Karikaturenstreit Demonstranten hängen Müntefering-Puppe auf

Die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen werden immer bizarrer: Im pakistanischen Peschawar henkten Demonstranten Puppen westlicher Politiker, unter ihnen Vizekanzler Müntefering. Der hat sich allerdings bislang nie öffentlich zum Karikaturstreit geäußert.


Islambad - Die Wut der Demonstranten in Peschawar entlud sich in symbolischer Lynchjustiz: Die erzürnte Menge henkte mehrere Puppen. Sie sollten den dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen, den französischen Präsidenten Jacques Chirac, den norwegischen Regierungschef Jens Stoltenberg und Vizekanzler Franz Müntefering darstellen.

Völlig unklar ist bisher, warum sich der Protest gegen den in Pakistan eher unbekannten deutschen Vizekanzler und Arbeitsminister richtete. Müntefering hatte sich bisher im Karikaturenstreit öffentlich zurückgehalten.

Müntefering-Puppe in Peschawar: "Absolut skurril"
DPA

Müntefering-Puppe in Peschawar: "Absolut skurril"

In einer ersten Reaktion hieß es aus Kreisen des Arbeitsministeriums gegenüber SPIEGEL ONLINE, die Meldung mute "absolut skurril" an. Man müsse zunächst abwarten, ob die Puppe tatsächlich Müntefering darstellen solle. Die Puppen trugen keinerlei erkennbare Gesichtszüge.

Die pakistanischen Behörden versuchten heute, die gewalttätigen Proteste einzudämmen. Die Polizei stellte einen islamistischen Prediger unter Hausarrest und nahm zahlreiche Demonstranten fest. Der Geistliche Hafiz Mohammad Said, Gründer der von den USA als Terrororganisation eingestuften Gruppe Laskhar-e-Taiba, durfte nicht beim Freitagsgebet in Lahore predigen, wie sein Sprecher mitteilte. Said steht heute an der Spitze von Jamaat-ul Dawa, einer der größten fundamentalistischen Bewegungen in Pakistan. Nach Angaben seines Sprechers hatte er geplant, beim Freitagsgebet in seiner Moschee in Lahore und anschließend bei einer Veranstaltung in der Stadt Faisalabad zum Karikaturenstreit Stellung zu nehmen.

Mit Wasserwerfern gegen Demonstranten

Insgesamt nahm die pakistanische Polizei in mehreren Städten rund 150 Menschen fest. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden wegen der anhaltenden Unruhen verschärft. In der größten pakistanischen Stadt Karatschi lösten Polizisten mit Wasserwerfern und Schlagstöcken eine gewalttätige Demonstration mit tausenden Teilnehmern auf. Ein von religiösen Parteien ausgerufener Generalstreik wurde weitgehend befolgt. Auch in Multan ging die Polizei mit Schlagstöcken gegen Demonstranten vor, die Puppen von US-Präsident George W. Bush und von Dänemarks Regierungschef Rasmusswen verbrannten. In Peshawar riefen rund tausend Demonstranten Sprechchöre wie "Tod Dänemark".

Wegen der seit Tagen andauernden Proteste gegen die zuerst in Dänemark erschienenen Zeichnungen wurde die dänische Botschaft in Islamabad vorübergehend geschlossen. Nach Diplomatenangaben hält sich der dänische Botschafter Bent Wigotski noch in Pakistan auf und wurde zusammen mit Vertretern anderer Botschaften ins Außenministerium einbestellt. Die Gründe dafür sind bisher nicht bekannt. Kurz darauf beorderte Pakistan seinen Botschafter in Dänemark zu Beratungen nach Islamabad.

In den vergangenen Tagen waren in Pakistan bei Protestkundgebungen gegen die Karikaturen mehrere Menschen getötet worden. Die Demonstrationen richten sich zusehends auch gegen den pro-westlichen Kurs des pakistanischen Militärmachthabers Pervez Musharraf.

ler/AFP/dpa

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