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Karikaturen-Dschihad: Faules Urteilsvermögen im Staate Dänemark

"Jyllands-Posten" wollte mit dem Abdruck von Mohammed-Karikaturen Ärger erregen – und die dänische Regierung wollte einen Kampf der Kulturen. Sie haben mehr bekommen, als sie erwartet hatten, schreibt die dänische Politologin Jytte Klausen.

Kaschmir rief diese Woche zu einem landesweiten Protest gegen die zwölf Karikaturen über den Propheten Mohammed auf, die vor vier Monaten in einer provinziellen dänischen Zeitung veröffentlicht worden waren. Die iranische Regierung startete einen Karikatur-Krieg gegen den Westen, indem sie einen Wettbewerb im Holocaust-Verspotten ausschrieb. Werden wir einen Zustand gegenseitiger Abschreckung durch ein Karikatur-Wettrüsten erreichen? Werden Verhandlungen am Runden Tisch zur beiderseitigen redaktionellen Abrüstung folgen?

Natürlich würde ich Cartoon-Kriege den Fatwas, die zu Enthauptungen aufrufen, vorziehen. Aber im Lauf dieser großen Karikaturenerhebung, die sich über Europa und darüber hinaus verbreitet hat, ist mein Geburtsland Dänemark in Ungnade gefallen. Der moderne Mythos vom "kleinen toleranten Volk", das seinen Ursprung in einer Gruppe tapferer Dänen hatte, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um Juden vor der Nazi-Deportation im Jahr 1943 zu retten, ist gestorben.

In den vergangenen fünf Jahren habe ich 300 muslimische Anführer in Westeuropa über ihre Sicht der Dinge und Lösungsvorschläge zur Integration des Islam befragt. Es ist mir lange schon klar, dass religiöse Toleranz und Ehrfurcht vor Menschenrechten in Dänemark leider fehlen. Die aktuelle Debatte um die Karikaturen ist umgeschlagen in die Verteidigung der freien Rede. Doch ein tiefes und entschlossenes Bekenntnis zur Meinungsfreiheit ist nicht wirklich die Mission der Zeitung im Zentrum des Strudels. Und es ist auch nicht die Mission der gegenwärtigen dänischen Regierung.

"Jyllands-Posten" ist regierungsnah

"Jyllands-Posten", jene dänische Zeitung, die die zwölf Karikaturen zu Beginn druckte, hat eine Auflage von rund 175.000 Exemplaren und ist damit Dänemarks größte Zeitung. Ihr Hauptsitz ist in einem Vorort von Aarhus, der zweitgrößten Stadt des Landes, in einem Industriegebiet. In Aarhus bin ich aufgewachsen und in meiner Familie lag die "Jyllands-Posten" immer auf dem Frühstückstisch. Sie ist eine konservative Zeitung und hat immer die religiösen und politischen Befindlichkeiten ihrer Leserschaft beachtet: lutherische Bauern und die Mittelklasse auf dem Land.

Traditionell sind die überregionalen Blätter in Dänemark mit den großen politischen Parteien und den diese formenden Bewegungen verbunden. "Jyllands-Posten" steht der Partei des Ministerpräsidenten nahe. Im Ausland mag die Partei von Anders Fogh Rasmussen vielleicht als liberale Partei bezeichnet werden; in Dänemark wird sie "Venstre", also "die Linke" genannt. Aber die Partei ist weder links noch liberal. Die Bezeichnungen gehen zurück auf die Zeit, als die Konservativen "die Rechten" waren und es nur diese beiden Gruppierungen gab. Mein Vater, ein Bruder und eine Schwester von mir kandidierten für Rasmussens Partei. Es war eben die Partei, die jeder in meiner Familie wählte. Als ich in die USA ging, war die Einheit der Familie in politischen Fragen wiederhergestellt.

Die Mehrzahl der zwölf Mohammed-Karikaturen ist eine vorhersagbare Mischung aus selbstgerechten, unwitzigen Erläuterungen und Schilderungen von zwielichtig schauenden Gesichtern mit großen, knolligen Nasen und Blut tropfenden Schwertern. Sie verbreiten populäre Vorurteile über Muslime als kriegshetzende und frauenfeindliche Schwarzbärte. Sie lösten einen Tsunami aus - aber sie waren auch nie als unschuldig geplant.

Signal gegen Selbstzensur

Die Karikaturen wurden lanciert als Spaß, den man macht, wenn die Nachrichtenlage lahm ist. Der Kulturredakteur Flemming Rose entschied letzten Sommer, dass er beeinflusst war von dem, was er als sich ausbreitende "Selbstzensur" in Bezug auf Islam-Themen bezeichnete. Deshalb bat er Karikaturisten um Zeichnungen zu der Frage, "wie sie den Propheten sehen". Am 30. September 2005 wurden zwölf Karikaturen unter der Überschrift "Mohammeds Gesicht" publiziert.

Rose zitierte einen dänischen Komiker, der Angst hatte, im Fernsehen Witze über Mohammed zu machen. Der Redakteur von "Jyllands-Posten" schrieb, dass Karikaturen eine wichtige anti-totalitäre Ausdrucksform seien und seine Zeitung deshalb 40 dänische Karikaturisten gebeten habe, Mohammed zu zeichnen. Nur zwölf hätten geantwortet. Rose implizierte, dass einige von jenen, die nicht antworteten, von der Selbstzensur infiziert waren.

