Kasachischer Regisseur Atabajew: Goethe-Preisträger droht Terror-Anklage

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Der kasachische Regisseur Bulat Atabajew soll im August in Weimar die Goethe-Medaille bekommen. Ob der Regimekritiker aber nach Deutschland reisen kann, ist fraglich: Der autoritäre Präsident Nasarbajew lässt wegen "Terrorismus" gegen ihn ermitteln.

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Goethe-Institut

Regisseur Atabajew: "In Kasachstan können Sie nichts planen"

Es war einmal ein Dorf in den Bergen, das lebte in großer Furcht. Eine vernichtende Lawine werde den Ort vernichten, so hieß es, sollten die Bewohner es wagen, einen Laut von sich zu geben. Und so war es den Menschen nur erlaubt, im Flüsterton miteinander zu sprechen. Bis eines Tages eine Frau ein Kind bekam, unter Schmerzen und schreiend. Sie sollte dafür mit dem Tode bestraft werden. Ihr verzweifelter Mann griff zum Gewehr und feuerte in die Luft. Der Schuss verhallte in den Bergen und es passierte: nichts.

Das Theaterstück "Die Lawine" des kasachischen Theaterregisseurs Bulat Atabajew, 50, ist eine Parabel auf die Probleme in vielen postsowjetischen Staaten wie Kasachstan, Weißrussland oder Russland. Deren Verfassungen garantieren zwar auf dem Papier Meinungsfreiheit, diese wird aber von autoritären Herrschern stark beschnitten, oft mit Verweis auf Bedrohungen aus dem Äußeren oder Inneren.

Präsident Nursultan Nasarbajew herrscht in Kasachstan seit 1991 mit nahezu uneingeschränkter Macht. Zwar beteuert der Staatschef gern, für ihn sei der "Weg zur Demokratie unumkehrbar". Doch tatsächlich gleicht sein Land eher einem neofeudalen Fürstenstaat, in dem alle Schlüsselpositionen in Wirtschaft und Politik von Vertrauten oder Verwandten des Präsidenten besetzt sind.

20 Jahre Nasarbajew-Herrschaft treiben mitunter bizarre Blüten. Vor einigen Jahren trug das dem Präsidenten hörige Parlament Nasarbajew den Titel "Führer der Nation" an. Im Dezember dann sorgten kasachische Forscher für Aufsehen, weil sie ein neu entdecktes Mineral zu Ehren des autoritären Herrschers "Nur-Nasen" taufen wollten.

Die öffentliche Kritik trifft Kasachstans Führung schwer

Bulat Atabajew ist ein ruhiger, kultivierter Mann. Man hat ihn noch nie wie den Helden aus seinem Lawinen-Stück mit einem Gewehr durch die Straßen Almatys laufen sehen. Die einzige Waffe, über die der Gründer und Leiter des Deutschen Theaters Almaty verfügt, ist das offene Wort, das er nie scheut. Offenbar macht ihn das in den Augen der Staatsmacht besonders gefährlich.

Atabajew darf die Stadtgrenzen von Almaty derzeit nicht verlassen. Dem Regisseur droht eine Anklage wegen Terrorismus. Sein Vergehen: Atabajew hatte in aller Öffentlichkeit auf die prekäre Lage der streikenden Ölarbeiter in der westkasachischen Stadt Schanaosen aufmerksam gemacht.

Im Dezember 2011 war es dort zu blutigen Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und streikenden Arbeitern gekommen, die bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne forderten. Gebäude gingen in Flammen auf, mindestens 13 Menschen wurden getötet, rund hundert wurden verletzt.

Zuvor hatte der britische Sänger Sting ein für Juli 2011 geplantes Konzert in der kasachischen Hauptstadt Astana abgesagt, aus Protest gegen die Lage der Ölarbeiter in Schanaosen.

Kasachstans Führung, die Millionensummen für Imagekampagnen und Lobbyisten wie den ehemaligen Premierminister Tony Blair ausgibt, trifft die öffentliche Kritik schwer.

Das Vorgehen gegen Atabajew aber könnte zu Verstimmungen im deutsch-kasachischen Verhältnis führen. Im August sollte Atabajew eigentlich nach Deutschland reisen, um in Weimar mit der Goethe-Medaille des Goethe-Instituts ausgezeichnet zu werden. Ob er die Reise nach Deutschland antreten kann, ist angesichts der verhängten Reisesperre fraglich. Oder wie Atabajew im Februar selbst sagte: "In Kasachstan können Sie nichts planen."

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1. Absurdistan...
Semmelbroesel 16.05.2012
...lässt grüßen.
2. deutsche Sicht
krass23 16.05.2012
Es ist eben kein Absurdistan, sondern Realität und für den Betroffenen eine sehr heikle Situation. Die deutsche Politik kennt diese Zustände, hebt aber mit Gewalt beide Arme vor ihre Augen, um ja nichts sehen zu müssen. Da stimmt man lieber in den Chor für diese verurteilte Betrügerin, auf die noch ein Verfahren in den USA wartet, ein und fordert Menschenrechte in der Ukraine.
3. zoll-union
martinxmartin 16.05.2012
die streikenden arbeiter hatten bis zu 2.000 $ pro monat verdient. die streiken doch nicht um ihr leben, wegen ein paar dollars. kasachstan ist nun auch auf der speisekarte der westlichen kritik, weil dem westen die zoll-union mit russland nicht schmeckt. jetzt werden irgendwelche helden künstlich erzeugt, die man hier für die gleichen aussagen diffamieren würde. viel spaß noch. die islamistischen selbstmord-attentate in kasahcstan stehen wohl für nächstes jahr an.
4. optional
spon-facebook-10000459241 14.11.2012
niemand weiss was wirklich da passiert... wenn es um rohstoffe und geld geht, werden die leute ... ich koennte mir hinter dem ganzen genauso gut deutschland vorstellen
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Fläche: 2.724.900 km²

Bevölkerung: 16,026 Mio.

Hauptstadt: Astana

Staatsoberhaupt: Nursultan Nasarbajew

Regierungschef: Karim Massimow

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