Karikaturen-Streit "Jyllands-Posten" lehnte Jesus-Satire ab

Mit zwölf Mohammed-Karikaturen wollte die dänische Zeitung "Jyllands-Posten" ein Signal gegen Selbstzensur setzen. Nun kommt heraus, dass sie Jesus-Karikaturen abgelehnt hat - aus Sorge um die Gefühle der Leser.


Berlin - Obwohl der Streit um die Mohammed-Karikaturen der "Jyllands-Posten" bereits eine gefühlte Ewigkeit läuft, tauchen doch immer noch neue Facetten auf. Einen ganz neuen Zugang fand dieser Tage die dänische Zeitung "Politiken", das sozialliberale Konkurrenzblatt der konservativen "Jyllands-Posten".

Redaktion von "Jyllands Posten": Doppelte Standards?
REUTERS

Redaktion von "Jyllands Posten": Doppelte Standards?

Auf der Meinungsseite der Samstagsausgabe druckte "Politiken" eine Reihe von Jesus-Karikaturen. Gleich daneben wird ein E-Mail-Austausch aus dem April 2003 dokumentiert, in dem ein leitender Redakteur von "Jyllands Posten" die Veröffentlichung dieser Cartoons ablehnt - und zwar mit der Begründung: "Ich glaube nicht, dass die Zeichnungen den Lesern von 'Jyllands-Posten' gefallen werden. Ich denke, sie werden für einen Aufschrei sorgen. Darum werde ich sie nicht verwenden."

Die Begründung ließ einige Augenbrauen in die Höhe schnellen: Die Zeitung, die sich im Streit um die Mohammed-Karikaturen als Vorkämpfer der Meinungsfreiheit darstellt, legt bei christlichen Lesern einen anderen Maßstab an? "Es sieht schon ein bisschen nach Doppelmoral aus", sagt Jacob Fuglsand, der bei "Politiken" für die Meinungsseite verantwortlich ist. Man habe kurzzeitig überlegt, den Artikel auf der Titelseite zu bringen, aber ihn dann nur auf Seite sechs gedruckt, weil der Vorfall bereits so lange her ist.

Jens Kaiser, der Redakteur von "Jyllands-Posten", der die E-Mail damals geschrieben hat, bereut seine Wortwahl inzwischen. "Ich konnte nicht vorhersehen, dass meine nett gemeinte Absage an den Zeichner drei Jahre später veröffentlicht werden würde", erklärt er. "Es ist meine Schuld, dass ich dem Zeichner nicht gesagt habe, was ich wirklich dachte: Die Karikaturen waren einfach schlecht."

Der selbständige Zeichner Christoffer Zieler hatte die Jesus-Karikaturen unaufgefordert kurz vor Ostern 2003 an die Zeitung gesandt. "Er wollte, dass ich sie am Ostersonntag bringe", sagt Kaiser. Er habe sie abgelehnt, "so wie 95 Prozent aller Angebote". Er habe Zeichnern häufig nicht gesagt, dass ihre Arbeit schlecht sei, sondern andere Gründe angeführt, sagt Kaiser, der inzwischen im Lokalteil arbeitet.

In der aufgeladenen Atmosphäre gewinnt seine Mail von damals allerdings einige Brisanz. Die Entscheidung zeige "doppelte Standards", sagte ein Vertreter eines muslimischen Interessenverbandes dem britischen "Guardian". "Politiken" allerdings registriert bisher keine Zunahme von Leserbriefen.

Aufmerksam wurde "Politiken" durch einen Hinweis des Zeichners. "Ich fand, dass es eine hübsche Geschichte war, die einen neuen Blick auf das Problem eröffnet", sagt Fuglsand. Und man freue sich natürlich über jede Gelegenheit, der Konkurrenz eins auszuwischen.

Carsten Volkery



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.