Gewalt in Kaschmir Am Jeep gefesselt durch die Straßen

In Kaschmir binden indische Soldaten einen Zivilisten an einen Geländewagen und fahren ihn wie eine Trophäe umher. Der verantwortliche Major erhält eine Medaille. Was war da los?

Hindustan Times/ Getty Images

Von , Srinagar


Das Video ist grobkörnig, aber der Mann trotzdem gut zu erkennen. Er trägt Jeans, zwischen seinen Beinen flattert eine rote Fahne, dicke Seile pressen seine Arme an den Oberkörper. Er ist vor die Haube eines Militärjeeps gefesselt, ein Soldat im Hintergrund schreit: "Das ist, was wir mit Steinewerfern machen." Dann fährt der Wagen vorbei.

Heute kann niemand sagen, wer das Video aufgenommen hat, aber es verbreitete sich in den Tagen nach dem 9. April rasend schnell über soziale Medien: Indische Soldaten missbrauchen einen Zivilisten in Kaschmir als menschlichen Schild, lautete die Schlagzeile. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verurteilte den Vorfall als "eine unmenschliche Behandlung, die Folter gleichkommt." Polizei und Armee leiteten Untersuchungen ein. Das Ereignis löste eine Diskussion über das Vorgehen der indischen Armee in Kaschmir aus - darüber, was in einem militärischen Konflikt erlaubt ist und was nicht.

Farooq Dar, der Mann aus dem Video, ist ein Weber aus dem Süden des Bundesstaats Jammu und Kaschmir. "Bin ich ein Tier für die gewesen?", fragt er. Dar ist heute in die Hauptstadt Srinagar gekommen. Er steht vor dem Gerichtsgebäude, in der Hand eine Plastiktüte, darin seine Akte. Dar strebt eine Klage gegen Major Leetul Gogoi an, den Anführer der Einheit, die ihn durch Kaschmir zog.

Dar, der mittlerweile als "der menschliche Schild" bekannt ist, mag die Aufmerksamkeit nicht, die er nun erfährt. Er wolle Gerechtigkeit, sagt er knapp. Mit dem großen Ganzen habe er nichts zu tun.

Das "große Ganze" ist der Kaschmirkonflikt, und er dauert nun schon 70 Jahre an. Seit dem Jahr 1947, als das heutige Indien und Pakistan entstanden, streiten die beiden Länder um den Bundesstaat im Himalaya. Immer wieder kommt es im indischen Teil zu Aufständen, so auch jetzt wieder. Im vergangen Jahr starben mehr als 300 Menschen, darunter Zivilisten, Rebellen und Sicherheitskräfte. Die Armee schoss mit sogenannten Pellet Guns auf Demonstranten, Hunderte erblindeten. Auch diesen Sommer vergeht kaum eine Woche ohne Tote. Allein an dem Tag, an dem das Video entstand, starben acht Zivilisten bei Protesten.

28 Kilometer und fünf Stunden dauerte die Tortur

Im April hatten lokale Wahlen stattgefunden. Die Beteiligung lag bei nur sieben Prozent, was zeigt, wie wenig die Kaschmirer noch an den demokratischen Prozess glauben. Dar allerdings hatte am Morgen abgestimmt. Gegen halb elf war er auf dem Weg zu Trauerfeierlichkeiten gewesen. Er nimmt einen Stift in die Hand und malt eine Kreuzung auf ein Blatt Papier. Von rechts seien zwei Armeefahrzeuge gekommen, ein Geländewagen und ein großer Truck. Vermummte Soldaten seien ausgestiegen. Dar malt Pfeile, wo sie ihn vom Motorrad gezerrt haben sollen. Er sagt, sie schlugen ihn mit Stöcken, traten ihn, ketteten seine Hände zusammen und banden ihn an den Jeep.

