Karikaturen-Streit in Dänemark Genese des Zorns

Ratlos steht die dänische Politik vor dem Scherbenhaufen des Karikaturen-Streits. Nun beschuldigen Politiker dänische Muslime, die mit Halbwahrheiten und Übertreibungen den Zorn anheizten. Die Entrüstung außerhalb Dänemarks wird das nicht beenden.

Aus Kopenhagen berichtet


Kopenhagen - Im Foyer des dänischen Parlaments tummelt sich ein Trupp von Reportern um Naser Khader. Bodyguards halten die Fernsehleute auf Abstand. Khader, dänischer Muslim und Parlamentsabgeordneter der linksliberalen Oppositionspartei "Radikale Venstre", kann sich seit ein paar Tagen kaum noch frei bewegen. Er hat Morddrohungen bekommen. Die Anspannung steht dem Politiker ins Gesicht geschrieben.

Politiker Naser Khader: Seit Tagen unter Polizeischutz
SPIEGEL ONLINE

Politiker Naser Khader: Seit Tagen unter Polizeischutz

In Khaders Büro läuft der arabische Fernsehsender al-Dschasira. Auf dem Tisch liegt ein Buch von Amos Oz: "Wie man Fanatiker kuriert". Eine Frage, die sich auch Khader spätestens seit zehn Tagen stellen muss. Denn Khader steht als Leiter der dänischen Organisation "Moderate Muslime" im Fadenkreuz radikaler Islamisten aus Dänemark.

Khader lässt wenig Gutes an seinen radikalen Landsleuten. Die hätten absichtlich zur Eskalation der Gewalt beigetragen und die ganze Sache eigentlich erst von Dänemark aus in die Welt getragen, erzählt der in Syrien geborene Politiker. Damit meint der liberale Politiker nicht nur die ominöse Reise dänischer Muslime nach Ägypten. Viel mehr Aufsehen habe die Rede des in Kopenhagen lebenden religiösen Scheichs Mouhammed Fouad al-Barazi erregt, die der arabische Fernsehsender al-Dschasira übertragen hatte.

Zehn Tage ist das nun her. "Al-Barazi ist ein in der muslimischen Welt bekannter Führer der Muslim-Bruderschaft", erzählt Khader. Letzten Dienstag habe al-Barazi vor den laufenden Kameras des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira erzählt, in Dänemark plane man, den Koran zu verbrennen. "Er hat das als offizielle Tatsache hingestellt und nicht als das Gerücht, das es war. Nationalistische Dänen hatten solche SMS verschickt."

Scharfmacher auf al-Dschasira

Erst durch die dramatische Darstellung al-Barazis, der während der Übertragung als zusätzlichen Show-Effekt Tränen verdrückt habe, sei der Funke der Empörung endgültig in die arabische Welt übergesprungen, glaubt Khader. "Ich vermute einen direkten Zusammenhang zu den Ausschreitungen in Syrien", sagt er. Al-Barazi habe auf jeden Fall gewusst, dass dieses Gerücht nicht stimme.

Es sei in Ordnung, dass Muslime ihren Protest äußern, wenn das friedlich geschehe, sagt Khader. Dass alle wie er selbst herzlich über die Karikaturen lachen, könne man nicht erwarten. Allerdings wundert er sich, warum sie nicht den dafür angemessenen Weg wählen können. "Es ist eine dänische Angelegenheit. Warum sind die dänischen Muslime nicht einfach in Dänemark vor Gericht gegangen, sondern sind nach Ägypten gereist?", fragt sich Khader. Als er diese Frage einem Mitglied der muslimischen Delegation gestellt hat, habe der nur geantwortet: "Wenn Sie früher jemand in der Schule geärgert haben, dann sind Sie doch auch zu den Eltern gegangen."

Auch dem dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen einen Brief zu schreiben, wie es elf Botschafter aus islamischen Ländern bereits im Oktober 2005 getan hatten, sei falsch gewesen. "Was hat er damit zu tun? Wenn es ein diplomatisches Problem gibt, dann ist der Außenminister der Ansprechpartner", sagt Khader. Dass Rasmussen sich nicht mit den Botschaftern treffen wollte, sei ebenso unklug gewesen. "Das wurde wohl als Zurückweisung in den jeweiligen Ländern interpretiert."

Es war der 12. Oktober 2005, also kurz nach der Veröffentlichung der Karikaturen in "Jyllands-Posten", als im Büro des Ministerpräsidenten ein Brief einging. Die Absender waren die Botschafter mehrerer arabischer Länder. In dem gemeinsam von ihnen verfassten Brief steht: Die in "Jyllands-Posten" erschienenen Mohammed-Karikaturen hätten "eine sehr diskriminierende Tendenz, die sich nicht mit den Standards von Menschenrechten in Dänemark vertragen". Man wolle darauf hinweisen, dass die Zeichnungen Reaktionen in muslimischen Ländern und muslimischen Gemeinde in Europa auslösen könnten.

