Kaschmir-Konflikt Tony Blair will vermitteln

An der Grenze zwischen den Atommächten Pakistan und Indien ist die Lage nach neuen Gefechten so gespannt, dass eine kleine Provokation zur Katastrophe führen könnte. Nun will Tony Blair die Konfliktparteien zur Besinnung bringen. Der britische Premier reist nächste Woche in die Region.


Indische Truppen auf dem Weg an die Grenze: Größter Aufmarsch seit 15 Jahren
AFP

Indische Truppen auf dem Weg an die Grenze: Größter Aufmarsch seit 15 Jahren

Islamabad/Neu Delhi - Blair will Presseberichten zufolge kommende Woche in die Region reisen, um den Streitparteien den Weg zu einer Lösung des Konfliktes zu ebenen. Die pakistanische Zeitung "The News" berichtete unter Berufung auf nicht näher benannte Kreise, Blair werde nach Besuchen in Indien und Bangladesch am 7. Januar in Pakistan eintreffen. London kommentierte die Reisepläne Blairs unter Verweis auf Sicherheitsbedenken nicht. Ein pakistanischer Regierungsprecher sagte, Blair werde am 7. und 8. Januar in Pakistan erwartet.

Die Situation zwischen Indien und Pakistan bleibt unterdessen weiter gespannt. Indiens Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee erklärte in seiner Neujahrsbotschaft zwar, Indien sei unter gewissen Vorbedingungen zu Gesprächen mit dem Nachbarland bereit.

Ein Regierungsvertreter stellte am Dienstag jedoch klar, dies bedeute nicht, dass Vajpayee mit dem pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf bereits auf dem Regionalgipfel in Nepal zu Friedensgesprächen zusammentreffen werde.

Forderungen und Versprechen

"Ich strecke meine Hand zum Bündnis aus", erklärte Indiens Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee in seiner am Dienstag in der indischen Presse veröffentlichten Neujahrsbotschaft. Pakistan müsse allerdings zuvor seine "feindliche Einstellung" gegen Indien ablegen und "effektive Schritte" zur Bekämpfung des grenzüberschreitenden Terrorismus einleiten.

Dann seien auch Gespräche über die Lösung des Kaschmir-Konflikts nicht mehr ausgeschlossen. Ein indischer Spitzenvertreter stellte später in Neu-Delhi klar, eine Begegnung auf dem Regionalgipfel in Nepal vom 4. bis 6. Januar sei damit nicht gemeint, auch keine Gespräche auf Ministerebene, auch wenn nicht ausgeschlossen sei, dass sich Vajpayee und Musharraf dort begegnen würden.

Pakistan betonte seinerseits grundsätzliche Bereitschaft zu Gesprächen. "Pakistan möchte alle offenen Fragen im Dialog lösen", versicherte der Sprecher des Außenministeriums, Aziz Ahmed Khan, in der pakistanischen Hauptstadt. Es gehe Pakistan darum, den im Juli in Agra abgebrochenen Dialog mit dem Nachbarn Indien wieder aufzunehmen. Die Gespräche waren damals in einem diplomatischen Auslegungsstreit um Kaschmir gescheitert.

Kleinigkeit kann Katastrophe auslösen

Derweil berichtete der pakistanische Regierungssprecher General-Major Rashid Qereshi, die Lage an der Demarkationslinie zwischen dem pakistanischen Teil Kaschmirs und dem indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir sei weiter extrem gespannt. Die kleinste Kleinigkeit könne zur Katastrophe führen. Indien baue nicht nur seine Truppenpräsenz weiter aus, es lägen auch Berichte über eine Aktivierung der Luftstreitkräfte Indiens und Flottenbewegungen vor. Indien bestritt dies. Der Aufmarsch in der Himalaya-Region, nach Berichten von Beobachtern der massivste seit 15 Jahren, sei abgeschlossen.

Indien wirft Pakistan vor, islamische Rebellen zu unterstützen, die von Stützpunkten in Pakistan gegen die indische Herrschaft im indischen Teil Kaschmirs kämpften. Beide Atommächte haben erklärt, keinen Krieg zu wollen und haben die jeweils andere Seite für die Zunahme der Spannungen verantwortlich gemacht. Beide Seiten erneuerten am Dienstag, ungeachtet aller Spannungen, ihren Atomwaffenvertrag. Dieser verpflichtet beide Seiten, die atomaren Einrichtungen des jeweils anderen Landes nicht anzugreifen.

Festnahmen mutmaßlicher Terroristen

Bereits am Montag hatte Indien ein Gipfeltreffen zur Entschärfung des Kaschmir-Konfliktes in Aussicht gestellt, nachdem die pakistanische Polizei den zweiten der mutmaßlichen Drahtzieher des Selbstmordanschlages auf das indische Parlament verhaftet hatte. In Karatschi nahm die pakistanische Polizei zwei Dutzend des Terrorismus verdächtige Personen fest.

US-Präsident George W. Bush bezeichnete die pakistanischen Anti-Terror-Maßnahmen als ein gutes Zeichen. Bush sagte mit Verweis auf Musharraf: "Er greift hart durch und ich schätze seine Bemühungen." Seit dem Anschlag am 13. Dezember hatten sich die Spannungen zwischen Indien und Pakistan erhöht.

Gefechte an der Grenze

In Jammu und Kaschmir wurden nach Polizeiangaben in der Nacht fünf Menschen, darunter zwei Kinder, bei einem Anschlag getötet. Ferner hätten im südlicher gelegenen Unionsstaat Punjab mutmaßliche Separatisten zwei indische Soldaten getötet und vier weitere verletzt. "Es ist der erste Zwischenfall dieser Art in der Gegend seit Jahren", sagte ein Sprecher.

Indische und pakistanische Soldaten feuerten nach indischen Angaben auch am Dienstag an der Demarkationslinie in Kaschmir mit Maschinengewehren und Granatwerfern aufeinander.

Seit ihrer Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 haben Indien und Pakistan bereits drei Kriege geführt - zwei davon um die Region Kaschmir, die beide Staaten für sich beanspruchen. Die USA, die UNO und zahlreiche Staaten drängen die beiden Länder zu einer friedlichen Beilegung des Konfliktes.



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