Katastrophenbeben: "Opa Wen" kämpft um Chinas Ruf in der Welt

Von Wieland Wagner, Shanghai

Chinas Führung greift durch: Premier Wen eilt wie ein Feuerwehrmann durch die Erdbebenzone, stellt sich Bedürftigen als "Opa" vor. Mit dem Krisenmanagement will die KP das Desaster zum Positiven nutzen - auch um die internationale Isolation nach der Tibet-Krise zu beenden.

Der Premier brüllt ins Megafon, er tröstet weinende Erdbebenopfer, er feuert verzweifelt die Rettungstrupps an, nach jedem einzelnen Überlebenden zu suchen: In ungewohnter Offenheit erleben Chinas Fernsehzuschauer derzeit, wie ihr Regierungschef Wen Jiabao die Folgen des verheerenden Erdbebens in den Griff zu bekommen versucht.

Die dramatischen TV-Bilder kommen ausgerechnet aus jener Region, die schon vor zwei Monaten weltweit Aufsehen erregte: Hier im Westen Chinas brachen die Unruhen der tibetischen Minderheit aus. Damals erlebte die Welt ein anderes China: Mit eiserner Faust schlug Peking die Proteste nieder und sperrte westliche Reporter aus dem Krisengebiet aus.

Der Olympia-Gastgeber präsentierte sich der Welt als Diktatur, die wenig später ungeachtet aller Proteste den olympischen Fackellauf als Machtdemonstration inszenierte. Als aufstrebende Supermacht, die - zumindest anfangs - das eigene Volk zu nationalistischem Hass gegen westliche Medien und Firmen ermunterte und einen Boykott der französischen Supermarktkette Carrefour provozierte.

Staatliche Propaganda nutzt das Erdbeben

Doch die schrillen Töne, die gegenseitigen Beschimpfungen, das wachsende Unverständnis zwischen China und dem Ausland scheinen plötzlich wie vergessen. China trauert um die Erdbebenopfer, und die Welt trauert mit China.

Ausgerechnet im Unglück keimt ein wenig Hoffnung auf: Offenbar ist die chinesische Führung bereit, das Desaster zum Positiven zu nutzen. Nicht nur um im Inneren mehr Offenheit zu demonstrieren - sondern auch, um China rechtzeitig vor Olympia aus der Isolation zu befreien.

Versöhnung ist angesagt, auch im staatlichen Fernsehen, wo nichts zufällig gesagt werden darf. Als löbliches Beispiel heben die Sprecher dort eine Hilfszusage von Carrefour hervor - die Supermarktkette, heißt es, wolle den Opfern mit Geld und Zelten helfen. Selbst die umstrittene olympische Fackel, die Peking in raubeiniger Symbolik durch die Krisenregion Tibet und auf die Spitze des Mount Everest paradieren ließ, wollen die Organisatoren aus Rücksicht auf die Erdbebenopfer vorerst ein bisschen weniger auffällig durch das Land tragen.

Zerstörungen in einer schwierigen Zeit

Das Erdbebengebiet in der Provinz Sichuan
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Das Erdbebengebiet in der Provinz Sichuan

Gewiss, Chinas staatliche Propaganda nutzt das Erdbeben auch kräftig, um die Nation mit gewohnten Polit-Slogans hinter der Partei zu vereinen. Doch anders als bei früheren Katastrophen wie der Sars-Epidemie beweisen die roten Machthaber bisher ungewohntes politisches Fingerspitzengefühl.

Vielleicht haben sie tatsächlich dazugelernt. Gerade in diesem olympischen Jahr hatten Staat und Partei mehr als genug Gelegenheit, ihr Krisenmanagement zu testen: Erst legte ein Schneesturm weite Teile Südostchinas lahm, dann protestierten die Tibeter. Kürzlich verunglückte ein Zug in der Provinz Shandong, 72 Menschen kamen dabei um, mehr als 416 wurden verletzt. Und nun das Erdbeben.

Die Katastrophenregion liegt im relativ rückständigen Westen Chinas, der wirtschaftliche Schaden für den Rest des Landes dürfte sich also in Grenzen halten. Doch die gewaltigen Zerstörungen suchen die Volksrepublik in einer Zeit heim, in der schon eine Fülle weiterer Schwierigkeiten die Stabilität bedrohen: Rekordinflation, Kursverluste am Aktienmarkt und die Hypotheken-Krise in den USA, Chinas wichtiger Exportmarkt. Das kommunistische Regime, das seine Macht auf ein Wirtschaftswachstum in zweistelliger Höhe gründet, ist alarmiert.

Schon aus eigenen Interesse verlor es nach dem Beben daher keine Zeit: Zwei Stunden nach den Erdstößen eilte Premier Wen im Flugzeug in die Krisenregion. Anders als die Junta-Generäle in Burma, die ihrer leidenden Bevölkerung nötige westliche Hilfe vorenthalten, zeigt sich China so vor den Augen der übrigen Welt als verantwortliche Großmacht.

Das ist nicht selbstverständlich. Beim verheerenden Erdbeben von Tangshan, bei dem im Sommer 1976 rund 240.000 Menschen umkamen, spielte die Regierung das Unglück herunter. Die Untertanen deuteten das Naturdesaster, als sei dem roten Kaiser Mao das Mandat des Himmels entzogen worden. Wenige Woche später starb der altersschwache Diktator.

Telegen bekundetes Mitgefühl

Seitdem sind über drei Jahrzehnte der Öffnung und der Reformen vergangen - das Wirtschaftswunderland China lässt sich längst nicht mehr so einfach herumkommandieren wie eine riesige Volkskommune. Auch in China müssen die Mächtigen das Volk für sich gewinnen. Und deshalb eilt Premier Wen unermüdlich wie ein Feuerwehrmann durchs Land, dorthin, wo gerade Unmut emporzüngelt. Wen tröstet Hausfrauen, die über hohe Schweinepreise klagen, oder Dörfler, die über die wachsende Kluft von Arm und Reich schimpfen. Und nun eben verzweifelte Erdbebenopfer. Das telegen bekundete Mitgefühl zählt zu den großen Stärken des Premiers, der sich auch den Erdbebenopfern jetzt bescheiden als "Opa Wen" vorstellte.

Gleichzeitig allerdings verkörpert der unermüdliche Krisenmanager die grundsätzliche strukturelle Schwäche des politischen Systems der Volksrepublik. Denn anders als im Westen können die Chinesen ihre Unzufriedenheit nicht mittels einer unabhängigen Presse oder durch demokratische Wahlen äußern. Letztlich muss der Premier in jedem besonders kritischen Einzelfall zum Megafon greifen und das Krisenmanagement übernehmen - das er den oft korrupten Provinz- und Parteibossen offenbar nicht zutraut.

Mittlerweile ist China ein viel zu kompliziertes Gebilde, als dass die Partei ein Viertel der Menschheit weiter mit den Methoden von gestern regieren könnte. Nur mutige politische Reformen, die mehr Mitsprache und mehr Transparenz erlauben, werden die Harmonie langfristig sichern können, die Chinas Führer so oft und gerne beschwören.

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