Großdemo in Barcelona: Eineinhalb Millionen Katalanen demonstrieren für Unabhängigkeit

Es war eine gigantische Machtdemonstration auf den Straßen Barcelonas: Eineinhalb Millionen Menschen haben für die Unabhängigkeit Kataloniens demonstriert - die Regionalregierung hatte dazu aufgerufen. Sie will den Druck auf Madrid erhöhen, weil sie sich bei der Steuerverteilung benachteiligt fühlt.

Unabhängigkeit: Der große Wunsch der Katalanen Fotos
Getty Images

Barcelona - Sie schwenkten katalanische Fahnen, viele von ihnen trugen dazu die charakteristische Mütze der Katalanen. Weit mehr als eine Million Menschen haben am Dienstag in Barcelona für einen unabhängigen katalanischen Staat demonstriert. Die im März gegründete Unabhängigkeitsbewegung Katalanische Nationalversammlung (ANC) hatte zu der Demonstration am Nationalfeiertag Kataloniens ("Diada") aufgerufen.

Die Zahl der Teilnehmer übertraf alle Erwartungen. Die ANC sprach sogar von zwei Millionen Teilnehmern. Während des Marschs von der Plaça de Catalunya durch das Stadtzentrum zum Regionalparlament am katalanischen Nationalfeiertag, der Diada, erklang immer wieder der Ruf "In- Inde- Independencia" (Unabhängigkeit).

Die Großkundgebung im Zentrum Barcelonas stand unter dem Motto "Katalonien, ein neuer Staat Europas". Sie war die größte Demonstration in der Geschichte der Region im Nordosten Spaniens. Bis zu eintausend Reisebusse mit Demonstranten waren nach Angaben der katalanischen Zeitung "La Vanguardia" aus allen Teilen der Region in die Hauptstadt Kataloniens gefahren.

Die Demonstranten warfen der Zentralregierung in Madrid vor, aus Geldnot Milliarden aus der nordöstlichen Region abzuziehen. Viele Katalanen haben das Gefühl, deutlich zu viel Steuergelder nach Madrid abgeben zu müssen - während die Regionalregierung gezwungen ist, Beschäftigte entlassen und Leistungen zu kürzen.

Katalonien ist eine der reichsten Regionen Spaniens. Von der Wirtschaftskraft her ist die Region im Nordosten des Landes gar die Nummer eins unter den 17 "autonomen Gemeinschaften" in Spanien. Dennoch ist Katalonien stark verschuldet: Die Regionalregierung mutmaßt, dass ein großer Teil der eingenommenen Steuern nicht nach Katalonien zurückfließt, sondern an ärmere Regionen in Südspanien verteilt wird.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut CEO befürworten 51 Prozent der Katalanen die Unabhängigkeit. Diese Zahl sei in den vergangenen Jahren wegen der gravierenden Wirtschaftskrise in Spanien ständig gewachsen.

In anderen Sprechchören wurde der spanische Zentralstaat beschuldigt, Katalonien in die Krisenspirale hineinzuziehen. Die vom katalanischen Bündnis Convergència i Unió (CiU) gestellte Regionalregierung hatte dazu aufgerufen, sich massiv an der Demonstration zu beteiligen. Sie will Druck auf die Regierung in Madrid ausüben, damit diese den Haushaltspakt revidiert. Darin ist festgelegt, wie viel der vom Zentralstaat eingetriebenen Steuern die Region im Nordosten Spaniens erhält.

Der Regierungschef der autonomen Region Katalonien, Artur Mas, warnte die Zentralregierung in Madrid, dass "Kataloniens Weg in die Freiheit sich öffnen wird", wenn Madrid und Barcelona keine Einigung über einen Fiskalpakt erzielten. Die Regierung in Barcelona klagt seit längerem darüber, dass Katalonien mehr als 16 Milliarden Euro jährlich zur Entwicklung der restlichen Regionen Spaniens beisteuere, ohne dass davon etwas in die katalanische Kasse zurückfließe.

Katalonien ist mit 7,5 Millionen Einwohnern die wirtschaftlich stärkste Region Spaniens. Die separatistische Bewegung behauptet, dass ein unabhängiges Katalonien zu den wichtigsten Wirtschaftsmächten in Europa gehören würde. Mit 42 Milliarden Euro ist Katalonien allerdings auch die am meisten verschuldete Region Spaniens. Die Schulden belaufen sich auf 21 Prozent des katalanischen Bruttosozialprodukts.

Die Regionalregierung hatte im August bei der Regierung in Madrid Nothilfe im Umfang von gut fünf Milliarden Euro beantragt. In der nordöstlichen Region, die rund ein Viertel des spanischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet, beläuft sich laut der Website El Confidencial der Schuldenstand auf rund 48 Milliarden Euro.

