Katastrophale Sicherheitslage Afghanistan zittert vor den unmöglichen Wahlen

Vier Wochen bleiben den Afghanen für die Vorbereitung der Parlamentswahlen, und die Sicherheitslage verschlimmert sich stetig. Die Taliban drohen Wählern und Wahlhelfern mit dem Tod. Hunderte Wahllokale werden schon jetzt als hoffnungslos aufgegeben - besonders viele im Gebiet der Bundeswehr.

Wahlplakate in Kabul: Wer sorgt für Sicherheit beim Urnengang?
AP

Wahlplakate in Kabul: Wer sorgt für Sicherheit beim Urnengang?

Aus Kunduz berichtet


Für einen Wahlorganisator ist das Büro von Shahjahan Sardari ziemlich martialisch ausstaffiert. Sein Laptop ist geschmückt mit Einschlussloch-Aufklebern, neben dem Schreibtisch steht ein Schnellfeuergewehr. "Für alle Fälle", sagt Sardari, "wenn die Wachen versagen." In den schmalen Gängen vor seiner Tür stehen bewaffnete Männer. Das seien keine Polizisten, sagt er, vielmehr "treue paschtunische Stammesbrüder" des Chefs der Independent Election Commission von Kunduz, der Wahlkommission IEC.

Sicherheit, Angriffe und No-go-Areas - das sind Sardaris Kernthemen an diesem Morgen, rund vier Wochen vor der Wahl eines neuen afghanischen Parlaments am 18. September. "Theoretisch ist für die Wahl alles vorbereitet, sogar die Wahlzettel sind schon hier", berichtet der bullige Funktionär, "aber am Ende hängt alles an der Sicherheit." Sardari sieht aus dem Fenster. Sein Büro ist umgeben von drei Meter hohen Mauern, um mögliche Attentäter abzuhalten. Er kommt selten hier raus.

Ob und wie die rund 17,5 Millionen Wahlberechtigten Afghanistans abstimmen können, ist mehr als ungewiss. Trotz Truppenverstärkung der Nato und Turbo-Training für die afghanische Armee nimmt die Anzahl der Anschläge, Taliban-Attacken und Sicherheitsvorfälle weiter zu. Hinzu kommen fast jeden Tag neue Meldungen über Angriffe auf Kandidaten (drei wurden in den vergangenen Wochen erschossen), deren Büros und Wahlhelfer.

Jeder, der an der Wahl teilnimmt, ist derzeit in ernster Gefahr.

Dabei stehen die Regierung und die internationale Schutztruppe unter enormem Druck. Präsident Hamid Karzai will beweisen, dass seine Sicherheitskräfte beim Aufbau schon weit vorangekommen sind und große Gebiete des Landes kontrollieren können. Private Sicherheitsfirmen will Karzai gar nicht mehr im Land haben. Für die Armeen der Nato muss die Wahl - laut den Beschlüssen der London-Konferenz ein wichtiger Meilenstein für den kühnen Abzugsplan - frei und fair werden. Nur so wäre ein Ende der Mission überhaupt absehbar.

"Wahlkampf unter Todesangst kann nicht funktionieren"

Doch die Prognosen stehen schlecht für einen echten Erfolg der Wahlen. Erst kürzlich hat die Wahlkommission IEC im fernen Kabul weit weg von Sardaris kleiner Festung düstere Zahlen veröffentlicht. Von 6835 geplanten Wahlzentren können nach den ersten Schätzungen nur 5897 geöffnet werden. Für die restlichen 938, also rund 14 Prozent aller Möglichkeiten zur Stimmabgabe, will weder die afghanische Polizei noch die internationale Schutztruppe Isaf garantieren.

Die Parlamentswahl droht zur erneuten Farce zu werden. So bemängeln unabhängige Beobachter, dass es in vielen Gebieten überhaupt keinen Wahlkampf gebe. "Im Süden wird es keine fairen Wahlen geben, denn niemand kann für die Sicherheit garantieren", sagt Politik-Analyst Haroun Mir, "das bedeutet am Ende, dass fast in der Hälfte des Landes nicht frei gewählt wird." Schon kurz außerhalb der Stadtgrenzen von Kabul beginnen laut Mir die No-go-Areas des Landes.

Viele der rund 2500 Kandidaten für die 249 Sitze haben gar keine Chance auf einen Wahlkampf. Noch bei der letzten Wahl im Jahr 2005 reiste der Abgeordnete Daoud Sultanzoi von Kabul täglich in sein Wahlgebiet nach Ghazni, rund zwei Stunden südlich der Hauptstadt. Heute ist der Trip unmöglich, da die Straßen von Taliban kontrolliert werden. Kürzlich wurde sein Bruder entführt und erschossen. "Wahlkampf unter Todesangst", sagt Sultanzoi, "kann in keinem Land der Erde funktionieren."

