Karzai im SPIEGEL-Interview "Die Bundeswehr könnte für immer hier bleiben"

Die westlichen Truppen werden aus Afghanistan abziehen, doch das Land braucht auch danach noch Hilfe, sagt Präsident Karzai im Gespräch mit dem SPIEGEL. Besonders willkommen sind ihm die Deutschen - und das sogar militärisch: Die Bundeswehr dürfe gern länger bleiben.

Außenminister Guido Westerwelle, afghanischer Präsident Hamid Karzai: Konferenz in Bonn
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Außenminister Guido Westerwelle, afghanischer Präsident Hamid Karzai: Konferenz in Bonn


Hamburg - In einem ist sich Präsident Hamid Karzai sicher: Afghanistan benötigt nach dem geplanten Truppenabzug der Nato im Jahr 2014 noch mindestens zehn Jahre lang finanzielle Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft.

Vor allem Hilfe beim weiteren Aufbau der Armee, der Polizei und der staatlichen Institutionen sei vonnöten, sagte Karzai im Gespräch mit dem SPIEGEL. Noch immer gebe es massive Probleme bei der Sicherheitslage im Land. "Wir sind leider daran gescheitert, Sicherheit und Stabilität für alle Afghanen zu schaffen", gestand der Präsident, "das ist unser größtes Versagen." Er stelle den Truppenabzug gleichwohl nicht in Frage.

Die Bundeswehr sei bei den Afghanen von allen Isaf-Einsatzkräften am beliebtesten und "herzlich willkommen, uns auch nach 2014 zu helfen". "Aus unserer Sicht könnte die Bundeswehr für immer hier bleiben - aber das ist eine deutsche Entscheidung", so Karzai.

Sein Land stehe derzeit "mehr denn je an der Frontlinie" im Kampf gegen den Terrorismus, "Wenn wir diesen Kampf verlieren, droht uns allen ein Rückfall in eine Situation wie vor dem 11. September 2001", so die Mahnung des Präsidenten. Der britische "Guardian" hatte berichtet, die afghanischen Sicherheitskräfte sähen einer Finanzierungslücke von vier Milliarden Dollar entgegen. Eine Übereinkunft darüber, wie die Finanzierungslücke geschlossen werden soll, wird frühestens für den Nato-Gipfel im nächsten Sommer in Chicago erwartet.

"Pakistan verweigert jede Hilfe"

Scharfe Kritik übte Karzai an der Haltung Pakistans. "Bisher haben sie leider jede Hilfe beim Zustandekommen von Verhandlungen mit der Taliban-Führung verweigert", sagte Karzai. Bestimmte Kreise dort wollten sich durch die Taliban auch künftig Einfluss in Afghanistan sichern. "Solange sich das nicht ändert, wird es wohl keine Gespräche geben."

Die "Bild"-Zeitung berichtete am Samstag unter Bezugnahme auf einen französischen Geheimdienstbericht vom Februar, der pakistanische Militärgeheimdienst ISI arbeite direkt mit Aufständischen in Afghanistan zusammen. Es gebe außerdem Hinweise darauf, dass Pakistan und der Iran ein gemeinsames Zentrum planten, um Geld und Training für die Aufständischen zur Verfügung zu stellen.

Die Haltung Pakistans belastet auch die internationale Afghanistan-Konferenz in Bonn. Pakistan hatte seine Teilnahme an der am Montag beginnenden Veranstaltung abgesagt. Grund des Boykotts ist ein Nato-Luftangriff im Grenzgebiet zu Afghanistan, bei dem am 25. November mindestens 24 pakistanische Soldaten getötet wurden.

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, warnte angesichts der Absage vor einem Scheitern des Treffens: "Afghanistan und Pakistan - das ist ein Thema. Insofern macht es kaum Sinn, eine Konferenz durchzuführen, bei der das wichtigste Land, das außerdem noch die Atomwaffe hat, nicht dabei ist", sagte Kirsch der Online-Ausgabe der "Mitteldeutschen Zeitung".

Karzai, der die Konferenz am Montag leiten wird, war bereits am Freitagabend in Bonn zu ersten Gesprächen mit Außenminister Guido Westerwelle (FDP) zusammengetroffen.

Kein Vertrauen in die Regierung Karzai

Der frühere Verteidigungsminister Peter Struck sieht die Entwicklung Afghanistans mit Sorge. "Mein Vertrauen in die Regierung Karzai ist verschwunden", sagte der SPD-Politiker in Bonn. Der afghanischen Zivilgesellschaft und couragierten Bürgern komme deshalb eine bedeutende Rolle zu. Die Menschen in Afghanistan könnten sich bei ihrem Engagement auf die politischen Stiftungen in Deutschland verlassen, versicherte der Vorsitzende der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. "Wir lassen Sie nicht allein."

