Karikaturen-Protest Tote und Verletzte in Pakistan

In der islamischen Welt setzen sich die gewaltsamen Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen fort: In Pakistan beteiligen sich 70.000 Menschen an den Demonstrationen, die bereits mehrere Todesopfer forderten. In Italien heizte ein Politiker die Stimmung jedoch weiter an.


Peshawar/Berlin - Laut Augenzeugen stürmten rund 200 aufgebrachte Muslime in Peshawar ein Restaurant der Schnellimbisskette Kentucky Fried Chicken und setzen es in Brand. Zudem gingen das Büro eines norwegischen Mobilfunkunternehmens, zwei Kinos und dutzende Autos in Flammen auf. Die pakistanische Polizei ging mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die Demonstranten vor. Mit rund 70.000 Teilnehmern ist es die bisher größte Demonstration in Pakistan gegen die Karikaturen.

Die Demonstranten errichteten Straßensperren aus brennenden Reifen, der Verkehr in der Stadt kam weitgehend zum Erliegen. Der Polizeichef der Nordwest-Grenzprovinz, Riffat Pasha, sagte, bei Ausschreitungen in der Provinzhauptstadt sei ein Demonstrant ums Leben gekommen, als ein Strommast auf ihn fiel. Zudem starb auch ein achtjähriger Junge durch einen Schuss ins Gesicht. Unklar ist bislang, wer den Schuss abgegeben hat. In Pakistan ist es bereits der dritte Tag gewaltsamer Proteste in Folge.

Gewaltsame Proteste in Pakistan (gestern in Lahore): Demonstranten stürmen westliche Geschäfte
AFP

Gewaltsame Proteste in Pakistan (gestern in Lahore): Demonstranten stürmen westliche Geschäfte

Einige skandierten Parolen wie "Tod Dänemark" und "Hängt diejenigen, die die beleidigenden Karikaturen zeichneten". In Lahore lieferten sich rund 1500 Studenten eine Straßenschlacht mit der Polizei. Dort starb ein weiterer Mann bei einem Schusswechsel zwischen Studenten und Polizisten. Die Sicherheitskräfte hätten auf dem Universitätsgelände einen Kollegen befreit, der von Demonstranten entführt worden sei, sagte ein Polizist. Auch in diesem Fall sei unklar, wer den Todesschuss abgefeuert habe. Der Beamte sei befreit worden, die Demonstranten hätten ihm aber beide Beine gebrochen.

Auch in der Stadt Tank im Nordwesten des Landes beteiligten sich mehr als 2000 Menschen an Protesten. Dabei wurden nach Polizeiangaben rund 30 Läden in Brand gesteckt, in denen CDs und DVDs verkauft wurden.

Auch in der philippinischen Hauptstadt Manila beteiligten sich heute rund 600 Muslime an einer Demonstration gegen die Karikaturen, bei der dänische Flaggen verbrannt wurden. "Enthauptet die, die den Islam verletzen", stand auf einem Spruchband, das von den Demonstranten vor der dänischen Botschaft in Manila hoch gehalten wurde.

In Malaysia haben die Behörden wegen der teilweisen Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten Mohammed eine chinesischsprachige Zeitung vorerst eingestellt. Wie die Tageszeitung "The Star" berichtete, darf das Blatt "Guangming" bis zum 1. März nicht erscheinen. "Guangming" hatte am 3. Februar ein Foto veröffentlicht, auf dem eine der zwölf Karikaturen zu sehen war, die ursprünglich von der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlicht wurden. In der vergangenen Woche hatten die malaysischen Behörden wegen der Veröffentlichung der Karikaturen ein weiteres Blatt, die "Sarawak Tribune", dicht gemacht.

Moskau droht Medien mit Verbot

Angesichts des weltweiten Streits um Mohammed-Karikaturen droht die russische Regierung den Medien des Landes mit Strafen bis zum Verbot, wenn sie religiöse Gefühle verletzen. "Sollte ein russisches Medium Material veröffentlichen, das die Gefühle von Gläubigen verletzt, werden unverzüglich die gesetzlich vorgesehenen Maßnahmen ergriffen bis hin zum Entzug der Lizenz", erklärte die Medienaufsichtsbehörde in Moskau.

