Demonstrationen in Spanien "Macht eure Arbeit"

Keine Nationalfahnen, keine Forderung außer dieser einen: Redet endlich miteinander. In Spanien und in Katalonien sind am Samstag Zehntausende Bürger auf die Straße gegangen, aus Frust über die Sturheit ihrer Politiker.

DPA

Aus Barcelona berichtet


Für einen Moment ist es ruhig auf der Plaza Sant Jaume im Zentrum Barcelonas. Dicht gedrängt stehen die weiß gekleideten Menschen zwischen den historischen Gebäuden, aus den Gassen der Altstadt schieben sich immer mehr Frauen und Männer in die wenigen Lücken. Manche von ihnen sind für die Unabhängigkeit Kataloniens, viele dagegen, manche unentschieden - doch auf den ersten Blick könnte niemand hier den Unterschied ausmachen: Alle tragen weiß, alle heben gemeinsam die Hände und gestikulieren "redet".

Mehr als 5000 Menschen sind dem Aufruf der Bewegung "Hablemos, Parlem?" gefolgt - das heißt "Lasst uns reden" auf Spanisch und Katalanisch. An der Plaza Sant Jaume liegt gegenüber vom Rathaus der Palast der Generalitat - der Sitz des katalanischen Regierungschefs Carles Puigdemont. Auch an ihn richtet sich die Aufforderung zum Dialog.

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Es ist ein seltener Moment der Einheit in der Hauptstadt Kataloniens, in der sich seit Wochen alles um die mögliche Unabhängigkeit von Spanien zu drehen scheint. Doch nicht nur dort, auch in Madrid, auf Mallorca, in kleinen Städten und sogar im fernen Glasgow haben sich an diesem Samstag Menschen vor Rathäusern versammelt. Mal sind es Dutzende in Weiß, mal Tausende.

In Spaniens Hauptstadt Madrid fand zeitgleich eine zweite Demonstrationstatt. Tausende Menschen protestierten dort gegen die Trennungspläne der wirtschaftsstarken Region Katalonien. Die zentrale Plaza Colón hatte sich in ein Meer aus spanischen Nationalflaggen verwandelt. "Ich bin Spanier!", skandierten die Leute.

Knapp eine Woche ist es her, dass Puigdemonts Regionalregierung das illegale Referendum durchgeführt hat und die spanische Polizei brutal gegen Wähler vorging. Seitdem ist das Klima zwischen Madrid und Barcelona und auch die Stimmung in der Gesellschaft noch toxischer als vorher. Selbst der König mischte sich ein, maßregelte die Katalanen und wurde seinerseits von Puigdemont beschimpft.

Martijn und Kristina
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Martijn und Kristina

"Dieser Samstag ist vielleicht die letzte Gelegenheit, die Eskalation zu stoppen", sagt Martijn, der mit seiner Frau Kristina zum Rathaus in Barcelona gekommen ist. Denn bislang sieht es nicht so aus, als ob die Zentralregierung in Madrid oder die Regionalregierung in Barcelona einlenken. Am Dienstag könnte Puigdemont die Unabhängigkeit Kataloniens erklären.

Auch deshalb hat sich die Bewegung entschieden, schnell und improvisiert zu handeln. Martijn, Cristina und mehr als Tausend andere haben in Arbeitsgruppen online diskutiert und geplant, den Hashtag verbreitet, binnen vier Tagen die Aktion vorbereitet und sich auf Prinzipien verständigt: Keine politische Positionierung in dem Konflikt, keine Beleidigungen, kein politisches Ziel, keine Option ausschließen. "Die Bewegung will die Spirale der Eskalation stoppen - was die Politiker dann verhandeln, ist nicht unsere Aufgabe", sagt Martijn.

"Macht eure Arbeit"

Es klingt es ein bisschen wie verkehrte Welt: Fordern sonst Politiker den Dialog in Konflikten, stehen in Spanien die Bürger vor den Rathäusern und rufen ihre gewählten Vertreter zur Vernunft und zum Gespräch mit dem Gegner auf. "Feu la vostra feina", hallt es auf Katalanisch über die Plaza Sant Jaume in Barcelona - "macht eure Arbeit".

Manche werfen der Bewegung vor, naiv zu sein. Martijn ist sich dessen bewusst: "Wir wollen es aber wenigstens versucht haben und uns nicht später vorwerfen müssen, dass wir nicht einmal probiert haben, die Eskalation zu stoppen."

