100 Tage Katar-Blockade Der saudische Reinfall

Im Juni schmiedete Saudi-Arabien ein Bündnis gegen den Nachbarstaat Katar, das kleine Land wurde blockiert. Panische Kataris stürmten die Supermärkte, die Gefahr eines Golfkriegs drohte. Doch die Boykotteure haben sich gründlich blamiert.

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Wer sich mal anschauen möchte, wie effektiv die Katar-Blockade ist, muss bloß eine Mall in der Hauptstadt Doha besuchen. Im "Hypermarkt" stapeln sich die Lebensmittel bis zur Decke, liegen Filetsteaks und Lammkeulen, Schwertfisch und Kaviar, Sahnetorten und Käsespezialitäten gedrängt in den Kühltheken. Beim Juwelier lassen sich Frauen in schwarzen Abaya-Gewändern diamantbesetzte Armbanduhren vorführen. Vor dem Gebäude parken SUVs und Maseratis mit laufendem Motor.

Die Kataris berauschen sich wieder am Konsum. Als gäbe es keinen Boykott.

Die Hamsterkäufe sind Geschichte, Katars Widersacher blamiert: 100 Tage nach dem Beginn der Blockade. Damals, am 5. Juni, stürmten panische Kataris die Lebensmittelgeschäfte, packten sich die Einkaufswägen voll mit Milch, Reis und Bohnen: aus Angst, nicht genug zu essen zu haben, wenn Katar ausgehungert würde.

Die Nachbarstaaten Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain sowie Ägypten schwangen schließlich große Worte. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft wollten sie den Kleinstaat mit seinen 2,6 Millionen Einwohnern isolieren. So lange, bis Katar sich ihnen unterwerfen und 13 Forderungen erfüllen würde: von der Schließung des kritischen Senders Al Jazeera über das Verbot eines türkischen Militärstützpunktes bis zur Kappung der Beziehungen zum Iran. Sigmar Gabriel warnte gar vor einem neuen Golfkrieg.

Und jetzt? Sendet Al Jazeera munter und stellt sich als Hort der Medienfreiheit da. Haben das katarische und das türkische Militär ein gemeinsames Manöver abgehalten. Zelebriert Katars neuer Iran-Botschafter vor den Kameras Antrittsbesuche in Teheran. Enthüllen die Macher der Fußball-WM Pläne für ein Luxusstadion. Eröffnet Katars junger Emir Tamim bin Hamad al Thani demonstrativ einen neuen Superhafen. Und stellt die Boykotteure bloß. Allen voran seinen Erzrivalen, den Anführer der Anti-Katar-Allianz: Saudi-Arabiens jungen Kronprinzen Mohammed bin Salman al Saud.

Scheich Mohammed gegen Scheich Tamim: 0 zu 1. 100 Tage währt nun das Kräftemessen zwischen dem Thronfolger der arabischen Großmacht und dem Herrscher des Kleinstaats. Und für den 32-jährigen saudischen Mohammed könnte das Duell mit dem 37-jährigen katarischen Tamim kaum schlechter laufen. Nur sechs Staaten haben sich den Boykotteuren angeschlossen und die diplomatischen Beziehungen zu Doha abgebrochen. Einer davon, der Senegal, hat seinen Botschafter wieder zurückbeordert. Organisationen wie Reporter ohne Grenzen oder Human Rights Watch empören sich über den plumpen Zensurversuch, Al Jazeera abzuschalten. Die Menschenrechtslage der Gastarbeiter auf den WM-Baustellen ist nur noch Randthema.

Ungehindert gelangen Flugzeuge und Schiffe voller Lebensmittel nach Katar hinein - und Supertanker voll mit verflüssigtem Gas heraus. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert Katars Nicht-Energie-Wirtschaft für 2018 satte 4,6 Prozent Wachstum. Nicht auszuschließen, dass das Herrscherhaus teuer für die Lebensmittelimporte bezahlt und seinen kostbaren Rohstoff zum Schnäppchenpreis verramscht. Aber die Fassade glänzt.

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Katar-Krise: Operation Geldregen

Katars Tamim setzt geschickt seine mächtigste Waffe ein: das große Geld. So hat das Land seinen Handel mit dem Oman - der über die Straße von Hormus wacht, durch die alle Tanker müssen - in diesem Sommer verzwanzigfacht. Den USA, deren Präsident Katar als Terrorfinanzier darstellte, kauft der Emir für zwölf Milliarden Dollar Kampfjets ab. Peanuts sind dagegen die 222 Millionen Euro Ablösesumme für Neymar, die der von Katar kontrollierte Verein Paris Saint-Germain dem FC Barcelona bezahlt. Doch mit diesem Deal demonstriert Tamim der ganzen Welt: Yes, we can.

