Katalonien Der Tag der Spanier

Es ist die zweite prospanische Demonstration innerhalb weniger Tage: In Katalonien werden die Gegner der Unabhängigkeit immer lauter - sie haben aber ein Problem.

AP

Aus Barcelona berichtet


Auf der Brust von Oriol Roig klebt ein Herz, es ist geteilt. Der Aufkleber zeigt die katalanische, die europäische und die spanische Flagge. "So fühlen wir uns", sagt der 20-Jährige mit dem katalanischen Namen. "Wir sind Katalanen und Spanier", eine Abspaltung seiner Region komme für ihn nicht in Frage.

Oriol Roig ist am spanischen Nationalfeiertag auf die Plaça de Catalunya in Barcelona gekommen, um gegen die Unabhängigkeit Kataloniens zu demonstrieren. Der Nationalfeiertag erinnert ursprünglich an die Ankunft von Christopher Kolumbus in Amerika. Aber an diesem Tag hat niemand Zeit für Kolumbus. Tausende Menschen stehen vor einer Bühne und schwenken die spanische Fahnen. Sie schreien "Puigdemont ins Gefängnis" und: "Es lebe Katalonien, es lebe Spanien". Zumindest im Zentrum der Demonstration ist die Stimmung friedlich, der Geruch von Marihuana liegt in der Luft, viele Jugendliche sind gekommen.

Die Demo ist die zweite große pro-spanische Kundgebung in Katalonien innerhalb von wenigen Tagen. Am Sonntag haben bereits Hunderttausende Katalanen und Spanier gegen die Abspaltung demonstriert, am Donnerstag sind es laut der örtlichen katalanischen Polizei rund 65.000.

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Nationalfeiertag in Spanien: Zwischen Feier und Krise

Organisiert werden die Kundgebungen von einem Bündnis aus verschiedenen Gruppen, darunter die katalanische Zivilgesellschaft "SCC". In der Vergangenheit waren es vor allem die Independentistas, die mit Massendemos ihre Macht demonstrierten. Die pro-spanischen Demonstrationen zeigen, dass die Gegner der Unabhängigkeit auch innerhalb Kataloniens derzeit immer lauter werden.

So sieht es auch Manuel Muro, 18, Geschichtsstudent aus Barcelona. "Lange hatten wir Angst, die spanische Flagge zu zeigen", sagt er. "Wer sie in Barcelona gehisst hat, musste damit rechnen, mit Eiern beworfen zu werden. Aber jetzt sind wir aufgewacht."

"In unseren Herzen haben drei Identitäten Platz"

Konservative Spanier sprechen seit Sonntag davon, dass die schweigende Mehrheit in Katalonien endlich den Mund aufmache. Ob die Unabhängigkeitsgegner wirklich eine Mehrheit bilden, weiß allerdings niemand. Zu viel ist in den vergangenen Tagen passiert, alte Umfragen haben keinen Wert mehr.

Bei den Demos ganz vorne dabei ist Inés Arrimadas, Vorsitzende der bürgerlich-liberalen Partei "Ciudadanos" in Katalonien. Die 36-Jährige hat am Dienstag eine viel beachtete Rede im katalanischen Parlament gehalten, in der sie den katalanischen Präsidenten Carles Puigdemont scharf angriff. "Meine Eltern, Geschwister und Neffen leben in Andalusien", sagt sie. "Ich werde nicht zulassen, dass sie ihren Pass zeigen müssen, wenn sie mich besuchen!" Die Mehrheit der Katalanen fühle sich katalanisch, spanisch und europäisch. "In unseren Herzen haben diese drei Identitäten Platz. Und ich werde nicht zulassen, dass sie unser Herz zerreißen."

Wegen Sätzen wie diesen wird Arrimadas gerade zu einer Art Shootingstar eines Teils der katalanischen Gesellschaft. Tausende Menschen teilten das Video ihrer Rede in sozialen Netzwerken. Auch heute steht sie im Mittelpunkt. Wo sie geht, drehen die Menschen die Köpfe um, bitten um ein Selfie.

