Demos zum katalanischen Nationalfeiertag Die Spalter sind gespalten

Die Katalanen feiern Nationalfeiertag, doch Einheit sieht anders aus. Etwa die Hälfte der Bevölkerung ist gegen einen eigenen Staat, die andere Hälfte dafür. Den Aufmüpfigen ist eine Reizfigur abhandengekommen.

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An diesem 11. September werden sie ihre rot-gelb-blauen Fahnen hervorkramen und die gelben T-Shirts überstreifen, für die farbenfrohe Riesen-Demo.

Zehntausende, Hunderttausende werden auf Barcelonas Avenidas ziehen, zum katalanischen Nationalfeiertag Diada. Sie werden gemeinsam Volkslieder singen, womöglich bilden einige Mutige wieder "Castells" - die schwindelerregenden Menschenpyramiden, in denen sich jeder auf seinen Nächsten verlassen muss, sollen die kulturelle Eigenständigkeit Kataloniens symbolisieren. Und den Zusammenhalt.

Im realen Leben der Katalanen hapert es mit dem Zusammenhalt allerdings derzeit. Die Unabhängigkeitsbestrebungen eines Teils der Bevölkerung, das irreguläre Abspaltungsreferendum von Spanien, eine verquaste Unabhängigkeitserklärung, die Zwangsverwaltung durch Madrid, Inhaftierungen separatistischer Politiker, die Flucht des Ex-Regierungschefs Carles Puigdemont, dessen Verhaftung in Deutschland und das letztlich ergebnislose Auslieferungsverfahren - all das polarisiert.

Etwa die Hälfte der Katalanen ist entschieden gegen den katalanischen Staat. Die andere Hälfte will die Loslösung - oder mehr Autonomie. Es ist verfahren.

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Katalanischer Nationalfeiertag: Ab auf die Avenidas!

Die Diada offenbart die Spaltung. Die drei größten prospanischen Parteien im katalanischen Parlament boykottieren die Demonstration. Aber selbst unter denen, die mitmachen, herrscht Uneinigkeit und Unklarheit, wofür genau sie auf die Straße gehen.

"Das prokatalanische Lager hat sich intern weiter ausdifferenziert", sagt der deutsch-katalanische Politologe Peter A. Kraus von der Uni Augsburg. "Es gibt Hardliner und Softliner - und innerhalb der Blöcke unterschiedliche Positionen."

Im katalanischen Herbst 2017 hatten die drei separatistischen Parteien ein gemeinsames Ziel. Sie wollten das verfassungswidrige Referendum gegen den Willen Madrids durchziehen - und anschließend möglichst die Unabhängigkeit verwirklichen. Ihr Plan scheiterte. Das Plebiszit war irregulär, Madrid setzte die Regierung ab, kein Staat erkannte die proklamierte "República Catalana" an.

Und nun?

  • Die Maximalisten rund um Puigdemont und dessen Vertrauten, den katalanischen Regierungschef Quim Torra, fordern weiter die Abspaltung - und zwar bald. Sie wollen "so schnell wie möglich die unabhängige Republik Wirklichkeit werden lassen", wie Torra sagt. Und verlangen von der spanischen Regierung, ihnen freie Hand zu geben für ein weiteres Referendum. Ob sie wieder in offenen Widerstand gehen, wenn Madrid ablehnt? Unklar.
  • Eine gemäßigte Gruppe ist dagegen vom Konfrontationskurs abgerückt. Unter ihr: Politiker und Anhänger der linksrepublikanischen ERC, der zweiten großen katalanischen Partei. Sie sind nach dem Fehlversuch von 2017 überzeugt, dass es für die Unabhängigkeit nicht reicht, wenn nur die Hälfte der Katalanen dahintersteht. Daraus müsse man "lernen und es in Zukunft besser machen", sagt Oriol Junqueras, der inhaftierte Ex-Vize Puigdemonts. Die Gruppe will schrittweise vorgehen, zuerst mehr Anhänger für ihre Sache gewinnen, indem sie Katalonien gut regieren. Der eigenständige Staat ist für sie eher ein mittelfristiges Ziel.
  • Und dann gibt es noch die Anhänger der linksradikalen CUP. Sie wollen die Republik möglichst sofort. Von Dialog mit Madrid halten sie wenig, sie setzen auf zivilen Ungehorsam.

"Die Uneinigkeit ist nicht gut für unsere Sache", sagt eine führende Unabhängigkeitsaktivistin im Gespräch mit dem SPIEGEL. "Wir haben kein gemeinsames Ziel, keinen gemeinsamen Plan, wie wir weiter machen."

Ihr Feindbild Nummer eins ist den Independentistas abhandengekommen. Mariano Rajoy, der konservative Hardliner, ist nicht mehr Premier in Madrid. Sein Nachfolger, der Sozialist Pedro Sánchez, beschwört den Dialog. Kürzlich hat er Barcelona sogar ein Referendum angeboten - über Autonomie, nicht über die Abtrennung von Spanien. Wie und worüber soll man mit Sánchez verhandeln? Diese Frage spaltet die Bewegung.