Im religiös gespaltenen Russland gibt es neben den vorherrschenden orthodoxen Christen starke muslimische und buddhistische Minderheiten. Präsident Wladimir Putin hatte die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen als "unzulässige Provokation" verurteilt und Ländern wie Dänemark eine Entschuldigung nahe gelegt.

In der Stadt Wolgograd verwarnte die Staatsanwaltschaft die Zeitung "Gorodskije Westi", die eine Karikatur zu dem Streit um Zeichnungen des Propheten Mohammed veröffentlicht hatte. Die Karikatur zeigte die versammelten Religionsstifter Moses, Jesus, Mohammed und Buddha, wie sie im Fernsehen eine Prügelei ansehen und die Menschen ermahnen: "Das haben wir euch aber nicht gelehrt." Zunächst hatte der örtliche Ableger der Kreml-Partei Geeintes Russland gegen die Zeichnung protestiert.

Der russische Journalistenverband kritisierte die massive Drohung seitens der Medienaufsichtsbehörde Rosochrankultura. Das Verbot der Aufhetzung zu Religions- und Rassenhass sei gesetzlich geregelt, Ermahnungen seien überflüssig, sagte Verbandssekretär Igor Jakowenko.

Trotz der angespannten Stimmung hat sich der italienische Reform-Minister Roberto Calderoli T-Shirts mit den umstrittenen Karikaturen anfertigen lassen. Er werde diese T-Shirts ab sofort tragen, kündigte der Politiker der rechtsgerichteten Liga Nord gestern gegenüber der Nachrichtenagentur Ansa an. Wer ebenfalls solche T-Shirts haben wolle, könne sie von ihm geschenkt bekommen. "Es muss Schluss sein mit der Legende, dass mit diesen Leuten der Dialog gesucht werden muss", sagte Calderoli. "Sie wollen uns beleidigen, das ist alles."

Die "scheinheiligen Unterscheidungen" zwischen einem terroristischen Islam und einem friedfertigen Islam seien überflüssig. "Glücklicherweise" gebe es in Europa Politiker wie den österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, die sagten, dass die Europäer ihren Lebensstil nicht aufgeben würden, fügte Calderoli hinzu.

Deutsche Politiker entsetzt

Deutsche Medienpolitiker zeigen sich unterdessen entsetzt angesichts der Drohungen gegen den "Tagesspiegel"-Karikaturisten Klaus Stuttmann und der Forderung nach einer Entschuldigung. "Die Morddrohungen und die verbalen Attacken gegen den 'Tagesspiegel' sind absolut inakzeptabel", sagte der medienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jörg Tauss, der "Berliner Zeitung". Im Rahmen der Pressefreiheit müssten solche Karikaturen möglich sein. Zwar möge der Zeitpunkt der Veröffentlichung angesichts des Streits um die Mohammed-Karikaturen unglücklich sein, dies könne jedoch kein Grund für Einschüchterungen sein.

Der Unions-Experte für Medien, Wolfgang Börnsen (CDU), sagte: "Es ist unvertretbar, was für eine Drohkulisse gegenüber deutschen Redaktionen aufgebaut wird. Hier wird gezielt ein Konflikt geschürt", sagte er. Der medienpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Christoph Waitz, forderte dazu auf, sich klar auf die Seite des Karikaturisten Stuttmann zu stellen. "Er braucht unsere Solidarität und die Auseinandersetzung verdient eine klare und eindeutige Stellungnahme für die Kunst- und Pressefreiheit", sagte Waitz.

Die Grünen äußerten sich ebenfalls empört über die Drohungen und warnten vor einer Einschüchterung der Presse. "Die Bedrohung ist völlig irrational, aber jeder Karikaturist mit Familie wird sich jetzt überlegen, ob er noch Karikaturen wagt, die den Islam oder islamische Staaten zum Thema machen. Sie dürfen sich aber nicht einschüchtern lassen", sagte die medienpolitische Sprecherin Grietje Bettin.

lan/AP/AFP/Reuters/ddp/dpa



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