Tatsächlich läuft gerade vieles für Arrimadas. Viele Unternehmen verlegen ihre Zentrale nach Madrid oder in andere Regionen Spaniens. Mittlerweile ist klar, dass die Unabhängigkeit Kataloniens einen hohen Preis hätte, die Republik wäre erst mal kein EU-Mitglied. Spanien könnte Zölle auf katalanische Güter erheben.

Ungewollte Nähe zu Rechtsextremen

Für viele Katalanen stehen Arrimadas und andere konservative Unabhängigkeitsgegner hingegen auf der Seite der "Unterdrücker" aus Spanien. Die ungewollte Nähe zu rechtsextremen Gruppen ist in den letzten Tagen zu einem Problem geworden. Bereits am Sonntag mischten sich zahlreiche rechte Organisatoren und Franco-Anhänger unter die Demonstranten. Einige zeigten offen den faschistischen Gruß. Deshalb haben die Organisatoren der Demonstration am Donnerstag dazu aufgerufen, verbotene Gesten zu unterlassen und keine verfassungsfeindlichen Symbole mitzunehmen. Sie wissen, dass insbesondere spanische Nationalisten den Nationalfeiertag für ihre Aufmärsche nutzen.

Tatsächlich marschieren am Donnerstag rund 200 Nationalisten und Faschisten durch Barcelona. Ihre Demo startet wenige Kilometer entfernt, auf der Plaça Espanya - ausgerechnet an dem Ort, den ein findiger Katalane jüngst auf Google Maps in den Platz des 1. Oktober umbenannt hatte. An diesem Tag hatten die Katalanen in einem verfassungswidrigen Referendum über ihre Unabhängigkeit abgestimmt. Auf Videos ist zu sehen, wie die Männer katalanische Flaggen verbrennen und faschistische Lieder singen - mitten in Barcelona, ein Horror für die allermeisten Katalanen.

Auch unter die Demonstranten der großen Kundgebung auf der Plaça de Catalunya haben sich wieder Rechtsextreme und Neonazis gemischt. Männer mit Glatzen und Tattoos laufen am Vormittag neben fröhlichen Jugendlichen. Dann bricht am Rand der Kundgebung plötzlich Panik aus: Zwei Gruppen von Männern prügeln aufeinander ein, werfen mit Stühlen und Flaschen. Das Café, aus dem die Stühle stammen, muss wenig später schließen, die Terrasse ist zerstört. Offenbar gehören die Männer zu verschiedenen Hooligan-Gruppen, die an der Demo teilgenommen hatten. Das berichtet "El País" unter Berufung auf anonyme Quellen in der katalanischen Polizei.

Die Organisatoren der Demo haben sich von den Randalierern bereits distanziert. Ein Problem sind die Hooligans und vor allem Rechtsextremen für Inés Arrimadas und andere bürgerlich-liberale Kräfte dennoch, denn sie prägen das Bild vieler Katalanen von den Unabhängigkeitsgegnern.

Die Rechtsextremen vertreten einen Nationalismus, der an Franco-Zeiten anknüpft und sich gegen ein vielfältiges Spanien richtet. Wer in Katalonien zu oft mit ihnen gesehen wird, kann keine Wahlen gewinnen und genau das will Arrimadas. Auf der Bühne fordert sie Puigdemont auf, endlich Neuwahlen aufzurufen. "Sie haben fünf Tage, um die Menschen wirklich abstimmen zu lassen", ruft sie.

Arrimadas' Chancen stünden im Fall von Neuwahlen gar nicht so schlecht. Ihre Partei ist einer Umfragen zufolge zweite Kraft, hinter der links-nationalistischen Esquerra Reublicana. Die Separatisten verlören demnach ihre Mehrheit im Parlament. Für diesen Fall will Arrimadas versuchen, eine Koalition von Unabhängigkeitsgegnern zu bilden. Dazu müsste schon viel zusammenkommen, auch die Befürworter sind so mobilisiert wie seit Jahren nicht. Parteichef Albert Rivera versucht Arrimadas dennoch schon seit Wochen als mögliche Nachfolgerin von Carles Puigdemont aufzubauen.