Doch nicht nur der Süden sei in Gefahr, meint Analyst Haroun Mir. Ausdrücklich schließt er die Nordprovinzen Kunduz und Baghlan, in denen die Bundeswehr aktiv ist, in die Warnungen ein.

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Seite 1
Ohli 24.08.2010
1. Katastrophale Sicherheitslage - Nach 9 Jahren....
Zitat von sysopVier Wochen bleiben den Afghanen für die Vorbereitung der Parlamentswahlen, und die Sicherheitslage verschlimmert sich stetig. Die Taliban drohen Wählern und Wahlhelfern mit dem Tod. Hunderte Wahllokale werden schon jetzt als hoffnungslos aufgegeben - besonders viele im Gebiet der Bundeswehr. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,713413,00.html
Wer den Artikel aufmerksam durchliest, kann nur zu dem Ergebnis kommen, das Afghanistan nach 9 Jahren Besatzung vollkommen instabil ist. In Neusprech heisst das wohl Fail-State. Von einer "verschlimmerten Sicherheitslage" und "hoffnungslos" ist schon in der Einleitung zu lesen. Ich gebe die Hoffnung für die Afghanen nicht auf, das sie eines Tages über das was mit ihrem Land geschieht, das sie sich auch nur von zukünftigen Generationen geliehen haben, selbst bestimmen können. Aber dafür müssten die Besatzer erst mal das Land verlassen.
Viva24 24.08.2010
2. Das Volk dankt ex Präsidenten Bush
Es ist sehr offensichtlich, dass die Gründe der Amerikaner bei einer militärischen Auseinandersetzung nur wirtschafliche Interessen im Fordergrund stehen. Nun wissen wir ja seit einger Zeit, das Land ist sehr reich an den Zukunftsrohstoffen wei Erdöl und Salze. Hat jemand die USA in Somalia, Kongo, Burundi, Sierra Leone gesehen? Warum auch, die Einschätzung an Bodenschätzen ist sehr gering. Es ist auch eine Frage der Zeit und des Druckes der Bush Freunde, wann der Iran mit seinen Rohstoffen angegriffen werden wird.....
orion4713 24.08.2010
3. .
Zitat von sysopVier Wochen bleiben den Afghanen für die Vorbereitung der Parlamentswahlen, und die Sicherheitslage verschlimmert sich stetig. Die Taliban drohen Wählern und Wahlhelfern mit dem Tod. Hunderte Wahllokale werden schon jetzt als hoffnungslos aufgegeben - besonders viele im Gebiet der Bundeswehr. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,713413,00.html
Wenn besonders viele Wahllokale im Gebiet der Bundeswehr aufgegeben werden müssen, dann kann deutlich von einem Scheitern der Mission gesprochen werden. Was macht die BW noch dort? Schon in der Vergangenheit hat sie sich fast nur selbst bewacht, das kann man in D billiger haben!
Centurio X 24.08.2010
4. Wenn man von der Welt nichts weiß...
Zitat von Viva24Es ist sehr offensichtlich, dass die Gründe der Amerikaner bei einer militärischen Auseinandersetzung nur wirtschafliche Interessen im Fordergrund stehen. Nun wissen wir ja seit einger Zeit, das Land ist sehr reich an den Zukunftsrohstoffen wei Erdöl und Salze. Hat jemand die USA in Somalia, Kongo, Burundi, Sierra Leone gesehen? Warum auch, die Einschätzung an Bodenschätzen ist sehr gering. Es ist auch eine Frage der Zeit und des Druckes der Bush Freunde, wann der Iran mit seinen Rohstoffen angegriffen werden wird.....
sollte man sich nicht erdreisten, dümmliche Kommentare zu schreiben! Fakt ist, daß die US-Army lieber heute als morgen abziehen würde... Ein an sogenannte Zukunftsrohstoffen reicheres Land als den Kongo gibt es nicht, und in Somalia waren die US-Truppen schon gewesen!
Cassandra105 24.08.2010
5. ******
Zitat von OhliWer den Artikel aufmerksam durchliest, kann nur zu dem Ergebnis kommen, das Afghanistan nach 9 Jahren Besatzung vollkommen instabil ist. In Neusprech heisst das wohl Fail-State. Von einer "verschlimmerten Sicherheitslage" und "hoffnungslos" ist schon in der Einleitung zu lesen. Ich gebe die Hoffnung für die Afghanen nicht auf, das sie eines Tages über das was mit ihrem Land geschieht, das sie sich auch nur von zukünftigen Generationen geliehen haben, selbst bestimmen können. Aber dafür müssten die Besatzer erst mal das Land verlassen.
Wow, tolle Logik. Da haben wir drei Gruppen: Zivilisten, Massenmörder und Polizisten. Die Massenmörder bringen ständig Zivilisten und Polizisten um, also zieht man die Polizisten ab, dann sterben nur noch die Zivilisten.
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