Zumindest aus dem Umkreis der Regierenden waren am Freitag erstmals versöhnlichere Töne gekommen: Madrid ließ den Regierungsvertreter für Katalonien eine Entschuldigung für die Gewalt beim Referendum ausrichten. Santi Jordi, in der katalanischen Regierung für Unternehmen zuständig, forderte einen Waffenstillstand und warnte vor voreiligen Entscheidungen.

Vielleicht, so formuliert Martijn die Hoffnung der Dialog-Befürworter, nehmen Politiker auf beiden Seiten die landesweite Aktion ja zum Anlass, den Fuß vom Gas zu nehmen.

insgesamt 13 Beiträge
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jan.22301 07.10.2017
1. Hablamos = Reden wir = kluge Spanier
Jene Spanier, die jetzt ihre Zentral- und Regional-Regierungen zum Reden, zu Verhandlungen aufrufen, sind ganz offenbar deutlich klüger als ihre starrsinnigen Regierungen Rachoy und Puigdemont und ihr König. Taktische Fehler wurden zu Genüge gemacht: Nachdem das Verfassungsgericht das Referendum für rechtswidrig und daher sein Ergebnis für unbeachtlich befunden hat, war der brachiale Polizeieinsatz durch die Zentralregierung ein kapitaler Fehler; stehen doch jetzt die Katalanen da als Volk, das von der Zentralregierung bei der Ausübung friedlicher Wahlen geknechtet und brutal unterdrückt wird. Und SM Felipe hat dann auch noch ins Horn der Zentralregierung gestoßen. Statt nur en passant auf die Rechtswidrigkeit des Referendums hinzuweisen, hervorzuheben, daß es offenbar eine Befindlichkeitsstörung bei den Katalanen gibt und seinerseits einen Dialog zwischen den Katalanen und der Zentralregierung darüber in Gang zu setzen, wie die Befindlichkeitsstörung der Katalanen (unterhalb einer Abspaltung) gebessert werden kann. SM Felipe hatte eine Chance auf eine integrative Rolle. Er hat sich in dieser Sache selbst ins Abseits gestellt. Jetzt werden die Spanier einen anderen Moderator brauchen. Denn so verfahren, wie die Situation nach dem Polizeieinsatz aussieht, werden die Parteien allein und ohne Hilfe wohl nicht ins Gespräch kommen. Nur wer will sich der Gefahr aussetzen, zwischen die Stühle zu geraten?
DerDifferenzierteBlick 07.10.2017
2. Hauptproblem Rajoy, einfache Lösung
Na, da scheinen ja wenigstens viele normale Bürger vernünftig zu sein... Auch im spanischen Parlament gibt es eine Mehrheit für einen Dialog. Blöd nur, dass die spanische Minderheitsregierung - angeführt von einem gewissen Rajoy - bislang kategorisch jeden Dialog ablehnt. Derselbe Rajoy, der vor knapp 10 Jahren gegen das Autonomiestatut der Katalanen vorging, es letztlich zu Fall brachte und somit erst die jetzige Unabhängigkeitsbewegung der Katalanen ins Leben rief. Derselbe Rajoy, der mit aller Macht verhindern wollte, dass die Katalanen abstimmen, obwohl 70-80% von ihnen ein Referendum wollen. Derselbe Rajoy, der dann sogar 10.000e spanische Polizisten nach Katalonien schickte, welche dann mit ziemlicher Gewalt gegen die friedlichen Wähler vorgegangen sind. STATTDESSEN hätte Rajoy von Anfang an einen Dialog mit den Katalanen suchen müssen, um die Beziehungen zum spanischen Zentralstaat neu zu regeln - eine Unabhängigkeit wäre dann gar nicht gefragt gewesen. Später hätte Rajoy versuchen können, den Katalanen ein Referendum zu ermöglichen (analog zu Schottland in GB), denn es gab zu jedem Zeitpunkt eine sehr große Mehrheit GEGEN die Unabhängigkeit. Und schließlich hätte Rajoy am Ende die nicht gesetzlich abgesegnete "Wählerbefragung" auch einfach ignorieren können. Dann hätten gerne alle Katalonen abstimmen können und die Unabhängigkeit wohl abgelehnt. Je sturer und brutaler sich Rajoy gezeigt hat, desto mehr Sympathien haben nun die Unabhängigkeitsbefürworter