Nato-Mission in Afghanistan: Karzai relativiert Forderung nach schnellem Rückzug

Von

Ja, was denn nun? Erst verlangt Afghanistans Präsident Karzai einen schnelleren Abzug der Nato-Truppen - keine 24 Stunden später relativiert er seine Forderung. Mit den Amerikanern allerdings hat er die Geduld verloren.

US-Soldaten in Afghanistan: Wann kommt der Abzug wirklich? Zur Großansicht
Getty Images

US-Soldaten in Afghanistan: Wann kommt der Abzug wirklich?

Berlin/Kabul - Afghanistans Präsident Hamid Karzai hat seine Forderung nach einem schnelleren Abzug der internationalen Soldaten aus dem Land in entscheidenden Punkten erheblich relativiert. "Der Präsident will keineswegs einen schnelleren Abzug der Nato-Einheiten", sagte sein Sprecher Aimal Faizi zu SPIEGEL ONLINE. "Er hat lediglich die Beschleunigung des Übergabeprozesses der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen eingefordert."

Faizi sagte weiter, die internationalen Truppen könnten wie vereinbart bis 2014 im Land bleiben, für die Zeit danach verhandele man weiter mit Nato-Nationen wie den USA über eine langfristige Unterstützung der afghanischen Armee durch ausländische Soldaten. Karzai versucht sichtlich, den Schaden nach seiner harschen Erklärung vom Donnerstag zu begrenzen, die weitgehend als Ohrfeige für die Isaf-Truppe gewertet worden war.

Offen blieb jedoch, was Karzai mit der Forderung vom Donnerstag meinte, die internationalen Truppen sollten sich in ihre Lager zurückziehen und sich nicht mehr in den Dörfern Afghanistans sehen lassen. Der Sprecher Karzais konnte auf Nachfrage nicht sagen, ob diese Anweisung des Präsidenten ab sofort gelte und welche Truppen genau von ihr betroffen seien.

Vor allem die US-Armee hat überall im Land kleine Basen in den dörflichen Gegenden, ebenso sind US-Spezialkräfte oft gemeinsam mit Afghanen in Polizeiwachen stationiert. Aus US-Sicht sind diese Kräfte essentiell für die Bekämpfung der Taliban. Eine Aufgabe solcher im Armeejargon "Forward Operating Base" (FOB) genannten Lager würde die Strategie der USA auf den Kopf stellen.

Fotostrecke

28  Bilder
Dauerkampf am Hindukusch: Der Afghanistan-Krieg in Bildern
Karzai hatte am Donnerstag mit einer Erklärung für Aufsehen gesorgt. Der Präsident forderte darin, dass Afghanen und internationale Truppen "daran arbeiten müssen, die komplette Übergabe der Sicherheitsaufgaben von den ausländischen an die afghanischen Truppen im Jahr 2013 statt im Jahr 2014 zu vollziehen". Die afghanischen Truppen seien "derzeit bereit, die gesamten Sicherheitsaufgaben im ganzen Land selbst zu übernehmen".

Nach Angaben des Palasts in Kabul telefonierte US-Präsident Barack Obama am Freitag spontan mit Karzai. Dabei seien sich die beiden Präsidenten einig gewesen, dass man an der vereinbarten Strategie der schrittweisen Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen und einen geordneten Abzug der Nato-Truppen bis 2014 festhalte, hieß es in Kabul.

Allein der Telefonanruf aus dem Weißen Haus allerdings zeigt, wie angespannt die Lage zwischen den USA und Afghanistan ist und welche Verwirrung Karzais Bemerkungen über den Abzug angerichtet haben. Die US-Regierung war von der Erklärung, die Karzai nach dem Besuch des US-Verteidigungsministers Leon Panetta abgegeben hatte, jedenfalls einigermaßen überrascht.

Karzai kritisiert USA heftig beim Umgang mit den Amoklauf-Ermittlungen

Ungeachtet der Relativierung jedoch kritisierte Karzai die USA wieder heftig. Zunächst hatte der Präsident im Palast die Angehörigen der Opfer des Amoklaufs eines US-Soldaten empfangen. Begleitet von Kamerateams der internationalen TV-Stationen sprach Karzai ihnen sein Beileid aus und nutzt die Gelegenheit, um den USA mangelnde Kooperation bei den Ermittlungen gegen den US-Soldaten vorzuwerfen.

Karzai sagte, die US-Behörden würden die Afghanen über nichts informieren und nicht einbinden. Wörtlich sagte Karzai, seine Geduld mit den USA sei "am Ende". Laut den Beratern des Präsidenten war er schockiert, dass die US-Armee den Verdächtigen am Mittwoch außer Landes gebracht hatte.

Der Soldat, ein 38-jähriger Feldwebel, soll offenbar noch am Freitag in die USA ausgeflogen werden. Durch seinen Anwalt John Henry Browne, der in den USA landesweit bekannt ist, wurde nun erstmals ein mögliches Motiv für den Amoklauf des Soldaten genannt. Demnach wurde der Soldat möglicherweise kurz vor seiner Bluttat schwer traumatisiert. Brown teilte mit, er habe dies bei Gesprächen mit der Familie des Schützen erfahren.

