Karikaturenstreit Terrorführer wiegeln Extremisten gegen deutsche Zeitungen auf

Im Westen ist der Karikaturenstreit fast vergessen – doch die Terrornetzwerke al-Qaida und Ansar al-Sunna sinnen weiter auf Rache. Die Ansar veröffentlichen nun erstmals eine Liste von Zeitungen, die die Mohammed-Cartoons nachdruckten. Darunter auch vier deutsche Blätter.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Der Artikel im aktuellen Online-Magazin der Terrorgruppe "Ansar al-Sunna" ("Unterstützer des sunnitischen Islam") beginnt ganz harmlos, mit einer scheinbar neutralen Chronik: "Am 17.9.2005 veröffentlichte die dänische Zeitung 'Politiken' einen Artikel, in dem sie darüber berichtete, dass der Journalist Kare Bluitgen Schwierigkeit habe, Illustratoren für sein Kinderbuch über das Leben des Propheten Mohammed zu finden."

"Der Pfad des Dschihad ist offen": Namen westlicher Zeitungen im Magazin der "Ansar al-Sunna" 

"Der Pfad des Dschihad ist offen": Namen westlicher Zeitungen im Magazin der "Ansar al-Sunna" 

Im zweiten Absatz, in dem beschrieben wird, wie die Zeitung "Jyllands Posten" eine Serie von zwölf Karikaturen über den Begründer des Islams abdruckte, werden die Autoren dann deutlicher: Das Blatt sei "eine extremistische Kreuzfahrerzeitung". Die Zeitung gehöre der in Dänemark "regierenden Partei".

Und am Ende des Artikels formulieren die Autoren des Terror-Magazins einen etwas verklausulierten aber für ihre Zielgruppe klar verständlichen Aufruf zur Gewalt: Es gehe ohnehin nicht nur um eine Zeitung, sondern um "eine Angelegenheit auf internationalem Niveau". Taten müssten her, der Prophet müsse gerächt werden, so der deutliche Tenor.

Die Rede ist vom Karikaturenstreit, der Anfang des Jahres die arabische und islamische Welt erfasste - Monate, nachdem die "Jyllands Posten" die als beleidigend empfundenen Zeichnungen veröffentlicht hatte. Europäische Konsulate brannten in Beirut, bei Demonstrationen in Afghanistan gab es Tote, dänische Produkte wurden im Nahen Osten wochenlang boykottiert. Dann beruhigte sich die Lage wieder, die Krise schien beendet. Bis jetzt.

Eine Sonderausgabe des Online-Magazins der irakisch-kurdischen Terrorgruppe "Ansar al-Sunna" könnte nun für eine Eskalation sorgen. Denn erstmals werden in der extremistischen Kampfschrift Dutzende europäische Zeitungen aufgelistet, die die Mohammed-Cartoons nachdruckten. Auf der Liste auch die deutschen Blätter "tageszeitung", "Berliner Zeitung", "Welt" und "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Mord an Van Gogh subtil als Vorbild beschrieben

Für Terror-Experten ist klar, was die Autoren des Magazins im Sinn haben: Sie wollen potenzielle Attentäter zu Vergeltungsakten anstiften. Und sie tun das auf eine Art und Weise, die seit längerem zu beobachten ist. Danach geben Terrorführer wie Osama Bin Laden oder sein Stellvertreter Aiman al-Zawahiri keine direkten Befehle für einzelne Terrorakte. Sie orchestrieren die islamistische Gewalt eher durch Hassreden und setzen auf die Eigeninitiative ihrer Anhänger.

Die Formulierungen in der Sonderausgabe des Online-Magazins "Ansar al-Sunna" zum Karikaturenstreit passen exakt in dieses Muster: "Wenn es auch Schwierigkeiten geben sollte, die Muslime insgesamt in dieser Angelegenheit zur Vollstreckung des göttlichen Urteils zu bewegen", heißt es dort, "so steht der Weg in den Dschihad gegen die Feinde Gottes doch offen".

Und auf eine zynische subtile Weise geben die "Ansar" ("Unterstützer") möglichen Gotteskriegern auch gleich ein Beispiel für den Dschihad gegen Medienschaffende: Über den Mörder des niederländischen Filmemachers Theo Van Gogh schreiben sie nüchtern: Van Goghs aus ihrer Sicht islamfeindlicher Film "Submission" habe Mohammed Buyeri eben dazu gebracht, den Filmemacher zu töten.