Insgesamt wurden 34 Vertreter der afghanischen Zivilgesellschaft nach Bonn entsandt, die in einem zweitägigen Diskussionsforum ihre Ideen zur Zukunft Afghanistans vorstellen. Bei den Delegierten handelt es sich um 18 Männer und 16 Frauen verschiedener Altersgruppen und Herkunft, Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden und Medien.

Nach Schätzungen der afghanischen Behörden und internationaler Hilfsorganisationen leiden 2,6 Millionen Afghanen nach einer der schlimmsten Dürren des Jahrzehnts Hunger. 14 der 34 Provinzen des Landes sind betroffen, alle liegen im Norden.

ala/dapd/dpa

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insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
Hannowald 03.12.2011
1. widerspruch
Spiegel-online schreibt: "Die Haltung Pakistans belastet auch die internationale Afghanistan-Konferenz in Bonn. Pakistan hatte seine Teilnahme an der am Montag beginnenden Veranstaltung abgesagt. Grund des Boykotts ist ein Nato-Luftangriff im Grenzgebiet zu Afghanistan, bei dem am 25. November mindestens 24 pakistanische Soldaten getötet wurden." Merkt der Autor den Widerspruch nicht? Pakistan hat doch nicht die NATO bebomt!
robbyy 03.12.2011
2. Genau darum gehts!
Ausländische Truppen bringen Geld ins Land, schaffen Arbeitsplätze und lassen einige, vor allem die organisierte Kriminalität, dick dran verdienen. Deshalb hat Afghanistan, wie auch andere Länder in denen internationale Missionen tätig sind, kein Interesse an einem Abzug und - das zieht es zwangläufig nach sich - kein Interesse an einer Befriedung der Lage. Die Situation muss immer leicht am köcheln gehalten werden. Nie zu gewaltätig aber auch nie zu friedlich. Denn nur dann bleiben die Internationalen Truppen. So geschehen am 17. - 19. März 2004 im Kosovo und dieses Frühjahr in Afghanistan, als das UN-Lager gestürmt und sieben UN-Mitarbeiter vom Mob gelyncht wurden. In beiden Fällen handelte es sich um gesteuerte -von der zogen konkrete Abzugsgedanken ihre Kreise in der Diplomatie und der Öffentlichkeit. Solange internationale Truppen anwesend sind, ist es einfach, diese dafür zu instrumentalisieren, diese an die Front zu schicken. Solange internationale Truppen die Stellvertreterkonflikte ausbaden, solange wir das dulden, so lange wird das Land nie zur Ruhe kommen. Ziehen wir aus Afghanistan ab und lassen die Gesellschaft dort ihre Konflikte alleine lösen. Sie alle wissen, wie eine Talibanherrschaft aussieht, sie alle wollen dies nicht mehr, sie alle werden dies zu verhindern wissen. S ie können das und sie werden das auch tun.
thomasmünchner 03.12.2011
3. .
Vorschlag: Wenn eine Verlängerung des Bundeswehreinsatzes sein soll, dann lasst doch die deutsche Bevölkerung abstimmen. Afghanistan ist nicht (mehr) unser Problem. *Das Bestreben nach Demokratie muss von innen heraus erfolgen und nicht immer nur dann, wenn der Geldfluss zu versiegen droht.* ---Zitat von SpOn--- Es gebe außerdem Hinweise darauf, dass Pakistan und der Iran ein gemeinsames Zentrum planten, um Geld und Training für die Aufständischen zur Verfügung zu stellen. ---Zitatende--- Dagegen gibt es nur ein Konzept: NATO raus aus Afghanistan und Pakistan und Iran schneiden sich ins eigene Fleisch, weil die Taliban ist nur ihr Freund, solange der Krieg gegen die NATO stattfindet, danach sind die wieder spinnefeind.
naabaya 03.12.2011
4. Ansehen
Vielleicht will man die Deutschen auch deshalb behalten, weil sie sich in der arabischen Welt immer noch großen Ansehens erfreuen.
radeberger78 03.12.2011
5. Warum nicht,
die Bundeswehr ist wenig streitsüchtig und hat dort auch nicht viel auf dem Kerbholz. Ausserdem gibts doch in Afghanistan Rohstoffe für unsere Industrie, kann man doch beim aufbau helfen und verdient auch noch was dran. Wenn sich die Bevölkerung das wünscht, sollte es kein Problem darstellen.
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