Als Schwarzenegger im März 2009 nach Deutschland fliegt, um die Computermesse "Cebit" in Hannover zu eröffnen, nimmt er Ralf Moeller mit. Sie sitzen nebeneinander und lesen die Zeitschrift "GQ", wie Zwillinge oder eben echte Kumpels, und Schwarzenegger lacht Moeller aus, als der schon kurz nach dem Start zu schnarchen beginnt.
Moeller ist als Bodybuilder und Filmschauspieler nicht so erfolgreich wie Schwarzenegger, aber zwölf Jahre jünger und deshalb zumindest im Fitnessstudio ein ebenbürtiger Partner. Moeller sagt nie ein schlechtes Wort über Schwarzenegger. Er sitzt im Restaurant direkt neben Schwarzenegger, und wenn es ans Bezahlen geht, ist er es, der ruft: "Leute, Geld raus! Der Gouverneur soll nicht wieder alles alleine bezahlen!" Er nennt ihn wirklich so. Moeller nennt seinen Freund den "Gouverneur".
Schwarzenegger war schon Moellers Vorbild, als dieser noch ein Halbstarker in Recklinghausen war. Er ist 1,96 Meter groß, größer als Arnold, aber ihm fehlten damals die Muskeln. Er versuchte es erst mit Schwimmen, dann mit Boxen, und schließlich, als er 17 Jahre alt war, entschloss er sich, Bodybuilder zu werden.
Sechs Jahre arbeitete er an sich, sein Fleiß wurde Fleisch, und endlich stand er zum ersten Mal vor Arnold Schwarzenegger.
Schwarzenegger hatte gerade "Conan der Barbar" gedreht und war 1982 in Essen auf Werbetour. Ein österreichischer Bodybuilder, der es in Hollywood geschafft hatte, das gab Moeller Mut. Als er im selben Jahr bei den Mister-Universum-Wahlen in Belgien antrat, kommentierte Schwarzenegger: "Wenn der Moeller den Latissimus-Muskel rausfährt, dann ist das, als wenn sich ein Vorhang schließt." Dieser Satz war wie eine Heiligsprechung für Moeller. Seit 1992 lebt er in Los Angeles mit seiner Frau und den beiden Töchtern, in einem Haus mit Swimmingpool auf dem Villenhügel Brentwood, von wo aus er Schwarzeneggers Villa sehen kann.
Schwarzenegger weiß, wie Soldaten ticken
Einmal, im Sommer 2008, sitzen Schwarzenegger und Moeller auf der Terrasse des Zigarrenclubs "Havana Room", gegenüber vom "Caffe Roma", von wo aus man einen schönen Blick auf den Canon Drive hat und auf die dekolletierten Damen in ihren offenen Bentleys. Ralf Moeller erzählt Schwarzenegger aufgeregt von seinen Plänen. In ein paar Wochen soll es losgehen.
Erst Berlin, Treffen mit Verteidigungsminister Franz Josef Jung, dann weiter nach Köln-Wahn, zum Militärflugplatz, und mit der Transall über den Hindukusch, schließlich ins Bundeswehrcamp in Masar-i-Scharif. Sportsachen will er mitbringen, deutsche Fitnessgeräte, Brust- und Bizepsmaschinen, Laufbänder, Crosstrainer, ein ganzes Fitnessstudio. Die Soldaten sollen fit bleiben, sagt Moeller, und sie sollen Spaß haben, denn sie tun ja ganz schön viel für ihr Land. Ralf Moeller, der deutsche Hollywood-Schauspieler, geht auf Auslandsmission, um sich wie Schwarzenegger in der Politik einen Namen zu machen.
"Hmmmm", sagt Schwarzenegger. Er weiß nicht, ob "Spaß haben" sexy genug klingt. Er sieht sich selbst, wie er im Sommer 2003 amerikanische Soldaten in Bagdad besuchte, um sie zu motivieren und ihnen seinen Film "Terminator 3" zu zeigen. Schwarzenegger weiß genau, wie Soldaten ticken.
"Action", sagt Schwarzenegger. "Du musst sofort irgendetwas machen, wenn sie dich sehen. Die sind ausgebildet, um zu töten, da darfst du nicht zögern, die brauchen Action, Ralf." Seine Freunde sind auch seine Schüler. Sie sammeln sich um ihn wie um einen Guru. Sein Lebensstil ist in gewisser Weise auch ihr Kult.