"Die Diada wird ein Motivationstest"

Einig sind sich die Independentistas nur über ihre Solidarität mit den Politikern und Aktivisten, die in Untersuchungshaft sitzen. Demnächst sollen die Prozesse beginnen, Spaniens Justiz wirft den Angeklagten unter anderem gewalttätige Rebellion vor. Dutzende spanische Rechtswissenschaftler halten das für überzogen. Wie auch das OLG Schleswig. Es lehnte ab, Puigdemont wegen Rebellion auszuliefern.

Die Prozesse werden die Katalanen wieder aufwühlen. Schon jetzt liefern sie sich einen absurden Streit um gelbe Schleifen, die überall in Katalonien hängen. Sie symbolisieren Solidarität mit den Inhaftierten. Die Sympathisanten hängen sie auf, die Gegner hängen sie ab. Man beschimpft einander, ab und an gibt es kleinere Handgreiflichkeiten.

Wie gut die Independentistas mobilisieren können, wird der Dienstag zeigen. "Die Diada wird ein Motivationstest", sagt Kraus. "Es geht darum, massive Präsenz auf den Straßen zu zeigen, mit mehreren Hunderttausend Menschen." Die Latte liegt hoch. Zur Diada 2017 kamen mehr als 600.000.

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Seite 1
alternativestimme 11.09.2018
1.
Freiheit gibt es nur fuer Voelker ausserhalb der EU ??? Jetzt hat die EU auch ihre Dissidenten,genau wie Russland+China. In Belgien befand sich Puigdemont a/d richtigen Stelle beim EU-Parlament. Jetzt koennen die EU-Politiker sich nicht mehr verstecken und muessen prinzipielle Aussagen machen ueber Freiheit fuer Voelker/Bevoelkerungsgruppen mit vernichtenden Folgen fuer die Erweiterungspolitik der EU. EU-Erweiterungsabteilung sofort aufloesen.Wenn Katalonien im Balkan,in Russland,China gelegen waere,haetten EU-Politiker geschriehen fuer Freiheit f Voelker ungeachtet dortige Konstitution.Jetzt im Falle Kataloniens wo es der EU-Eliten besser passt nicht ueber Freiheit f Voelker zu sprechen ist Freiheit eine hohle Frase geworden+versteckt man sich hinter der Konstitution.Weshalb musste Kosovo ohne Referendum unabhaengig werden,was Katalonien verweigert wird? Kosovo ist nicht lebensfaehig+wird bis auf unabsehbare Zeit viele MIllionen v Euros kosten f EUsteuerzahler.Der Gipfel ist wirklich J.C.Juncker der sagte er kann nicht vermitteln,sonst koennten 100 EU-Staaten entstehen.Also es gibt Freiheit in Klassen.In Ukraine wird einen Putsch befoerdert zugunsten der EU mit 10.000 Toten,4.5 mio Fluechtlingen+Halbierung des dortigen Lebensstandards,Parlamentswahlen sind abgeschafft.Im Balkan werden nichtlebensfaehige Ministaaten unter 1 mio Einwohner zur EU+Unabhaengigkeit gedraengt
Hinrod 11.09.2018
2. Keine unparteiische Berichterstattung...
Letztes Jahr kamen über 1 Million Menschen zur Diada, die drei größten pro spanischen Parteien. es gibt nur drei dieser Parteien und die PP hat gerade 4 Sitze im Senat. Die Hälfte der Katalanen ist für die Unabhängigkeit, stimmt, die andere Hälfte ist dagegen, falsch. Viele sind sich nicht sicher ob der einseitige Schritt der Unabhängigkeitserklärung der richtige sei. Noch ein Hinweis zu den Schleifen... Diese aufzuhängen ist ein Zeichen der freien Meinung, ihre Gegner könnten andersfarbige auch aufhängen. Die aufgehängten niederzureißen ist ein Akt der Aggression... Eine gute Diada an alle!
Pless1 11.09.2018
3. Guter, aber nicht ganz neutraler Artikel
Herr Hecking beschreibt die Situation durchaus richtig. Allerdings scheint durch seine teils wertende Wortwahl seine eigene Auffassung deutlich durch. Zwar teile ich diese ausdrücklich, trotzdem gehört so etwas in einen Kommentar, nicht in einen Report.
seinodernichtsein 11.09.2018
4. 1 Fehler
Zitat: "Dutzende spanische Rechtswissenschaftler halten das für überzogen. Wie auch das OLG Schleswig. Es lehnte ab, Puigdemont wegen Rebellion auszuliefern." Da spanische Recht definiert Rebellion anders als das deutsche. Insofern spielt es in dieser Spanien-internen Angelegenheit keine Rolle, ob oder ob nicht das OLG Schleswig gleicher Meinung ist.
Tylenol 11.09.2018
5. Wunschdenken
Der Autor wünscht sich die Einheit Spaniens. Die Mehrheit der Katalanen wünscht sich ein eigenes Land. Lasst sie doch abstimmen, dann haben alle Gewissheit. Glückwunsch zum Nationalfeiertag nach Barcelona.
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