Karikaturen-Streit Pakistaner verbrennen deutsche Flagge

Der Suizid eines pakistanischen Studenten in deutscher Haft sorgt in Pakistan für wütende Proteste. Demonstranten verbrannten eine deutsche Flagge. Amer Cheema, der den "Welt"-Chefredakteur wegen des Abdrucks der Mohammed-Karikaturen angreifen wollte, nannten sie einen Helden.


Berlin - "Amer Cheema ist ein Held des Islams", riefen die etwa 300 Studenten einer Schule für moslemische Geistliche bei der Protestveranstaltung in der Stadt Multan. Außer der deutschen Flagge verbrannten sie auch die Fahnen Dänemarks und der USA. "Sie sind Feinde des Islams, Ungläubige", skandierten die Demonstranten. Sie schworen, Cheemas "Heiligen Krieg" fortzusetzen. Die Schule gehört zu der konservativen Moslem-Partei Jamiat Taliba Arabia.

Demonstranten in der pakistanischen Stadt Multan verbrennen die deutsche Flagge: "Aamir Hero for the Islam" (Aamir Held für den Islam) steht auf einem der Plakate
DPA

Demonstranten in der pakistanischen Stadt Multan verbrennen die deutsche Flagge: "Aamir Hero for the Islam" (Aamir Held für den Islam) steht auf einem der Plakate

Der pakistanische Student Amer Cheema war am 20. März festgenommen worden, weil er versucht haben soll, den Chefredakteur der Zeitung "Die Welt" wegen des Abdrucks der umstrittenen Mohammed-Karikaturen anzugreifen.Mit einem Messer bewaffnet war der in Deutschland studierende Mann ins Foyer des Axel-Springer-Gebäudes in Berlin eingedrungen und wurde dort erst durch die Polizei überwältigt. Seitdem saß er in Berlin-Moabit in U-Haft, wo er am vergangenen Mittwoch erhängt aufgefunden wurde.

Gegenüber der Polizei hatte Cheema zugegeben, dass er den Chef der "Welt" wegen der Mohamed-Karikaturen angreifen wollte. Dazu sei er von seinem Wohnort Mönchengladbach extra nach Berlin gereist. Die deutsche Justiz hatte bereits eine Anklage gegen den 28jährigen erstellt, wegen schwerer Nötigung und Widerstand gegen Polizeibeamte. Im Fall einer Verurteilung hätte ihm eine Strafe zwischen sechs Monaten und fünf Jahren gedroht.

Cheema galt als suizidgefährdet

Die deutsche Justiz hat alle Vorwürfe bestritten. Am Montag soll der Leichnam des Studenten obduziert werden, um die genau Todesursache herauszufinden. Die Schweizer Zeitung "Sonntagsblick" berichtete unterdessen, dass Cheema als suizidgefährdet galt. Warum er trotz einer stündlichen Kontrolle der Zelle Selbstmord begehen konnte, sei rätselhaft.

Der Vorfall wird in Pakistan seit Tagen mehr und mehr zum Politikum. Schon am Donnerstag beschuldigte der Vater des Toten, sein Sohn sei in der Haft gefoltert worden. Einen Tag später beschloss das pakistanische Parlament, den Fall eingehend zu untersuchen. Zeitungen und Fernsehsender griffen den Tod auf und berichteten ausgiebig über die Verdachtsmomente, für die bisher keine Belege vorgebracht wurden. Die Proteste am Samstag könnten die Vorhut einer Welle von Demonstrationen sein.

Die Karikaturen, die zuerst in einer dänischen Zeitung erschienen und im Januar in anderen Ländern nachgedruckt worden, hatten weltweit Proteste ausgelöst, bei denen dutzende Menschen starben. Für viele Gläubige ist die Darstellung des Propheten Gotteslästerung. In Europa führte der Streit zu einer Debatte über die Verantwortung von Journalisten und die Grenzen der Pressefreiheit. Der "Welt"-Chefredakteur Roger Köppel hatte den Abdruck entschieden gerechtfertigt.

mgb/Reuters



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