wurde in den westeuropäischen Hauptstädten durchweg als "historischer Augenblick für den Balkan" gewürdigt.

Das war er zweifellos. Jetzt muss sich endlich jener Mann verantworten, der über Bosnien so viel Leid gebracht hat wie kaum ein anderer der politischen Hauptakteure. Dabei wird niemand behaupten können, der Seelenarzt habe seine Ziele zu verbergen gesucht, ehe er in eine politische Laufbahn als großserbischer Missionar wechselte. Als im Oktober 1991 das bosnische Parlament in Sarajevo die Risiken und Chancen einer Abspaltung von dem auseinanderbrechenden Jugoslawien erörterte, erschien Karadzic zu dieser Sitzung als Chef der "Serbischen Demokratischen Partei" und warnte die Versammelten wie die sprichwörtliche Seherin Kassandra. Eine Loslösung von Jugoslawien werde die drei Volksgruppen der Teilrepublik - Muslime, Serben und Kroaten - "in die Hölle führen" und die muslimische Bevölkerung "in die mögliche Auslöschung", drohte dieser Unheilsbote unverhohlen mit einem Genozid. Er sollte, das ist das Los der Kassandra, mit dieser Prophezeiung weitgehend recht behalten.

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Forum - Karadzic - endloses Ringen um Gerechtigkeit?
insgesamt 910 Beiträge
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1.
semir 26.10.2009
Zitat von sysop.. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten.
Er weiß das er schuldig ist und verurteilt wird.Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. Es gibt keine Gerechtigkeit, denn seine Eroberungen wurden - zumindest bis jetzt - legitimiert.
2.
SaT 26.10.2009
Zitat von sysop...Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten...
Die Kroaten und Bosniaken hatten in den 90'er auch wenig Zeit ihre Verteidigung vorzubereiten.
3.
spontanous 26.10.2009
Zitat von sysopEiner der größten Völkermord-Prozesse am Uno-Balkantribunal beginnt - doch der Angeklagte kam nicht ins Gericht. Der frühere bosnische Serbenführer Radovan Karadzic beklagte sich, er habe zu wenig Zeit gehabt, seine Verteidigung vorzubereiten. Droht ein endloses Ringen um Gerechtigkeit?
Man möge ihn verurteilen. Aber wirkliche Gerechtigkeit wird es erst geben, wenn auch die albanischen, kroatischen und bosnisch-muslimischen Verbrechen an serbischen Zivilisten aufgeklärt werden. Solange ein Verbrecher wie z.B. Thaci unter NATO-Schuld Staatsmann spielen darf, wird es nie Gerechtigkeit geben. Gerechtigkeit ist eine Einbahnstrasse!
4. Karadzic boykottiert seinen Kriegsverbrecherprozess
Daniel Freuers 26.10.2009
"Er blieb in seiner Zelle. " Unglaublich was heute alle so geht...
5.
spontanous 26.10.2009
[QUOTE=semir;4478944]Deswegen baut er schon jetzt an einem neuen serbischen Opfermythos um eine Auseinandersetzung mit dem serbischen Nationalismus während des Krieges und der Gegenwart unter der serbischen Bevölkerung zu verhindern. QUOTE] Wie wäre es, wenn Sie diese Auseinandersetzung auch mal bei den Albanern (UCK-Banditen, Grossalbanien) oder Kroaten (Ustascha, Operation Oluja) einfordern würden.
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Kriegsverbrecher Karadzic: Ende einer langen Flucht
Die Anklage gegen Karadzic
Völkermord
40 Seiten umfasst die Anklageschrift gegen Karadzic, hinzu kommen rund 1,2 Millionen Seiten mit Dokumenten zur Beweisführung. Karadzic droht lebenslange Haft. Er soll gemeinsam mit anderen Tätern in zwei großen Fällen Völkermord an Teilen der muslimischen sowie der kroatischen Bevölkerung von Bosnien-Herzegowina geplant und befohlen haben. Außerdem wird ihm vorgeworfen, zu derartigen Verbrechen angestiftet und sie begünstigt zu haben. Ziel sei es gewesen, bosnische Muslime und Kroaten zu vernichten oder für immer aus Gebieten zu vertreiben, die die bosnischen Serben beanspruchten.

Die Staatsanwaltschaft fasst zum einen zahlreiche Orte zusammen, in denen Völkermord verübt worden sei. Darüber hinaus lastet sie Karadzic eines der grausamsten Verbrechen des Bosnienkrieges an: Er soll das Massaker an bis zu 8000 muslimischen Männern und Jungen in Srebrenica im Juli 1995 geplant und angeordnet haben.
Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Karadzic soll die gewaltsame Verfolgung und Vertreibung der bosnischen Muslime und Kroaten geplant und angeordnet haben. Dadurch seien in zahlreichen Orten Tausende von Menschen Opfer von Diskriminierung, Durchsuchungen, ungesetzlicher Haft, Schikanen, Zwangsarbeit, Folter, Vergewaltigung und Mord geworden. Zudem seien ihre Wohnungen, kulturellen und religiösen Stätten zerstört worden. Die Anklage führt dazu fünf Fälle an.
Kriegsverbrechen
Karadzic wird in vier Fällen Verletzung des Kriegsrechts vorgeworfen. Bei der 43-monatigen Belagerung Sarajewos habe Karadzic es darauf abgesehen, die Zivilbevölkerung durch fortgesetzte Bombardierung und Beschuss von Heckenschützen zu terrorisieren. Tausende Zivilisten wurden getötet und verwundet, unter ihnen viele Kinder.

