Kataloniens Regierungschef Puigdemont Schöngeist auf Krawallkurs

Kataloniens Schicksal liegt in den Händen von Carles Puigdemont. Am Dienstag wird der Regierungschef verkünden, wie die Zukunft der Region aussehen soll. Porträt eines Mannes, der mit seiner Rolle hadert.

Carles Puigdemont
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Carles Puigdemont

Von und , Barcelona


Wenn es dunkel wird in Barcelona, wenn das künstliche Licht angeht im Palast der Generalität und Carles Puigdemont fertig ist mit seinem Tagwerk, dann steigt der katalanische Regierungschef in seine Dienstlimousine - und lässt sich wegfahren, mehr als hundert Kilometer weit: zu seiner Familie, nach Girona. Nach Hause.

In der Millionenmetropole Barcelona fühlt sich der 54-Jährige nicht wirklich daheim, nach gut anderthalb Jahren als Chef der autonomen Gemeinschaft Katalonien. Es sei ein "Unfall, das Ergebnis von Umständen", dass er überhaupt dieses Amt habe, sagt Puigdemont im Gespräch mit dem SPIEGEL. Und fügt hinzu, er wolle so schnell wie möglich "wieder ein normales Leben führen". Bei den nächsten Wahlen werde er nicht mehr als Regierungschef kandidieren.

Doch bis es soweit ist, wird der Mann mit der Beatles-Frisur und der heiseren Stimme noch einige Male im Rampenlicht stehen. Ganz besonders am Dienstagabend: bei seiner Rede zur Lage der Region, die er so gerne zur Nation machen würde. Es wird sein erster Auftritt im katalanischen Parlament nach dem Abspaltungsreferendum. Wird Puigdemont die unabhängige Republik Katalonien ausrufen? Überlässt er diesen historischen Schritt den Parlamentariern? Oder vertagen sie alle die heikle Erklärung lieber noch mal?

Der Druck ist enorm. Puigdemont muss einen Ausweg finden aus einer Krise, die er selbst mitverursacht hat. Einerseits muss er die Erwartungen der Abstimmungsteilnehmer erfüllen, die sich mit überwältigender Mehrheit für ein unabhängiges Katalonien ausgesprochen haben. Schließlich fordert das von Puigdemont selbst mitinitiierte Abstimmungsgesetz: Binnen 48 Stunden nach Verkündung der Resultate müsse "die formale Erklärung der Unabhängigkeit" erfolgen. Andererseits kündigt Spaniens Regierung an, dass sie dann Katalonien unter Zwangsverwaltung stellen wird. Und dazu dürften auch noch viele weitere Unternehmen ihren Sitz aus Katalonien wegverlagern - einige Konzerne haben bereits den "Catalexodus" angetreten.

Alle Seiten zerren an Puigdemont

Puigdemont weiß, wie verzwickt die Lage ist. Es stimmt: 90 Prozent der Stimmen für die Unabhängigkeit sind ein gewaltiger Erfolg. Und die Bilder der Menschen, die Wahllokale beschützen und von der spanischen Polizei angegriffen werden, haben das Anliegen der katalanischen Separatisten weltbekannt gemacht. Allerdings sind 43 Prozent Wahlbeteiligung zu niedrig, um eine einseitige Unabhängigkeitserklärung mit allen Folgen zu rechtfertigen. Und die politische Unterstützung aus dem Ausland ist zu gering, um Spaniens Zentralregierung unter Mariano Rajoy zu Verhandlungen über Kataloniens Zukunft zu zwingen. Von einer Kompromisslösung wie etwa einem Mehr an Autonomie ganz zu schweigen.

Auch im eigenen Lager zerren alle Seiten an Puigdemont. Da sind die Hardcore-Separatisten,vor allem vom linksradikalen Koalitionspartner CUP, die darauf drängen, jetzt bloß keine Zeit zu verschwenden und die Gunst der Stunde zu nutzen. Und da sind viele Parteifreunde, die angesichts der drohenden Abwanderung von Kapital vom Ziel der sofortigen Unabhängigkeit abrücken.

Puigdemont versucht, es allen recht zu machen. Erst beruhigte er Zweifler und Kritiker mit gemäßigten, umsichtigen Worten. Am Sonntag wandte er sich an die Befürworter und versprach: "Wir werden tun, wofür wir angetreten sind."

Er selbst ist angetreten für die Republik Katalonien. Schon Anfang der Achtzigerjahre posierte das zweite Kind einer zehnköpfigen Konditoren-Familie mit der Estelada, der gelb-rot gestreiften Unabhängigkeitsflagge mit dem weißen Stern auf blauem Grund. Angeblich soll ein Schneider aus seinem nationalistisch gesinnten Heimatdorf Amer bei Girona sie für ihn zusammengenäht haben. Damals waren die Separatisten noch eine Randgruppe in Katalonien.