Der ungestüme Saudi Mohammed hingegen hat sich völlig verschätzt. Statt mitzuboykottieren, halten sich Nachbarstaaten wie der Oman oder Kuwait neutral. Die USA geben neuerdings den Vermittler. Und Iran, Saudi-Arabiens Erzrivale im Kampf um die Vorherrschaft in der Regon, nutzt die Chance, engere Bande zum Kleinstaat am westlichen Golfufer zu schließen.

Nebenbei haben die Saudis noch ein zweites politisches Desaster am Hals: den Einsatz im Jemen. Mohammed persönlich hatte im März 2015 angeordnet, die schiitischen, vom Iran unterstützten Huthi-Rebellen zu bombardieren. Zweieinhalb Jahre danach kontrollieren die Huthi immer noch den Westen des Jemen, der Bürgerkrieg tobt. Drei Millionen Menschen sind auf der Flucht; 600.000 sind an Cholera erkrankt. Dutzende Male haben saudische Kampfjets Moscheen, Schulen oder Krankenhäuser bombardiert und Unbeteiligte getötet. Der Jemen wird zum saudischen Vietnam.

Noch ist Mohammed daheim beliebt. Weil er der erste Mächtige aus der jungen Garde ist, nach jahrzehntelanger Herrschaft der Greise. Und weil er den arbeits- und perspektivlosen jungen Saudis Großes versprochen hat: Die "Saudi Vision 2030". Schon übernächstes Jahrzehnt soll die Wirtschaft des stockkonservativen Königreichs nicht mehr überwiegend vom Öl bestimmt sein, verkündet der Thronfolger.

Nur: Wer soll seine Visionen bezahlen? 100 Milliarden US-Dollar werde der Börsengang von nur fünf Prozent des Staatskonzerns Saudi Aramco einbringen, erwartet das Königshaus. Das hieße, dass der Ölmulti insgesamt märchenhafte 2000 Milliarden wert wäre -mehr als doppelt so viel wie Apple, das höchstbewertete Unternehmen der Erde. Das Gros der Marktexperten beziffern Saudi Aramcos realen Wert auf maximal 1000 Milliarden. Das hieße, dass die Teilprivatisierung dem Staat 50 Milliarden weniger bringt als geplant. Und da der Ölpreis am Boden ist, droht Saudi-Arabien ein Finanzloch: auf Jahre hinaus.

Ist die Katar-Blockade bloß ein Ablenkungsmanöver? Nach Vermittlung der USA haben Mohammed und Tamim kürzlich miteinander telefoniert. Jetzt aber schweigen sie sich wieder an. Denn als die katarische Nachrichtenagentur berichtete, beide Herrscher hätten die Notwendigkeit unterstrichen, die Krise durch Dialog zu beseitigen, zeigen sich die Saudis beleidigt und brachen alle Gespräche ab. Mohammed kann sich leisten, dass die Blockade länger dauert. Tamim kann es auch.