Die "Ansar al-Sunna" sind eine der aktivsten Terrorgruppen im Irak, sie hat überdies belastbare Beziehungen in mehrere europäische Länder. Schon das macht die Magazin-Ausgabe brisant.

Doch die "Ansar" sind nicht die einzigen islamistischen Gotteskämpfer, die das Karikaturen-Thema derzeit am Kochen halten und indirekt zu Gewalt gegen westliche Medien aufrufen.

Titelblatt der Aprilausgabe: "Sonder-Dossier - Unterstützung für das Siegel der Propheten"

Titelblatt der Aprilausgabe: "Sonder-Dossier - Unterstützung für das Siegel der Propheten"

Den Anfang machte vor einigen Wochen al-Zawahiri, die Nummer Zwei al-Qaidas: "Das zweite, wovon ich euch erzählen möchte, sind die westlich-kreuzfahrererischen Hassgefühle, die gegen die Persönlichkeit des ehrwürdigen Propheten Muhammad gerichtet sind", verkündete der Ägypter in einer Botschaft. "Dieser Angriff verlangt uns eine riskante Entscheidung ab: Sind wir oder sind wir nicht bereit, uns selbst und das, was wir besitzen, auf dem Wege Gottes als Opfer zu bringen?", fuhr er fort, und nannte auch gleich die Anschläge von New York, London und Madrid als Beispiele für die Bestrafung des Westens.

Auch Bin Laden fordert Bestrafung

Mitte April legte Bin Laden höchstpersönlich nach: "Ich dränge euch, unseren Propheten Mohammed zu unterstützen", hieß es in einer per Tonband verbreiteten Botschaft, mit dem sich der Qaida-Chef an die Gemeinschaft der Muslime wandte. Er forderte die Bestrafung "derer, die für dieses schreckliche Verbrechen verantwortlich sind, das von einigen Kreuzfahrer-Journalisten und vom Glauben Abgefallenen ausgeführt wurde". 

Und nun noch die "Ansar al-Sunna". Experten sehen diese Häufung mit Sorge. "Wir glauben, die Sache sei vorbei, aber die halten das am Brodeln", heißt es im Umfeld von deutschen Sicherheitsbehörden. "Wenn man das beobachtet, muss man davon ausgehen, dass es Reaktionen von Militanten in den genannten Ländern oder gegen Journalisten aus diesen Ländern geben wird", meint auch Guido Steinberg, Terrorexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Die Veröffentlichung durch eine große Terrororganisation mit transnationaler Struktur ist gefährlich."

Bedrohung schwer einzuschätzen

Denn die "Ansar al-Sunna", so Steinberg weiter, haben Netzwerke in Deutschland, Skandinavien und Italien. In Norwegen lebt der Gründer ihrer Vorläufigerorganisation "Ansar al-Islam", Mullah Krekar. In Italien und Deutschland sind in den letzten Jahren "Ansar"-Anhänger aufgeflogen, die Militante in den und aus dem Irak schleusten. Auch die Exil-Iraker, die 2005 in Berlin mutmaßlich ein Attentat auf den irakischen Übergangspremier Ijad Allawi planten, stammten aus diesem Umfeld. Von Deutschland aus soll auch die Website der Organisation zeitweise betrieben worden sein. Es ist sicher kein Zufall, dass besonders viele Zeitungen aus diesen Ländern aufgelistet werden. Die Zuarbeit von hier lebenden Anhängern kann vermutet werden. Nach Schätzung von Verfassungsschützern haben die "Ansar" allein in Deutschland davon rund hundert.

Wie viele von ihnen zu Attentaten hier bereit wären oder das Online-Magazin lesen, kann freilich niemand wissen. Die konkrete Bedrohung durch die Hasspropaganda ist deshalb unmöglich einzuschätzen. Auf der anderen Seite ist bekannt, dass islamistische Terrornetzwerke heute immer weniger über konkrete Einsatzbefehle funktionieren, sondern dezentral, indem sie willigen Attentätern mögliche Ziele vorschlagen.

"Es ist unsere Pflicht, die Anstrengungen zu verstärken, dass fehlerhafte Denken einiger Muslime zu korrigieren und zu zeigen, was die 'Religion der Demokratie' bedeutet", schreiben die Magazin-Autoren. Und Aufgabe der Kämpfer sei es, "den Weg des Propheten zu folgen und den Kampf gegen die Feinde der Religion aufzunehmen".



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.