bekommen. Und trotzdem ließe sich der ganze von ihm ausgelöste und hauptsächlich mitverantwortete Schlamassel noch lösen - wenn er denn wenigstens jetzt bereit wäre zu reden.. Was kann er verlieren? Seinen Stolz? Die Mehrheit des Parlamentes und wohl auch der Bevölkerung hätte er auf seiner Seite. Was kann er gewinnen? Er kann eine weitere dramatische politische Eskalation und einen massiven Wirtschaftseinbruch verhindern (und im schlimmsten Fall einen neuen Bürgerkrieg). Das Gebiet Katalonien als Bestandteil Spaniens wird er so nicht verlieren, denn eine Unabhängigkeit hat schlicht keine Mehrheit und hätte stattdessen politisch und wirtschaftlich dramatische Folgen. Also: Zusammensetzen, Reden, neues Autonomiestatut, fertig!
thisnotes4u 07.10.2017
3. Reden
Leider redet man nicht mehr miteinander, sondern nur noch gegeneinander, ob das die USA und Nordkorea oder Iran sind, oder eben die spanische und die katalanische Regierung. Ich wünsche mir dringendst, dass in diesen und anderen Fällen die Regierungschefs sich schleunigst an einen Tisch setzen.
loquuntursaxa 07.10.2017
4.
Zitat von jan.22301Jene Spanier, die jetzt ihre Zentral- und Regional-Regierungen zum Reden, zu Verhandlungen aufrufen, sind ganz offenbar deutlich klüger als ihre starrsinnigen Regierungen Rachoy und Puigdemont und ihr König. Taktische Fehler wurden zu Genüge gemacht: Nachdem das Verfassungsgericht das Referendum für rechtswidrig und daher sein Ergebnis für unbeachtlich befunden hat, war der brachiale Polizeieinsatz durch die Zentralregierung ein kapitaler Fehler; stehen doch jetzt die Katalanen da als Volk, das von der Zentralregierung bei der Ausübung friedlicher Wahlen geknechtet und brutal unterdrückt wird. Und SM Felipe hat dann auch noch ins Horn der Zentralregierung gestoßen. Statt nur en passant auf die Rechtswidrigkeit des Referendums hinzuweisen, hervorzuheben, daß es offenbar eine Befindlichkeitsstörung bei den Katalanen gibt und seinerseits einen Dialog zwischen den Katalanen und der Zentralregierung darüber in Gang zu setzen, wie die Befindlichkeitsstörung der Katalanen (unterhalb einer Abspaltung) gebessert werden kann. SM Felipe hatte eine Chance auf eine integrative Rolle. Er hat sich in dieser Sache selbst ins Abseits gestellt. Jetzt werden die Spanier einen anderen Moderator brauchen. Denn so verfahren, wie die Situation nach dem Polizeieinsatz aussieht, werden die Parteien allein und ohne Hilfe wohl nicht ins Gespräch kommen. Nur wer will sich der Gefahr aussetzen, zwischen die Stühle zu geraten?
Ich hoffe die klugen Spanier packen es zusammen, ABER in einer Verhandlung wo einer den Aufruhr und die Krawallen vorstellt und der andere das Gesetz in den Vordergrund bringt, was nicht ohne Weiteres zu ändern ist. Die Argumente liegen meines Erachtens nach auf Seite der spanischen Regierung, keiner mit Vernunft kann die Folgen der Selbständigkeit in Kauf nehmen. Was aber kann das Ergebnis sein? Ein Schuldenschnitt? Eine bessere Finanzierung oder die begehrte Bahnlinie am Mittelmeer Korridor. Das ist was dahinter steckt, und anstatt es demokratisch zu verhandeln starten die Independentistas die Anarchie. Und as ist nicht vertretbar.
Dasmussauchgesagtwerden 07.10.2017
5. Game over
Die katalanische Regierung befindet sich in einer Sackgasse. Für eine Unabhängigkeitserklärung hat sie keine soziale und politische Mehrheit, abgesehen davon dass grosse Firmen u. Banken schon aus Katalonien flüchten. Ausserdem würden sie in den Knast wandern. Wenn sie jedoch nicht die Unabhängigkeit erklären, würden sie die Unterstützung ihrer Anhänger verlieren.
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