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Raisti 13.09.2017
1. Hoffe nun stellen sich einige Leute mal nen paar Fragen
Erstmal muss ich anmerken danke SPON das ihr euch mal mehr den Saudis annehmt und dazu noch ein Forum schaltet. Ging ja gestern schon los mit dem Artikel zum Jemen. Aber nun zur Kritik: 1. Vermisse ich stark in dem Artikel das die Saudischen Hacker beleuchtet werden die Ja ne Fake News bei Aljazeera platziert hatten und damit erst die Blockade losgetreten haben. Das ist erwiesen und sogar Spon hatte darüber berichtet sofern ich mich recht erinnere. Vondaher frage ich mich warum dieser zentrale Punkt im Artikel fehlt. 2. Ich finde es schon krass das folgendes im Text versteckt ist. "Dutzende Male haben saudische Kampfjets Moscheen, Schulen oder Krankenhäuser bombardiert und Unbeteiligte getötet" Man erinnere sich wie zeter und mordio geschrien wurde wenn dies in Syrien passiert ist. Da frage ich mich warum diese Verbrechen der Saudis nicht auch dauerhhaft als Aufmacher kritisch beleuchtet werden. In beiden Fällen sind es Kriegsverbrechen aber in syrien wurde man nicht müde es täglich als Aufmacher ins öffentliche Bewusstsein zu drängen während es hier gerade mal einen Nebensatz wert ist.
bikerrolf 13.09.2017
2. Alles in Butter?
Hauptsache die USA haben mal wieder im großen Stil Waffen verkauft, an beide Seiten natürlich. Fragt sich nur, ob sich die Herrscher aus 1001 Nacht ewig werden halten können, wenn Öl und Gas verbraucht oder wegen des Klimawandels nicht mehr abzusetzen sind. Und ob nicht eines Tages Israel - oder die USA in einem dritten Golfkrieg - mit den schönen Waffen Bekanntschaft machen. Al Jazeera und CNN werden dann in Full HD life berichten.
gandhiforever 13.09.2017
3. Der Scheich pokert
Mohammed bin Salman al Saud weiss, dass er sich verspekuliert hat, denn die Anschuldigungen gegen Katar haben sich als erfunden erwiesen. Doch so einer, der gibt nicht so schnell auf, sondern versucht, seine Koalition zu erweitern. Zu diesem Zweck hat sogar einen Besuch in Israel gemacht, in dem Israel, das offiziell der Erbfeind ist. Und dieser Besuch ist eben nicht so ohne. Sich am Rand einer internationalen Konferenz kurz mit einem israelischen Diplomaten zu unterhalten ist nicht unueblich, aber ein Besuch und Gespraeche im offiziellen Feindesland. Das koennte dem ausersehenen Nachfolger zum Verhaengnis werden, sollte der Widerstand innerhalb der Familie zunehmen.
treime 13.09.2017
4. @ 1
Im Jemen gibt es nichts zu holen. Das BIP pro Kopf liegt unter 1.000 USD - bei ~27 Millionen Einwohnern ist der Jemen alles andere als relevant in der Politik von USA, Russland, China und Europa. 600.000 Menschen an Cholera erkrankt? Wehe sowas passiert in Indien, Australien oder gar Mexiko... Das jahrelange abschlachten im Sudan hat keine Sau interessiert, weil das liebe Öl weitergeflossen ist. Oder interessiert es wirklich jemanden, das mehrere 100.000 Muslime in Südostasien auf der Flucht sind, weil sie mit Gewalt vertrieben werden? Dort steht eine Friedensnobelpreisträgerin an der Spitze. Wir können uns auch weiterhin selber belügen und uns einreden, das wir die besseren Menschen sind. Aber von uns tut keiner was! (Ausnahmen bestätigen die Regel) Traurig, aber wahr. Die Welt stand gestern noch am Abgrund, heute ist sie....
fatal.justice 13.09.2017
5. So ist es.
Zitat von treimeIm Jemen gibt es nichts zu holen. Das BIP pro Kopf liegt unter 1.000 USD - bei ~27 Millionen Einwohnern ist der Jemen alles andere als relevant in der Politik von USA, Russland, China und Europa. 600.000 Menschen an Cholera erkrankt? Wehe sowas passiert in Indien, Australien oder gar Mexiko... Das jahrelange abschlachten im Sudan hat keine Sau interessiert, weil das liebe Öl weitergeflossen ist. Oder interessiert es wirklich jemanden, das mehrere 100.000 Muslime in Südostasien auf der Flucht sind, weil sie mit Gewalt vertrieben werden? Dort steht eine Friedensnobelpreisträgerin an der Spitze. Wir können uns auch weiterhin selber belügen und uns einreden, das wir die besseren Menschen sind. Aber von uns tut keiner was! (Ausnahmen bestätigen die Regel) Traurig, aber wahr. Die Welt stand gestern noch am Abgrund, heute ist sie....
Wenn man Politik als Ausdruck des Volkswillens, und die Willensbildung des Volkes als ein vom weltweiten Journalismus beeinflusstes Gut begreift, muss man feststellen, dass die Medienwelt durchaus versagt, wenn es um die Betrachtung der Konflikte unserer Zeit geht. Die Relation scheint sich zu verlieren, wenn jede semi-stattliche Naturkatastrophe mit ihrer für die jeweilige Bevölkerung eher belanglosen Gefährdungslage die Zeitungsseiten füllt, aber kapitale Verbrechen gegen die Menschlichkeit - wie beispielsweise im Jemen oder in Nigeria und Myanmar derzeit - zur Randnotiz verkommen. Man muss es wohl auf kulturalistische Denkweisen zurückführen: Wenn ein wallonischer Belgier von einem Granatapfel erschlagen wird, ist mir das näher, als wenn ein Tahitianer von einer kapitalen Kokosnuss erschlagen wird...
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