"Wir fordern dringend ein Treffen mit Ihnen"

Weiter heißt es dort: Man fordere die dänische Regierung auf, alle rechtlich möglichen Schritte einzuleiten, die für das "Vertrauen zwischen den Religionen in Dänemark und Dänemarks Beziehungen zur muslimischen Welt" von Interesse seien. Wir fordern dringend ein Treffen mit Ihnen!" Unterschrift: Die Botschafter der Türkei, Saudi-Arabiens, Irans, Pakistans, Ägyptens, Indonesiens, Algeriens, Bosnien-Herzegowinas, Libyens, Marokkos und einer palästinensischen Delegation.

Neun Tage später antwortete Rasmussen, ging aber auf die Forderung eines Treffens nicht ein. Stattdessen schrieb er, die Karikaturen seien durch die Pressefreiheit gedeckt. Keineswegs wolle er Einfluss auf die dänische Presse nehmen. "Die Meinungsfreiheit ist die Grundlage der dänischen Demokratie", so Rasmussen. Weil er aber den Dialog der Kulturen für wichtig halte, habe er "persönlich die Initiative übernommen, mit Repräsentanten muslimischer Gemeinden in Dänemark in einen Dialog zu treten".

Er verweist in dem Brief darauf, dass die dänische Verfassung jedoch "Taten oder Äußerungen verbietet, die blasphemisch oder diskriminierend" seien. Die angegriffene Partei könne solche Fälle vor Gericht bringen, und dann sei es die Sache der Richter im individuellen Fall zu entscheiden.

Jetzt ist ein halbes Jahr vergangen, bis Fogh Rasmussen sich letzte Woche zu einem Treffen mit den Botschaftern bereit erklärt hat. Allerdings hat er den Kreis der Geladenen nicht nur auf die Botschafter muslimischer Länder beschränkt, sondern gleich alle in Dänemark residierenden Abgesandten geladen.

Vor seinen Gästen wies Rasmussen noch einmal darauf hin, dass "Dänen dafür bekannt sind, ihre Meinung offen und geradeheraus zu vertreten, insbesondere gegenüber Autoritäten". Gleichzeitig machte er klar, dass die Regierung nie die Absicht gehabt habe, Muslime zu beleidigen. Er persönlich würde auch nie eine religiöse Figur abbilden, die die Gefühle anderer Menschen verletzen könnte.

Regierung will keinen Millimeter zurückweichen

Eine Taktik, die wohl auch mit der Linie von Rasmussen und seiner Partei "Venstre" zu tun hat: keine unnötige Provokation, aber gleichzeitig im Prinzip hart bleiben. Jens Rohde, Sprecher von "Venstre", erklärt: "Wir werden keinen Millimeter zurückweichen in unserer Haltung. Pressefreiheit ist unantastbar. Es gibt da kein Aber."

Zu einem Treffen mit den Diplomaten sei Rasmussen im Oktober allein deshalb nicht bereit gewesen, "weil es einfach kein Ergebnis gebracht hätte - denn der Staat darf und kann die Presse nicht einschränken", so Rohde. Es sei in der Partei diskutiert worden, wie man nun vorgehen soll. Man habe sich aber damals dazu entschieden, das Gespräch abzulehnen, "weil man uns gerade dann danach von muslimischer Seite vorgeworfen hätte, das wir uns nicht auf sie zu bewegen. Aber das können wir gar nicht".

Zumal in Dänemark eine große Tradition der Karikaturen herrsche, erklärt Rohde. Vor ein paar Jahren sei zum Beispiel in Dänemark ein Film gezeigt worden, der die christliche Religion sehr lächerlich gemacht habe. Damals habe es auch Gegenstimmen gegeben - friedliche, betont Rohde. Denn gerade der offene Umgang Dänemarks mit Gruppen des rechten und linken Randes der Politik habe bisher in Dänemark größere Zusammenstöße verhindert, glaubt er. "Wir haben auch eine nationalsozialistische Partei hier, die nicht verboten ist", sagt er. "Und radikale muslimische Glaubensgemeinschaften sind auch erlaubt."

Aber nun ist es offenbar einer kleine Gruppe radikaler Muslime gelungen, nicht nur eine Staatskrise auszulösen, sondern Dänen zum Hassobjekt von Islamisten weltweit zu machen. Und für viele dänische Politiker ist die Welt nicht mehr wie vorher. Auch nicht für den 35-jährigen Jens Rohde. Dauernd war er in den letzten Tagen im Fernsehen. "Und jetzt merke ich, ich gucke mich auf der Straße um, ob mich jemand verfolgt", sagt er.

Im Gegensatz zu ihm steht der Abgeordnete Khader längst unter dem Schutz mehrerer Polizisten. Er glaubt, dass es noch dauern wird, bis sich die Sache beruhigt. Bis dahin müsse man "demokratische Ohrfeigen" verteilen, sagt er. Und diejenigen stärken, die national und international für einen demokratischen Islam eintreten. Denn die Sache intern in Dänemark zu lösen, wie Khader es richtig gefunden hätte, dazu ist es jetzt viel zu spät.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.