Karikaturen-Streit "Wir wollen muslimische Leser nicht beleidigen"

In London zog bisher nur ein Häuflein radikaler Demonstranten vor die dänische Botschaft. Auf den Plakaten war zu lesen: "Schlachtet diejenigen, die den Islam beleidigen". Doch die sonst wenig zimperlichen britischen Blätter halten sich im Karikaturen-Streit auffällig zurück.

Von Sebastian Borger, London


Die Slogans der Demonstranten ließen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wer den Islam beleidige, müsse "geschlachtet" werden, forderte ein Plakat, "vernichtet" stand auf einem zweiten. Ein drittes konkretisierte die Strafe: Die Beleidiger gehören "geköpft". Neben den Plakatträgern marschierten junge Männer im Outfit von Selbstmord-Attentätern zur dänischen Botschaft im feinen Londoner Stadtteil Knightsbridge - und das im Herzen der Stadt, in der vor einem halben Jahr vier fanatisierte junge Männer 52 U-Bahn- und Buspassagiere in den Tod gerissen hatten.

London: Anti-Dänemark-Proteste im Herzen der Stadt
AP

London: Anti-Dänemark-Proteste im Herzen der Stadt

Dass der mörderische Anschlag kein Einzelfall bleiben werde, prophezeite ein anderes Plakat: "Die phantastischen Vier sind unterwegs." Einer der rund 500 Demonstranten hatte seiner zweijährigen Tochter die Mitteilung "Ich liebe al-Qaida" auf die Mütze drapiert. Andere forderten "einen echten Holocaust".

Unbeteiligte Beobachter hätten am Freitag glauben können, dass auch in Großbritannien der Karikaturen-Kulturkrieg ausgebrochen sei. Dabei herrschte in den britischen Blättern erstaunliche, geradezu gespenstische Einmütigkeit. Keine einzige Zeitung mochte sich vergangene Woche dazu entschließen, die kruden Mohammed-Zeichnungen aus Dänemark nachzudrucken - die Regierung nahm's lobend zur Kenntnis. Die Medien hätten "erhebliche Verantwortung und Sensibilität" bewiesen, teilte Außenminister Jack Straw mit und verteilte Zensuren an Andersgläubige: Der Abdruck der Karikaturen sei "unsensibel, respektlos und falsch".

Vom Minister weiß man, dass er diese Dinge beurteilen kann. Immerhin ist in seinem Wahlkreis Blackburn mehr als ein Viertel der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Zu guter Letzt gab Straw noch zu Protokoll, dass die Regierung die freie Meinungsäußerung schützen und bewahren wolle.

Früher "Pakis", heute "Muslims"

Daran hat eine breite Koalition von Kirchenleuten wie dem früheren anglikanischen Erzbischof von Canterbury, Lord Carey, über die Oppositionsparteien bis zu Komikern wie Rowan Atkinson ("Mr. Bean") erhebliche Zweifel geäußert, als in den vergangenen Wochen das Gesetz gegen religiöse Hetze diskutiert wurde. Sie sahen die Meinungsfreiheit in akuter Gefahr. Als Beispiel verwiesen sie auf eine junge Kriegsgegnerin, die kürzlich am zentralen Kriegerdenkmal in der Nähe des Unterhauses die Namen der mittlerweile 100 im Irak getöteten britischen Soldaten verlesen hatte und dafür mit Hilfe der neuen Anti-Terrorgesetze strafrechtlich belangt worden war - wegen Verletzung der Bannmeile ums Parlament.

Das neue Gesetz ist als Instrument gegen Rassisten gedacht, die, statt wie früher "Pakis" zu sagen, jetzt abschätzig von "Muslims" reden. Die Maßnahme gehörte zu Labours Versprechen bei der jüngsten Unterhauswahl im vergangenen Mai - sicher auch als Geste der Versöhnung an jene muslimischen Wähler, die Labour für Tony Blairs Beteiligung am Irak-Krieg bestrafen wollten. Das Oberhaus ließ dem Gesetzentwurf einige vernünftige Korrekturen angedeihen, vergangene Woche erlitt die Regierung im Unterhaus eine seltene Abstimmungsniederlage, als sie die Korrekturen rückgängig machen wollte.