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Als Student überlebte "Puigdi", wie sie ihn nannten, mit Glück einen schweren Verkehrsunfall. Bis heute trägt er Narben von damals im Gesicht. Sein Berufsleben begann er als Journalist bei katalanisch gesinnten Medien. Unter anderem baute er die erste katalanischsprachige Nachrichtenagentur auf.

Um selbst mitzugestalten, wechselte Puigdemont in die Politik. 2011 wurde er Bürgermeister der Separatistenhochburg Girona. In dieser Zeit kaufte der Schöngeist, der fünf Sprachen fließend spricht, für 3,7 Millionen Euro eine Kunstsammlung mit Werken von Miró, Dalí und Picasso - und legte die Kosten auf die Wasserrechnung der Bürger um.

Seiner Politkarriere hat es nicht geschadet. Anfang 2016 wurde er über Nacht zum mächtigsten Mann in Katalonien erkoren. Und das war tatsächlich ein "Unfall", wie er es nennt. Nicht er hatte die Idee, sondern die CUP. Die Linksradikalen, die einzige politische Kraft, die Puigdemonts Parteienbündnis JuntPelSi eine Mehrheit für das Unabhängigkeitsreferendum beschaffen konnte, wollten den damaligen Regierungschef Artur Mas loswerden. Und als einzigen Kompromisskandidaten akzeptierten sie Puigdemont.

Keine Abspaltung von Spanien um jeden Preis

Beim Referendum hat Puigdemont seine spanischen Beschatter ausgetrickst, die ihn an der Stimmabgabe hindern wollten. Unter einer Brücke, als sie ihn vom Hubschrauber aus nicht sehen konnten, wechselte er in Agentenmanier den Wagen.

Jetzt könnte er eine Schublade öffnen, die fertige Unabhängigkeitserklärung herausnehmen und seinen Traum verwirklichen. Er selbst wäre womöglich bereit, dafür ins Gefängnis zu gehen. Doch er ist auch kein Fanatiker, der die Abspaltung von Spanien um jeden Preis durchsetzen würde.

Um nicht alles zu riskieren, könnte Puigdemont am Dienstag erneut zu einem Trick greifen. Wie kolportiert wird, könnte er erst die Unabhängigkeit verkünden - und dann sofort die Erklärung für einige Monate aussetzen, um während dieser Zeit internationale Anerkennung und vielleicht doch noch eine Verhandlungslösung zu suchen. So ähnlich hat es Slowenien im Jahr 1991 gemacht, bei der Trennung von Jugoslawien. Allerdings sind die beiden Fälle kaum miteinander vergleichbar. Und ob Madrid und die eigene Gefolgschaft dies durchgehen lassen, ist höchst fraglich. Vielleicht muss Carles Puigdemont schon bald nicht mehr nachts von Barcelona nach Girona pendeln.

Video: "Die schweigende Mehrheit ist heute laut"

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insgesamt 73 Beiträge
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darthmax 10.10.2017
1. Hader
wieso hadert er mit seiner Rolle..er macht doch das, was er sich seit Jahrzehnten vorgenommen hat und nach Ihm... die Sintflut. Das nennt sich auch unverantwortlich wenn man die Konsequenzen seines Handelns ausblendet.
gatopardo 10.10.2017
2. Der kultivierte Puigdemont
kommt auch nicht unsympathisch daher, nur sein Fanatismus für eine äusserst fragwürdige Abspaltung Kataloniens und damit von der EU sind es, die auch viele Katalanen auf die Palme bringen. Wir fiebern seiner Erklärung für heute 18,00 Uhr entgegen und können vielleicht danach wieder ruhig schlafen.
guigonz 10.10.2017
3. Puigdemont kann es garnicht
Liebe Reporter Eine kleine Notiz, Carlos Puigdemont kann garnicht die Unabhängigkeit ankünden. Nur dem Parlament steht dies zu.
spontanistin 10.10.2017
4. Und welche konkreten Ziele verfolgt er nun?
Soll nun Katalonien eine weitere Steueroase wie der benachbarte Zwergstaat Andorra werden, wo man auch katalanisch spricht? Was ist die hidden agenda? Oder ist es bereis Ausdruck einer dekadenten Spaßgesellschaft, dass Politik sich nur noch mit spektakulären (Selbst–)Inszenierungen beschäftigt statt mit den ureigensten Ausgaben der Daseinsvorsorge?
Bondurant 10.10.2017
5. Dem
Zitat von guigonzLiebe Reporter Eine kleine Notiz, Carlos Puigdemont kann garnicht die Unabhängigkeit ankünden. Nur dem Parlament steht dies zu.
auch nicht. Vorher müsste die spanischen Verfassung geändert werden und das können nur alle Spanier. Zusammen.
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