Katalonien hatte zudem im März verkündet, eine Bettensteuer einzuführen. Barcelona-Besucher und Costa-Brava-Urlauber müssen Hoteliers ab dem 1. November bis zu 2,50 Euro pro Nacht extra zahlen.

kha/dpa/AFP

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insgesamt 108 Beiträge
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1. Southpark
dekay89 12.09.2012
Kennt ihr die Folge wo Kanada streikt? Ist mir gerade als erstes in den Kopf gekommen zu der Meldung.
2. brennende flaggen
omsarulez 12.09.2012
bild nummer 5 (linksaktivisten verbrennen eine französische und eine spanische fahne) sollte besser gelöscht werden. das gesamtbild von ca. 1,5 millionen friedlichen menschen, die ohne jegliche aggressionen für einen eigenen staat in europa protestieren, wird durch ein paar idioten leider zu leicht verfälscht. aber so funktionieren halt die medien, solche fotos kommen immer "gut" an. schade …
3. Ja, eineinhalb Millionen Menschen
laolu 12.09.2012
sind auch Hunderttausende. Aber irgendwie sollte man Überschrift und Text schon etwas synchronisieren, oder?
4. Waren Sie wirklich dabei??
Woland 12.09.2012
Nein, nicht die Regionalregierung -die Generalitat Kataloniens- sondern die zivile Gesellschaft, die Katalanische Nationalversammlung, hatte zu der Kundgebung aufgerufen. Und nein, es ist keine Vermutung der Generalitat oder irgendwelcher fiesen Katalanen: alle Studien zu dem Thema belegen dass die "Umverteilung" der öffentlichen Geldern durch die Zentralregierung eine unerträgliche Last für alle Katalanen bedeutet. Und nein, verd... nochmals, bei den sommerlichen Temperaturen in Barcelona trug kaum jemand die charakteristische Mütze: die Katalanen wollen die Unabhängigkeit, keinen Hitzschlag...
5. nationalistischer Wahn
emporda 12.09.2012
Ich habe 10 Jahre in Brüssel gelebt und der nationalistische Wahn der Flamen hat mich über die Maßen angeekelt. Jetzt lebe ich 10 Jahre in Catalunien und finde mich in der selben Scheiße wieder. Allerdings werden die Möglichkeit irgendwo schön, friedlich und bezahlbar in der EU-27 zu leben langsam knapp, auch möchte ich mit 75 nicht noch einmal von vorne anfangen müssen
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Gedränge unter dem Rettungsschirm
Griechenland
Im April 2010 beschloss der EU-Gipfel das erste Rettungspaket in Höhe von 110 Milliarden Euro für drei Jahre, bestehend aus bilateralen Krediten unter Beteiligung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Ein Jahr später legten die Staats- und Regierungschefs ein zweites Rettungspaket nach, an dem sich neben dem IWF auch die privaten Gläubiger mit einem Forderungsverzicht beteiligten. Das später ausgehandelte Gesamtvolumen: 172,6 Milliarden Euro (inklusive 24,4 Milliarden aus dem alten Programm) für die kommenden zwei Jahre. 30 Milliarden Euro davon gehen indes nicht an Athen, sondern zur Absicherung an die Banken. Deren Verlust aus dem Schuldenschnitt: 107 Milliarden Euro.
Irland
Dublin hatte Ende 2010 Beistand der Euro-Partner beantragt, Anfang 2011 flossen die ersten Hilfsmilliarden. Insgesamt ist das Rettungspaket 85 Milliarden Euro schwer, wobei 35 Milliarden zur Rekapitalisierung des Bankensektors vorgesehen sind und Dublin 17,5 Milliarden selbst stemmt. Die letzte Tranche von drei Milliarden Euro ist für Ende 2013 vorgesehen.
Portugal
Im Mai 2011 vereinbarten die EU-Finanzminister Hilfszahlungen in Höhe von 78 Milliarden Euro für das Land. Das über drei Jahre bereitgestellte Geld fließt zu zwei Dritteln aus dem Euro-Rettungsfonds und zu einem Drittel aus dem IWF-Budget.
Spanien
Nach langem Zögern und auf Druck seiner europäischen Partner hat Ende Juni auch die Regierung in Madrid Finanzhilfen für den heimischen Bankensektor beantragt. Den Kapitalbedarf muss ein Team aus Experten aber noch beziffern. Zwei Beratungsfirmen haben ein Volumen von maximal 52 bis 62 Milliarden Euro ermittelt, damit die Kreditinstitute bei einer Zuspitzung der Krise nicht kollabieren. Der IWF geht von mindestens 40 Milliarden Euro aus, bliebe als Geldgeber bei einer reinen Bankenrettung ohne Spardiktat indes außen vor. Grundsätzlich hatten die Euro-Finanzminister Spanien schon vor zwei Wochen bis zu 100 Milliarden Euro zugesagt.
Zypern
Nur wenige Stunden nach Madrid schlüpfte auch Nikosia unter den Rettungsschirm. Wie im Falle Spaniens ist der genaue Kapitalbedarf noch offen und muss zunächst von einem Expertenteam geklärt werden. Diplomatenkreisen zufolge dürfte er sich aber deutlich unter zehn Milliarden Euro bewegen. Ähnlich wie Spanien liebäugelt auch Zypern mit einer "Bankenrettung light", um seine eng mit der krisengeschüttelten griechischen Wirtschaft verbandelten Geldhäuser zu rekapitalisieren. (dapd)

So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.