Zuhause gelten die Regeln der Political Correctness nicht
Seine Freunde machen ihm Spaß, aber sie sind auch eine Zuflucht für ihn. Sie sind dabei, wenn er nachmittags Kaffee trinken geht, wenn er einen Kinofilm schaut, wenn er beim Friseur sitzt und Zuhause seine Reden mit dem Teleprompter probt. Da muss er sich nicht immer benehmen, da gelten nicht die Regeln der politischen Korrektheit, nicht die Regeln von Sacramento, auch nicht die Regeln der Kennedys. "Zero Agenda", zweckfrei seien diese Treff en, sagt er, niemand frage nach etwas, niemand zitiere etwas. "Wir sitzen zusammen und müssen uns keine Gedanken machen, was wir sagen und was nicht." Sie sind ihm so wichtig, dass seine Frau Maria Shriver sie gelegentlich als lästig empfindet. "Das Haus ist auch euer Haus", soll Schwarzenegger seinen Freunden gesagt haben, als er und Maria in die neue Villa in Brentwood einzogen.
Eines Abends, als er mit seiner Clique im Garten sitzt, kommt Maria Shriver aus dem Haus, mit langer Zigarettenspitze, und bittet die Männer um Feuer. "Ich würde hier auch gern sitzen, rauchen und stark sein und mich selbst super finden", macht sie sich lustig. Schwarzenegger schaut sie kurz an. Dann sagt er nur: "Weißt du was, mein Herzblatt, geh einfach wieder rein." Reich sein, das war für Schwarzenegger immer die Voraussetzung dafür, er selbst zu sein. Keine andere Macht über sich zu haben. Keinen Vater, keinen Mentor, keinen Chef.
Unabhängigkeit war sein Ziel, aber schon früh wusste er auch, dass dazu Geld alleine nicht reicht. In einem Interview mit dem Kulturmagazin "After Dark" sagte Schwarzenegger 1977: "Was ich mir wünsche ist, mich absolut frei zu fühlen. Ich will einmal in der Lage sein, absolut alles machen zu können, was bedeutet, dass ich mir einen Namen und ein Image schaffen muss, damit okay ist, was immer ich mache, und dafür brauche ich einen unglaublich mächtigen Namen - einen Namen, den jeder kennt." So hat er Arnold zur Marke gemacht. "Ich habe gelernt, dass man sich in einem Bereich etablieren muss, in dem sich kein anderer befindet. Dann musst du eine Nachfrage nach dir erzeugen und dich aufbauen. Während die Konkurrenz weitermacht wie bisher, musst du langsam und ohne dass sie es bemerken, deine eigene kleine Festung bauen. Und plötzlich ist es für sie zu spät zum Eingreifen. Und sie müssen zu dir kommen, denn du hast, was sie wollen." Freiheit heißt für ihn auch, seinen Willen zu diktieren. Es ist eine Frage der Macht.
Freiheit, wie der Gouvernator sie meint
Schwarzenegger denkt in Geschichten. Alles muss eine gute Geschichte abgeben, sein Leben, seine Karriere. Sie muss Spannung haben, Drama. Es war nie ganz falsch, was er von seinem Leben erzählte, aber manchmal eine dramatischere Version der Wahrheit. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind bei ihm fließend. In seinen Filmen spielt er nie jemand anderen, sondern eine übermenschliche Projektion seiner selbst.
Manchmal kommen die Freunde zusammen und beklagen sich über einen anderen, dass er sich zu stark herausgehängt hat, dass er Arnolds Namen missbraucht hat für den eigenen Aufstieg. Aber dann sitzt er nur da und lächelt milde, und der Beschwerdeführer verstummt. Arnold mag es nicht, wenn man sich im Arnieland streitet. Es ist groß genug für alle, die er seine Freunde nennt. Arnold Schwarzenegger ist wie ein Sozialstaat für seine Getreuen.
Ein Freitag im Mai 2009. Er sitzt mit seinen Freunden im Sushi-Restaurant "Luckyfish", mitten in Beverly Hills. Es dauert ungewöhnlich lange, bis ein Kellner kommt, aber Schwarzenegger lässt sich zunächst nicht anmerken, dass ihn das stört. Dann hat er einen Einfall, der ihm gefällt, weil er so unverschämt ist, so anmaßend, dass nur er darauf kommen kann: "Holt doch mal gegenüber eine Pizza, mal sehen, was dann passiert." Gegenüber ist die "Mulberry Street Pizzeria", man bekommt dort ein "cheese slice" für drei Dollar zum Mitnehmen, und weil die Pizzen dort immer schon fertig sind, liegt weniger als eine Minute später eine autoreifengroße Pizza Margherita vor ihm auf dem Tisch. Schwarzenegger öffnet die Schachtel, verteilt sie, jeder bekommt jetzt ein Stück, eine große, lappige Pizza Margherita auf die feinen Sushi-Teller. Er wird nachher ein besonders großzügiges Trinkgeld geben, aber diesen Moment kostet er aus. "Guten Appetit", sagt Schwarzenegger. Er will wissen, wie schnell nun das Sushi kommt.
Das ist die Freiheit, die Schwarzenegger meint. Zu sein, wie man will. Nicht nur im Sushi-Laden.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Arnold Schwarzenegger | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH