Separatisten in Katalonien "Frustriert und verbittert"

Den Separatisten in Katalonien läuft nach der Festnahme Puigdemonts und ohne Regionalpräsident die Zeit davon. Sie verschärfen ihren Protest - schon brandmarkt Madrid die Demonstranten als Gewalttäter.

Katalanisch oder spanisch: Demonstrant in Barcelona
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Katalanisch oder spanisch: Demonstrant in Barcelona

Von und Johannes Maier


Mitten im Osterverkehr sind sie plötzlich da: Dutzende Männer und Frauen mit neongelben Warnwesten besetzen mehrere Mautstationen in Katalonien. Sie lassen die Autofahrer passieren, ohne die fällige Gebühr zu kassieren. Einige in Schwarz gekleidete Demonstranten haben Tücher vor ihre Gesichter gezogen und halten ein Transparent hoch: "Freiheit den inhaftierten Politikern", steht dort. Als die Polizei einschreitet, kommt es zu Auseinandersetzungen.

Bilder wie diese gibt es in den vergangenen zehn Tagen häufiger: Bei einer Massendemonstration in Barcelona fallen Warnschüsse, die Polizei setzt Schlagstöcke ein - am Ende sind mehr als hundert Demonstranten und Polizisten verletzt. Fotos zeigen einen brennenden Mülleimer und Straßenblockaden.

Obwohl der Katalonien-Konflikt emotional aufgeladen und die Region mittlerweile tief gespalten ist, waren solche Szenen bislang eher die Ausnahme. Der Protest für die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien blieb weitgehend friedlich. Vor allem in den vergangenen Monaten war es ruhiger geworden. Die aktuellen Bilder erinnern nun an die Szenen aus dem Herbst vergangenen Jahres, als die spanische Polizei mit aller Macht verhindern wollte, dass die Katalanen über ihre Unabhängigkeit vom Zentralstaat abstimmen.

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Fotostrecke: Demos für Puigdemont eskalieren

Die Festnahme des ehemaligen katalanischen Regionalpräsidenten Carles Puigdemont in Norddeutschland und die Inhaftierung weiterer separatistischer Politiker sorgen für neue Unruhe in der Region. "Die Menschen sind zunehmend frustriert und verbittert", sagt der deutsch-katalanische Politikwissenschaftler Peter A. Kraus.

Behörden diffamieren Separatisten

Glaubt man spanischen Medien und der Justiz, droht aus dem bislang friedlichen Protest nun gar ein gewaltsamer Widerstand zu werden. Im Visier der spanischen Behörden stehen vor allem die CDR, die "Komitees zur Verteidigung der Republik". Diese Bürgerorganisationen sind Zusammenschlüsse von Anhängern der Unabhängigkeit und treten nach eigenen Angaben dafür ein, die sogenannte "Katalanische Republik" auf "friedliche, aber schlagkräftige Art zu verteidigen." An den Straßenblockaden, Besetzungen der Mautstationen und Demonstrationen der vergangenen Tage waren sie beteiligt.

Demonstranten in Barcelona: Freiheit für Puigdemont
DPA

Demonstranten in Barcelona: Freiheit für Puigdemont

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft am Strafgerichtshof in Madrid sind die Aktionen der Gruppen "vandalistisch" und gefährdeten "den öffentlichen Frieden, die Verfassungsordnung und die Essenz des demokratischen Systems". Die Staatsanwaltschaft will offenbar sogar untersuchen, ob sich die CDR der Rebellion schuldig gemacht haben, also dem Versuch eines Umsturzes unter Einsatz von Gewalt. Rebellion ist auch der Hauptanklagepunkt im Haftbefehl gegen Puigdemont.

Die CDR reagierten darauf mit einem anonymen Kommuniqué, das über einen zentralen Twitterkanal verbreitet wurde. In dieser Stellungnahme sprechen die Verfasser von einem "repressiven und faschistischen Staat", der versuche, die CDR zu kriminalisieren. "Sie haben die Kraft des Gesetzes, die Macht der Presse, die Gewalt der Schlagstöcke und alle wirtschaftlichen Ressourcen. Wir haben nichts als ein Projekt der Hoffnung: ein besseres Land aufzubauen, von unten und für alle."

Anzeichen für eine Radikalisierung?

Die CDR sind keine neuen Akteure im Konflikt. Laut der katalanischen Zeitung "El Periódico" gibt es in den Städten und Dörfern der Region 170 dezentral organisierte Ortsgruppen, auch im Ausland haben sich Solidaritätskomitees gegründet. Die meisten entstanden demnach im vergangenen Jahr, um die Durchführung des verbotenen Unabhängigkeitsreferendums zu organisieren. Wie viele Separatisten sich den Gruppen inzwischen angeschlossen haben oder wie groß ihr Rückhalt in der katalanischen Bevölkerung ist, ist unklar.

Politikwissenschaftler Kraus schätzt die Mitglieder der Komitees zwar als risikobereiter als andere Befürworter der Unabhängigkeit ein - Anzeichen für eine Radikalisierung sieht er aber nicht. "Es gibt in der jüngsten Geschichte Kataloniens kaum Ansätze einer militanten Konfliktauslebung und es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass sich das gerade ändert", sagt er dem SPIEGEL. Veränderungen seien bislang nur in der Rhetorik und den Protestformen feststellbar - und die sind weiterhin friedvoll, vor allem verglichen mit anderen Konflikten. "Die Frage ist, was passiert, wenn Verfechter der Sezession nichts mehr zu verlieren haben", sagt Kraus.

Katalanisches Regionalparlament: Schleifen für inhaftierte Politiker
AP

Katalanisches Regionalparlament: Schleifen für inhaftierte Politiker

Noch geben die Separatisten die Hoffnung auf eine Regierungsbildung und Fortsetzung des Unabhängigkeitsprozesses aber nicht auf, auch wenn die Zeit dafür immer knapper wird: Nach der gescheiterten Wahl von Jordi Turull zum Regionalpräsidenten bleiben ihnen nun nur noch sieben Wochen, um eine neue Regionalregierung zu bilden - ansonsten wird im Sommer neu gewählt, die Separatisten könnten ihre Mehrheit im Parlament verlieren.

Deshalb wollen die Befürworter der Unabhängigkeit in den kommenden Wochen den Druck auf Madrid erhöhen - allerdings weiterhin mit demokratischen Mitteln. Unter dem Motto "Republik oder Kollaps" rufen die CDR zum Generalstreik am 15. April auf, unterstützt wird die Aktion von den großen Gewerkschaften.

Bis dahin sind viele kleinere Proteste geplant, zum Beispiel an diesem Mittwochabend, wenn der FC Barcelona im "Camp Nou" den AS Rom empfängt. Es soll eine Demonstration der Stärke werden. Auf dem Fußballplatz. Und auf den Zuschauerrängen: In Anlehnung an das Jahr der Besetzung Kataloniens sollen 17 Minuten und 14 Sekunden nach Anpfiff des Spiels Tausende gelbe Ballons gen Himmel schweben - begleitet von Sprechchören: "Independència, Llibertat" - "Unabhängigkeit, Freiheit". Es soll ein bunter, kreativer Protest werden - ohne Gewalt.

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brux 04.04.2018
1. Ach nee
Wer wie ich Katalonien 1990 und 2018 vergleicht, kann die aggressive Katalanisierung des Alltags mit Händen greifen. Das ist der Versuch eines ethno-zentrischen Linksputsch. Soziologengewäsch ändert daran nichts.
trader_07 04.04.2018
2.
Nur Ewig-Gestrige wollen Kleinstaaterei. In Katalonien haben diese Ewig-Gestrigen leider bereits viel Schaden angerichtet, da hunderte Unternehmen ihren Firmensitz verlagert haben. Bleibt nur zu hoffen, dass die negativen Folgen überwiegend die zu spüren bekommen, die sie verursacht haben.
gertner27 04.04.2018
3. Erstaunliche Parallele
Erdogan bezeichnet die Kurden, die für ihre Selbständigkeit und Freiheit kämpfen, als Gewalttäter und Terroristen. Es wird wohl nicht lange dauern, bis Francos Erben dasselbe in bezug auf die Katalanen tun
candido 04.04.2018
4. Es wäre mal an der Zeit
dass SPON anstatt immer schön positiv über die Anhänger des zum Wilhelm Tell hochstilisierten Puigdemont zu berichten, auch mal die Vertreter der stärksten Partei Ciudadanos zu Worte kommen lassen würde. Bislang kein Wort bei SPON oder im SPIEGEL über Ines Arrimadas gelesen. Dabei hat ihre Partei die letzten Wahlen gewonnen und zwar noch vor Puigdemont. Arrimadas ist Katalanin und gegen eine Abspaltung Kataloniens. Das wäre doch mal interessant ihre Sicht der Dinge zu erfahren oder heisst das Motto von SPON inzwischen: im Zweifel für Puigdemont?
palef 04.04.2018
5. Rajoy hat Recht, und ist trotzdem Brandstifter...
...er hat nicht die geringste Ahnung, wie man einen solchen Konflikt löst! So einer darf Spanien nicht führen...Erdogan würde es so machen...Leider sitzen in Europa auch solche Hirnies, die Rajoy zu seiner Vorgehensweise ermutigen...der greise Junkers ist ein toller Ratgeber, Luxemburg hatte schon immer Erfahrungen mit Separatisten....
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