Das alles wäre ganz unproblematisch gewesen, wenn die Zeitung eine lange Tradition der Verteidigung furchtloser künstlerischer Freiheit hätte. Aber drei Jahre zuvor lehnte "Jyllands-Posten" Jesus-Karikaturen ab. Die damalige Begründung: Sie würden die Leser beleidigen. Einem Bericht des britischen "Guardian" zufolge erklärte der verantwortliche Redakteur Jens Kaiser dem Karikaturisten Christoffer Zieler damals: "Ich glaube nicht, dass die Zeichnungen den Lesern von 'Jyllands-Posten' gefallen werden. Ich denke, sie werden für einen Aufschrei sorgen. Darum werde ich sie nicht verwenden."

Als er mit seiner ablehnenden Mail von damals konfrontiert wird, sagt Kaiser: "Es ist lächerlich, das jetzt vorzubringen. Es hat nichts zu tun mit den Mohammed-Karikaturen." Aber warum nicht? Darf man muslimische Leser beleidigen, nicht aber christliche? "Im Falle der Mohammed-Karikaturen baten wir Illustratoren um ihre Zeichnungen. Ich habe aber nicht um diese Jesus-Karikaturen gebeten", so Kaiser, "das ist der Unterschied."

Krieg gegen multikulturelle Ideologie

Und darin liegt Wahrheit. Denn "Jyllands-Posten" wollte Ärger anzetteln - nur nicht den Ärger, der dann kam. Und in dieser Mission handelte die Zeitung gemeinsam mit der dänischen Regierung. "Wir sind in den Krieg gegen die gleichmacherische multikulturelle Ideologie gezogen", prahlte Kulturminister Brian Mikkelsen in einer Parteirede im vergangenen Herbst, eine Woche vor Roses Beitext zu den Cartoons.

Mikkelsen ist ein 39-jähriger Politikwissenschaftler, bekannt für seine Sehnsucht nach einem "Kulturkrieg". Er fuhr fort: "Der Kulturkrieg grassiert nun seit einigen Jahren. Und ich denke, wir können schlussfolgern, die erste Runde gewonnen zu haben." Die nächste Front, so Mikkelsen, sei der Krieg gegen die Akzeptanz muslimischer Normen und Wege des Denkens. Das dänische Kulturerbe sei eine Kraftquelle in Zeiten der Globalisierung und Einwanderung. Kulturelle Wiederherstellung sei das beste Gegenmittel.

Dänemark ist kein Musterland der Meinungsfreiheit. Artikel 140 des Strafgesetzbuches sieht eine Geldstrafe und bis zu vier Monate Haft für die Herabsetzung einer "anerkannten religiösen Gemeinschaft" vor. Die dänische Rechte ist erst kürzlich zum Prinzip der Meinungsfreiheit umgeschwenkt. Sie hat eine eigene Idee von dessen Nutzung. In den vergangenen zwei Jahren hat die Dänische Volkspartei zweimal die Abschaffung des Blasphemie-Paragraphen vorgeschlagen. Die Parteimitglieder Jesper Langballe und Soren Krarup sind beide Pastoren in der Lutherischen Landeskirche und haben in Parlamentsreden Muslime als "ein Krebsgeschwür der dänischen Gesellschaft" bezeichnet. Sie wollen das auch außerhalb des Parlaments sagen dürfen. Der Paragraph wurde schließlich nicht gestrichen, auch weil im lutherischen Klerus nicht alle die Sicht der beiden Pastoren teilen.

Mangelnder Respekt vor Religion generell

Es ist ganz offensichtlich, dass islamisches Religionsrecht in säkularen Gesellschaften nicht angewendet werden kann. Es kann kein gesetzliches Verbot von Mohammed-Karikaturen geben. Die Anstrengung, einen weltweiten Bann gegen Darstellungen des Propheten zu verhängen, ist Teil des religiösen Restaurationsprojekts der Wahhabis und Taliban. Deshalb ist die Frage, ob die westliche Presse eine moralische Verpflichtung hat - und in Ländern mit Blasphemie-Paragrafen auch eine gesetzliche - gleichermaßen respektvoll gegenüber Muslimen und Christen zu sein?

Meinungsfreiheit gegen Respekt vor den Gefühlen der Gläubigen - Christen, Muslims oder andere - ist ein wichtiger Streitpunkt. Als ich die Interviews mit europäischen Muslimen führte, erzählten mir viele religiöse Führer, dass das zentrale Problem aus ihrer Sicht ein genereller Mangel an Respekt vor Religionen ist. Sie berichteten, dass sie es in der alltäglichen Politik leichter finden, mit den örtlichen Rabbis, Pastoren oder Priestern zusammen zu arbeiten als mit den Politikern.

Doch weder Europas wachsende innenpolitische Probleme mit religiösem Pluralismus noch die tölpische Provokation örtlicher Muslime durch eine dänische Tageszeitung erklären die ungewollte internationale Krise, mit der wir plötzlich konfrontiert sind. Offensichtlich bieten die Karikaturen den Extremisten eine große Gelegenheit: Radikale Elemente in islamischen Ländern voll innerer Zwietracht sowie Rechtsextremisten in Dänemark und Europa können Unterstützer unter den Unzufriedenen finden. Unter den Opfern sind die gemäßigten Muslime in Europa und weltweit, die nun immer mehr verwundet werden im Kreuzfeuer zwischen Fremdenfeinden und Islamisten.

Gekürzte Fassung. Übersetzung aus dem Englischen von Sebastian Fischer.

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