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Wie eine Trophäe fuhren die Soldaten Dar daraufhin durch die umliegenden Dörfer, das belegen Fotos. Dar hörte Menschen schreien, eine Frau habe die Soldaten gebeten, ihn gehen zu lassen. Gegen Nachmittag erreichten sie einen Stützpunkt. Aber erst gegen sieben Uhr abends konnten sein Bruder und ein Dorfvorsteher Dar abholen. Sein linker Arm musste verbunden werden, sein ganzer Körper schmerzte. 28 Kilometer und fünf Stunden dauerte seine Tortur. Wenn Dar heute Armeefahrzeugzeuge sieht, bekommt er eine Gänsehaut; Albträume suchen ihn heim.

Die Armee bestreitet den Vorfall nicht. Wie auch? Aber Major Gogoi erzählt eine andere Version der Geschichte. Dar habe seine Einheit mit Steinen angegriffen, sagte er auf einer Pressekonferenz. Das Fahrzeug sei von einem Mob umzingelt worden, manche der Angreifer hätten Molotowcocktails geworfen. Dar an den Jeep zu fesseln, sei blanke Notwehr gewesen. Nur so hätten die Männer entkommen können. Hätten sie sich gewehrt, hätte es womöglich Tote gegeben. In den Augen der indischen Armee hat der Major Leben gerettet. Es gibt nicht wenige in Indien, für die Gogoi ein Held ist.

"Dies ist das Schicksal, das Steinewerfer erwartet"

Was die Armee aber nicht erklärt: Warum Dar fünf Stunden am Jeep hing, wenn es um wenige brenzlige Momente ging? Und wenn der Major im Affekt handelte, warum blieb seinen Männern noch Zeit, ein Schild zu malen und es Dar an die Brust zu heften, angeblich mit den Worten: "Dies ist das Schicksal, das Steinewerfer erwartet".

Ob Dar Steine warf oder nicht - er bestreitet es -, wird man wohl nie erfahren. Aber für Leute wie Parvez Imroz spielt das auch keine Rolle. "Ein Soldat darf einen Zivilisten nicht als Geisel nehmen - selbst wenn er ein Steinewerfer gewesen ist", sagt Imroz, ein Menschenrechtsanwalt in Kaschmir. "Das Verhalten der Armee war nicht nur unverhältnismäßig, es verstößt gegen die Genfer Konventionen." Dars Klage schätzt er als hoffnungslos ein. "Der Fall wird versanden, wie so viele vor ihm."

Der Vorfall wäre eine Möglichkeit für Neu-Delhi gewesen, ein Signal an die Bevölkerung Kaschmirs zu senden, die sich immer offener gegen die indische Seite auflehnt. Schon lange will eine Mehrheit die Abspaltung und eine Zukunft als unabhängiges Kaschmir oder einen Anschluss an Pakistan. Schon lange beklagen Menschenrechtsorganisationen Menschenrechtsverletzungen durch die Armee, auch der Vorwurf vom Einsatz menschlicher Schilde ist nicht neu; nur dass es diesmal ein Video gibt.

Aber statt zu deeskalieren, nannte der Chef der indischen Armee das Vorgehen "eine Innovation" in einem "schmutzigen Krieg" und warb für Verständnis für die schwierige Situation der Soldaten in einer feindlichen Umgebung. Es stimmt, dass sich die Armee brutalen Angriffen ausgesetzt sieht, vor allem durch Rebellen. Mehrfach tauchten verstümmelte Leichen von indischen Soldaten auf. Aber Ende Mai verlieh die Armee dem Major gar eine Auszeichnung. Nicht explizit für den Vorfall, aber die Botschaft ist: Ein hartes Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung wird nicht nur toleriert, sondern belohnt.

Der Vorfall ist nun fünf Monate her, aber seine Folgen sind noch immer zu spüren. Jeder Bewohner Kaschmirs hat vom "menschlichen Schild" gehört, fast jeder ist wütend.

Auch Dar hat der Vorfall verändert. Er habe an jenem Tag gewählt, um Indien zu unterstützen, sagt er. Es sei das letzte Mal gewesen.

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