"Sun" will "hochgeschätzte muslimische Leser" nicht beleidigen

Jetzt wird auf der Insel die akademisch anmutende Diskussion darüber geführt, ob das Gesetz in seiner ursprünglichen Form den Abdruck der Mohammed-Karikaturen unter Strafe gestellt hätte. Dabei lässt sich Londons Fleet Street sonst von Strafandrohungen kaum schrecken: Immer wieder werden "im öffentlichen Interesse" Geheimdokumente der Regierung oder wenig vorteilhafte Fotos von Prominenten gezeigt und abgedruckt - der Wahrheitsfindung dienen sie, vorsichtig gesagt, nicht immer.

Da mutete es kurios an, wie etwa der linksliberale "Guardian" begründete, warum das Blatt zwar die Karikaturen nicht abdruckte, seinen Lesern aber einen - übrigens untauglichen - Link zu einer Website mitteilte: "Zeitungen sind nicht dazu verpflichtet, anstößiges Material nur deshalb zu veröffentlichen, weil es umstritten ist." Rupert Murdochs konservative "Times" traf die gleiche Entscheidung. Es gebe in der Frage "nicht Schwarz oder Weiß". Immerhin wies der "Times"-Leitartikler auch darauf hin, dass der heilige Zorn glaubwürdiger wäre, "wenn man im Nahen Osten nicht dauernd auf Bilder träfe, die üble Beleidigungen für Juden und Christen darstellen".

Murdochs Boulevardblatt "Sun", das wie die meisten britischen Zeitungen unter konstantem Auflageschwund leidet, nahm wie immer kein Blatt vor den Mund: "Wir sehen keinen Grund, absichtlich unsere hochgeschätzten muslimischen Leser zu beleidigen". Auch der "Telegraph" übte sich in Beschwichtigung: "Muslime der Welt, seid vernünftig", schrieb das Hausblatt der konservativen Opposition und echote damit jenen jordanischen Chefredakteur, der für den Abdruck der Karikaturen prompt gefeuert wurde.

Nur die BBC schert aus

Ausgerechnet die brave BBC, die sonst oft der veröffentlichten Meinung hinterhersendet, bewies diesmal Eigenständigkeit. In der Hauptnachrichtensendung wurden die Titelseite von "France Soir" und damit auch die anstößigen Zeichnungen kurz gezeigt. Ebenso entschied sich der Minderheitenkanal Channel Four.

Heute herrscht nun wieder weitgehende Einigkeit, diesmal in der Empörung über die üblen Slogans der Demonstranten vom Wochenende. "Sperrt ihn ein", forderte die "Sun" auf der Titelseite neben einem Foto des kostümierten Selbstmord-Attentäters. Der linke "Mirror" pflichtete bei: Die tolerante britische Lebensart müsse "robust gegen ihre Feinde verteidigt" werden. Und der "Guardian"-Leitartikler verlangte kurz und bündig: "Wer Tötungen androht, sollte für solche Drohungen zur Rechenschaft gezogen werden."

Zustimmend lassen die Zeitungen Oppositionspolitiker wie Schatten-Innenminister David Davis zu Wort kommen, der die Slogans "für eine ernste Straftat" hält. Auch Labour-Hinterbänkler und die Sprecher gemäßigter muslimischer Organisationen forderten eine rasche Strafverfolgung, stießen damit aber bei der Polizei auf taube Ohren. "Keine Sorge, die werden alle fotografiert", hatte ein Beamter am Freitag empörten Passanten erklärt, die auf die Hetzplakate hinwiesen. Festnahmen? Die, erläutert ein Polizeisprecher, werde es, "wenn überhaupt, zu einem geeigneten Zeitpunkt" geben.



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