Zu den 15 Anklagepunkten gehört auch die Geiselnahme von mehr als 200 Uno-Soldaten zwischen dem 26. Mai und dem 2. Juni 1995 in mehreren Gebieten Bosniens.

Kriegsverbrechen im einstigen Jugoslawien
Völkermord
DPA
Völkermord ist der Rechtsbegriff für das schlimmste denkbare Verbrechen - Handlungen mit dem Ziel, ein Volk, eine Ethnie oder auch eine Glaubensgemeinschaft zu vernichten. Das Massaker von Srebrenica, bei dem im Juli 1995 rund 8000 muslimische Jungen und Männer ermordet wurden, wird von internationalen Strafrechtlern als ein solches Verbrechen eingestuft. Der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic gilt zusammen mit seinem noch flüchtigen einstigen Militärchef Ratko Mladic als Hauptverantwortlicher für das Massaker.
Die Definition
Der Begriff Völkermord ist auch unter der Bezeichnung Genozid geläufig. Genozid ist aus dem griechischen genos (Herkunft) und dem lateinischen caedere (töten) zusammengesetzt. Der jüdische Anwalt Raphael Lemkin, der aus Polen in die USA geflüchtet war, prägte das Wort 1944, um eine Grundlage für die Bestrafung der Verbrechen zu legen, die von den Nationalsozialisten begangen wurden.

Völkermord umfasst nach Artikel zwei der Uno-Konvention 260 von 1948 Handlungen gegen Mitglieder einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe, die in der Absicht begangen werden, die Gruppe ganz oder zum Teil auszulöschen. Mit der Konvention 260 wurde der Völkermord international geächtet.
Die Straftatbestände
Zu den Straftatbeständen, die von der Völkermordskonvention erfasst werden, gehört das Töten, das Zufügen von ernsthaften körperlichen oder geistigen Schäden, die Auferlegung von Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen, die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung und die Verschleppung von Kindern.
Verurteilungen
Mit dem Ex-Soldaten Drazen Erdemovic wurde 1998 der erste Verantwortliche für das Massaker zu fünf Jahren Haft verurteilt. Er wurde im Jahr 2000 in Norwegen vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Vier weitere Soldaten wurden zu Haftstrafen zwischen neun und 20 Jahren verurteilt.
Das Tribunal
AFP
Das Internationale Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien in Den Haag hat bisher einen Angeklagten wegen Völkermords verurteilt: den bosnisch-serbischen General Radislav Krstic wegen des Massakers von Srebrenica. Insgesamt erhob das Kriegsverbrechertribunal seit seiner Gründung vor 15 Jahren Anklage gegen 161 Menschen.
Die Anklage gegen Karadzic
AP
Radovan Karadzic ist vor dem Internationalen Tribunal für das ehemalige Jugoslawien wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Das von der Uno eingerichtete Tribunal in Den Haag wirft ihm vor, während des Kriegs in Bosnien zwischen 1992 und 1995 zusammen mit dem bosnisch-serbischen Armeechef Ratko Mladic einen Plan zur "ethnischen Säuberung" bestimmter Gebiete Bosnien-Herzegowinas erarbeitet zu haben. Zur Verwirklichung ihres Ziels eines großserbischen Staats hätten die bosnisch-serbischen Führer einen Aktionsplan in Gang gesetzt, der mit "Verfolgungen und Terrortaktiken" sowie Vertreibung und Vernichtung verbunden gewesen sei.
Die Gesuchten
Ratko Mladic

REUTERS
Der bosnisch-serbische Ex-General Ratko Mladic (Bild links) war hinter Karadzic die Nummer zwei auf der Fahndungsliste des Uno-Tribunals. Wie Karadzic ist auch der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg angeklagt. Dem 66-Jährigen droht lebenslange Haft, sollte er in den 15 Anklagepunkten schuldig gesprochen werden.

Mladic ist auf der Flucht, seit das Haager Tribunal 1995 seine Anklage veröffentlichte. Das Uno-Tribunal vermutet, dass er sich in Serbien versteckt hält, wo auch Karadzic nun verhaftet wurde. Er ist der einzige der 19 wegen des Massakers von Srebrenica angeklagten mutmaßlichen Haupttäter, der noch nicht gefasst ist.

Goran Hadzic

Der ehemalige Präsident der selbst ernannten serbischen Republik Krajina in Kroatien ist wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Der 49-Jährige soll für den Tod Hunderter kroatischer Zivilisten und die Deportation von Zehntausenden Kroaten durch die serbischen Truppen während des Kroatien-Krieges verantwortlich sein. Hadzic tauchte unter, kurz nachdem die Anklage gegen ihn im Juli 2004 bekanntgegeben wurde.