Als Arrimadas in Barcelona die Bühne verlässt, bildet sich schnell eine Menschentraube, Bodyguards schirmen die 36-Jährige ab. "Danke, dass du uns verteidigst", rufen ihre Fans. Und: "Arrimadas, presidenta!"

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keine Zensur nötig 12.10.2017
1. Es ist Zeit für ein Zeichen -
durch die spanische Regierung und das Königshaus. Entweder werden endlich die aufgehobenen Autonomierechte hergestellt oder es droht ein baskisches Szenario a la ETA. Erst deren terroristisches Agieren zwang Madrid zu Kompromissen. Nur - muss das sein? Das Auftreten von Francisten und Faschisten schüttet Öl ins Feuer - und diffamiert alle, welche eine friedliche Lösung wollen. Dass die EU-Führung dem Ganzen einfach zuschaut und sich jeglicher Meinung enthält - kein gutes Zeichen, da es eine stillschweigendes Einverständnis mit dem Madrider Gewaltkurs ist.
wauz 12.10.2017
2. Neoliberalismus und Faschismus passen gut zusammen - Hintergründe
Wer die neoliberale Wirtschaftsideologie mit Gewalt durchsetzen will, wird zum Faschisten. Guido Westerwelle hat in Deutschland mit seiner Hetze der AfD den Boden bereitet. Im Königreich Spanien laufen die Dinge, der eigenen Geschichte wegen, etwas anders. Aber da gibt es eben immer noch den Überrest der Franco-Faschisten. Ein gut Teil davon ist in der PP des Regierungschefs Rajoy. Aber die Ciudadanos, als starke neoliberale Gruppe im neuen Gewand, ist da nicht weit entfernt. Und wir erinnern uns auch, dass unter Schröder und Fischer sich die SPD auf die neoliberale Seite gestellt hat. So muss man auch das "pro-spanische" Vorgehen der PSOE einschätzen. (Der Seeheimer Kreis könnte deren linker Flügel sein). Der Konflikt in Katalonien zeigt auf, wie die ökonomischen Interessen das Geschehen bestimmen. Und dass die "Volkspartei" PP in Wahrheit eine Partei des Kapitals ist.
Reinhard Gehlen 12.10.2017
3. Echt toll geschrieben
Warum wurde im Artikel vergessen, dass heute eine Eurofighter Militärmaschine wegen den Feierlichkeiten des Nationalfeuertags abgestürzt ist und der Pilot dabei starb. Ist dass nicht erwähnenswert? Weil wir davon schon an anderer Stelle berichtet haben...?! http://www.spiegel.de/panorama/spanien-eurofighter-stuerzt-nahe-militaerbasis-ab-pilot-tot-a-1172610.html ; MfG Redaktion Forum
kleinstaatengegner 12.10.2017
4. Ist es denn schon wieder soweit???
Wer Rechtsbrecher unterstütz; will selbst das Recht brechen. Demokratie basiert immer auf der Anerkennung des Rechts. Wer in einer rechtsstaatlichen Demokratie das Recht missachtet oder bricht verlässt den Boden der Demokratie. Natürlich kann man innerhalb eines demokratischen Staates das Recht ändern, aber im Rahmen der geltenden Gesetze. Deshalb ist es völlig unverständlich, warum so viele Menschen der Meinung sind, dass nationalistische Rechtsbrecher unterstützt werden müssen.( Für diese Menschen ist es natürlich ein gefundenes Fressen, dass rechtsradikale Spinner auftauchen und die Einheitsbewegung in ihrem Sinne missbrauchen wollen.) Ist es denn schon wieder soweit, das Rechtsbruch gutgeheißen wird und Menschen ausgegrenzt werden? Soll Katalonien ein Spanierfreier Raum werden? So etwas ähnliches hatten wir in Deutschland schon mal und es ging gottseidank nach hinten los.
Velbert2 12.10.2017
5. Schön und gut, aber...
... warum hat die spanische Regierung vor und während des Referendums dann so einen Aufstand gemacht und Soldaten geschickt, die Urnen und Wahlzettel beschlagnahmt und Wähler daran gehindert hat, zu wählen? Wenn die Stimmung so pro spanisch ist könnte das Referendum doch jederzeit wiederholt werden ohne Einmischung der spanischen Regierung.
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