Von Matthias Gebauer
Berlin/Kabul - Afghanistans Präsident Hamid Karzai hat seine Forderung nach einem schnelleren Abzug der internationalen Soldaten aus dem Land in entscheidenden Punkten erheblich relativiert. "Der Präsident will keineswegs einen schnelleren Abzug der Nato-Einheiten", sagte sein Sprecher Aimal Faizi zu SPIEGEL ONLINE. "Er hat lediglich die Beschleunigung des Übergabeprozesses der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen eingefordert."
Faizi sagte weiter, die internationalen Truppen könnten wie vereinbart bis 2014 im Land bleiben, für die Zeit danach verhandele man weiter mit Nato-Nationen wie den USA über eine langfristige Unterstützung der afghanischen Armee durch ausländische Soldaten. Karzai versucht sichtlich, den Schaden nach seiner harschen Erklärung vom Donnerstag zu begrenzen, die weitgehend als Ohrfeige für die Isaf-Truppe gewertet worden war.
Offen blieb jedoch, was Karzai mit der Forderung vom Donnerstag meinte, die internationalen Truppen sollten sich in ihre Lager zurückziehen und sich nicht mehr in den Dörfern Afghanistans sehen lassen. Der Sprecher Karzais konnte auf Nachfrage nicht sagen, ob diese Anweisung des Präsidenten ab sofort gelte und welche Truppen genau von ihr betroffen seien.
Vor allem die US-Armee hat überall im Land kleine Basen in den dörflichen Gegenden, ebenso sind US-Spezialkräfte oft gemeinsam mit Afghanen in Polizeiwachen stationiert. Aus US-Sicht sind diese Kräfte essentiell für die Bekämpfung der Taliban. Eine Aufgabe solcher im Armeejargon "Forward Operating Base" (FOB) genannten Lager würde die Strategie der USA auf den Kopf stellen.
Nach Angaben des Palasts in Kabul telefonierte US-Präsident Barack Obama am Freitag spontan mit Karzai. Dabei seien sich die beiden Präsidenten einig gewesen, dass man an der vereinbarten Strategie der schrittweisen Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die Afghanen und einen geordneten Abzug der Nato-Truppen bis 2014 festhalte, hieß es in Kabul.
Allein der Telefonanruf aus dem Weißen Haus allerdings zeigt, wie angespannt die Lage zwischen den USA und Afghanistan ist und welche Verwirrung Karzais Bemerkungen über den Abzug angerichtet haben. Die US-Regierung war von der Erklärung, die Karzai nach dem Besuch des US-Verteidigungsministers Leon Panetta abgegeben hatte, jedenfalls einigermaßen überrascht.
Karzai kritisiert USA heftig beim Umgang mit den Amoklauf-Ermittlungen
Ungeachtet der Relativierung jedoch kritisierte Karzai die USA wieder heftig. Zunächst hatte der Präsident im Palast die Angehörigen der Opfer des Amoklaufs eines US-Soldaten empfangen. Begleitet von Kamerateams der internationalen TV-Stationen sprach Karzai ihnen sein Beileid aus und nutzt die Gelegenheit, um den USA mangelnde Kooperation bei den Ermittlungen gegen den US-Soldaten vorzuwerfen.
Karzai sagte, die US-Behörden würden die Afghanen über nichts informieren und nicht einbinden. Wörtlich sagte Karzai, seine Geduld mit den USA sei "am Ende". Laut den Beratern des Präsidenten war er schockiert, dass die US-Armee den Verdächtigen am Mittwoch außer Landes gebracht hatte.
Der Soldat, ein 38-jähriger Feldwebel, soll offenbar noch am Freitag in die USA ausgeflogen werden. Durch seinen Anwalt John Henry Browne, der in den USA landesweit bekannt ist, wurde nun erstmals ein mögliches Motiv für den Amoklauf des Soldaten genannt. Demnach wurde der Soldat möglicherweise kurz vor seiner Bluttat schwer traumatisiert. Brown teilte mit, er habe dies bei Gesprächen mit der Familie des Schützen erfahren.
Der Soldat hatte sich am frühen Morgen aus einem kleinen Lager der US-Armee in Südafghanistan geschlichen und in einem nahegelegenen Dorf 16 Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, in ihren Häusern zum größten Teil mit Kopfschüssen getötet.
De Maizière würgt Debatte um Abzugsdatum ab
Ob Präsident Karzai durch seine neue Erklärung die Dynamik aus der neuen Abzugsdebatte nehmen kann, ist nicht abzusehen. In Deutschland gab es unterschiedliche Reaktionen auf die Forderung Karzais nach einer Beschleunigung der Verantwortungsübergabe. "Wir werden gewiss nicht länger in Afghanistan bleiben als unsere Verbündeten und als von der afghanischen Seite gewünscht", sagte Außenminister Guido Westerwelle.
Dass der Minister nicht, wie sonst immer, das von der Nato angepeilte Abzugsdatum 2014 nannte, wurde als Zeichen betrachtet, er schließe einen früheren Abzug der Bundeswehr zumindest nicht aus. Westerwelle drängt seit Jahren auf eine klare Abzugsvision.
Konträr dazu ließ sich der Verteidigungsminister ein und bemühte sich, eine neue Diskussion in Deutschland über den Abzug abzuwürgen. Thomas de Maizière lehnte einen von mehreren Politikern geforderten konkreten Abzugsplan für die Bundeswehr in den Jahren 2013 und 2014 ab. "Ein Entscheidungsvorschlag kommt eher im September und nicht im April oder Mai", sagte de Maizière.
Der Minister dämpfte Erwartungen an den Nato-Gipfel im Mai in Chicago. Dort könne über das "Profil" des Einsatzes der internationalen Staatengemeinschaft in Afghanistan nach dem Abzugsjahr 2014 gesprochen werden, nicht aber über konkrete Zahlen.
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