Der Soldat hatte sich am frühen Morgen aus einem kleinen Lager der US-Armee in Südafghanistan geschlichen und in einem nahegelegenen Dorf 16 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, in ihren Häusern zum größten Teil mit Kopfschüssen getötet.

De Maizière würgt Debatte um Abzugsdatum ab

Ob Präsident Karzai durch seine neue Erklärung die Dynamik aus der neuen Abzugsdebatte nehmen kann, ist nicht abzusehen. In Deutschland gab es unterschiedliche Reaktionen auf die Forderung Karzais nach einer Beschleunigung der Verantwortungsübergabe. "Wir werden gewiss nicht länger in Afghanistan bleiben als unsere Verbündeten und als von der afghanischen Seite gewünscht", sagte Außenminister Guido Westerwelle.

Dass der Minister nicht, wie sonst immer, das von der Nato angepeilte Abzugsdatum 2014 nannte, wurde als Zeichen betrachtet, er schließe einen früheren Abzug der Bundeswehr zumindest nicht aus. Westerwelle drängt seit Jahren auf eine klare Abzugsvision.

Konträr dazu ließ sich der Verteidigungsminister ein und bemühte sich, eine neue Diskussion in Deutschland über den Abzug abzuwürgen. Thomas de Maizière lehnte einen von mehreren Politikern geforderten konkreten Abzugsplan für die Bundeswehr in den Jahren 2013 und 2014 ab. "Ein Entscheidungsvorschlag kommt eher im September und nicht im April oder Mai", sagte de Maizière.

Der Minister dämpfte Erwartungen an den Nato-Gipfel im Mai in Chicago. Dort könne über das "Profil" des Einsatzes der internationalen Staatengemeinschaft in Afghanistan nach dem Abzugsjahr 2014 gesprochen werden, nicht aber über konkrete Zahlen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Marionette Karzai
paretooptimal 16.03.2012
Karzai ist und bleibt ein Mann, der nie an die Spitze von Afghanistan hätte kommen dürfen. Er ist ohne Ideen und ohne Durchsetzungsvermögen. Selbst in Kabul herrscht noch Chaos. Was macht der Typ eigentlich beim Regieren?
2. Dies ist der 3. Thread
@zend 16.03.2012
innerhalb von 2 Tagen zu diesem Thema. Ich verstehe die Absicht nicht.
3.
simon23 16.03.2012
Zitat von sysopGetty ImagesJa, was denn nun? Erst verlangt Afghanistans Präsident Karzai einen schnelleren Abzug der Nato-Truppen - keine 24 Stunden später relativiert er seine Forderung. Mit den Amerikanern allerdings hat er die Geduld verloren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821796,00.html
Hätte mich auch gewundert, wenn er den Abzug wirklich will, solange er noch vor hat in Afghanistan glücklich zu werden. Aber was soll er vor der afghanischen Öffentlichkeit tun? Er muss harsch reagieren. Wenn ich seine Klage richtig verstanden habe, sind die Afghanen bei den Ermittlungen über das Massaker ausgeschlossen. Also die ganze Tatortabsicherung, Beweissicherung und darauf erfolgenden Ermittlungen liegen ganz in amerikanischer Hand. Jetzt bin ich mir aber ganz sicher, das es sich garantiert nur um einen geistig verwirrten Einzeltäter gehandelt haben muss, egal was irgendwelche dahergelaufene afghanischen Zeugen behaupten. Auch die Aussage des amerikanischen Verteidigungsministers, das dem Täter die Todesstrafe drohen würde, war nur zur Beruhigung der Afghanen gedacht, damit die Amerikaner in der afghanischen Gerichtsbarkeit entziehen können. Er hat das überhaupt nicht zu entscheiden, sondern ein "unabhängiger" Richter. Und der wird entscheiden, das der arme Kerl einfach überfordert war. Ich denke eine Entlassung bei vollen Bezügen könnte das Trauma abbauen und ein Sanatoriumsaufenthalt in Hawaii oder so kann dafür sorgen, das er sowas ja auch nie wieder tut.
4.
meinsenf1 16.03.2012
Karzai wollte nur Pluspunkte in der Bevölkerung sammeln, macht sich aber durch das Zurückrudern wieder unglaubwürdig. Politiker eben.
5. Die Sprechpuppe der Usa
inqui 16.03.2012
Zitat von sysopGetty ImagesJa, was denn nun? Erst verlangt Afghanistans Präsident Karzai einen schnelleren Abzug der Nato-Truppen - keine 24 Stunden später relativiert er seine Forderung. Mit den Amerikanern allerdings hat er die Geduld verloren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,821796,00.html
Karzai hat nicht richtig verstanden was er sagen sollte. Aber es bleibt bei der Tendenz der Kräftebündelung der USA (Abzug aus Irak und Afg) für einen neuen Angriffskrieg
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Afghanistan-Krieg
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 49 Kommentare

Fotostrecke
Afghanistan: Amoklauf eines US-Soldaten

Fläche: 652.225 km²

Bevölkerung: 31,412 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon