Katholiken in Bosnien Kroatischer Bischof prangert Vertreibung seiner Landsleute an

Die katholische Kirche beklagt die Vertreibung ihrer Mitglieder aus Bosnien. Franjo Komarica, Bischof der serbisch dominierten Republik Srpska, fühlt sich von der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen. Seine Hilferufe seien schlichtweg ignoriert worden.

Von Renate Flottau, Belgrad


Freudig streckt Bischof Franjo Komarica dem Besucher die Hand entgegen. "Es ist ein Zeichen, dass mich die Welt noch nicht vergessen hat", sagt er und weiß nicht, womit er seine Gäste zuerst beglücken soll: Mit Sliwowitz für die Herren, Campari für die Damen oder dem Blick aus dem Fenster seines Zimmers auf die Kirche des Bistums, die immer noch steht.

Bischof Franjo Komarica: "Es war eine gründliche und rücksichtslose Ausrottung der katholischen Kirche"
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Bischof Franjo Komarica: "Es war eine gründliche und rücksichtslose Ausrottung der katholischen Kirche"

Das Gotteshaus sollte 1995, nach der Vertreibung aller Kroaten aus Banja Luka, als letztes in die Luft gesprengt werden, erzählt Komarica. Dies hätten ihm serbische Generäle nach dem Krieg bestätigt. Dass es dazu nicht kam, ist auch dem 62-jährigen Seelsorger im schwarzen Talar und dem weißen, leicht gewellten Haar zu verdanken. Bis zuletzt hatte er in Banja Luka ausgeharrt - trotz aller Drohungen der serbischen Armee, trotz der Ermordung zahlreicher Priester und der Zerstörung Hunderter Kirchen.

In der vergangenen Woche beschuldigte Kroatiens Präsident Stipe Mesic die Politiker der Republik Srpska, die Rückkehr der während des Bosnienkriegs vertriebenen Kroaten zu verhindern. Damit reagierte er auch auf zunehmende Kritik der katholischen Würdenträger in Bosnien, die Zagreb Desinteresse an der Situation der katholischen Kirche in Bosnien vorwerfen. Nur noch 460 000 Katholiken leben laut Aussage des Sarajevoer Kardinals Vinko Puljic heute in Bosnien – vor dem Krieg waren es 820.000. Und der Exodus setze sich weiter fort. Allein aus Sarajevo seien in den vergangenen zwei Jahren 500 katholische Familien ausgewandert, klagt Puljic.

"Es war eine von oben angeordnete, gründliche und rücksichtslose Ausrottung der katholischen Kirche", sagt Bischof Komarica. Viele Kroaten seien getötet worden, nur weil sie ihre Häuser nicht verlassen wollten. Zu den Vertriebenen zählte auch seine damals 85-jährige Mutter. Mit dem Messer in der Hand hatte der serbische Stellvertreter der Ortsgemeinde der Greisin fünf Minuten eingeräumt, ihr Haus zu verlassen. Sie habe ihre neueste Bluse angezogen und sei wortlos gegangen.

Komaricas Stimme wird plötzlich stockend, fast monoton. Nur das Trommeln des Bleistifts auf dem Tisch lässt seine innere Erregung vermuten. Es ist nicht allein die Erinnerung an die Weihnachten 2007 verstorbene Mutter, die ihn schmerzt. Noch schlimmer ist der Vorwurf, er sei ein Verräter, den ihm kroatische Nationalisten heute machen. Statt die Landsleute in Bosnien gewaltsam zum Verbleib zu zwingen - auch wenn der Preis dafür Zehntausende von Toten gewesen wäre – hatte er ihnen zur Flucht geraten. Die Menschen hätten nicht nur ein Recht auf Heimat, sondern auch auf das Leben, begründet er seine Entscheidung. Mit internationaler Hilfe, so hatte er gehofft, würden die Vertriebenen nach Kriegsende wieder in ihre verlassenen Häuser und Höfe zurückkehren können.

Doch der Friedensvertrag von Dayton ließ nur die Waffen verstummen, nicht aber den Nationalismus. Jene Kroaten, die auf eine Zukunft in Bosnien bauten, kehrten allenfalls nach Herzegowina zurück, jenen Teil der kroatisch-bosnischen Föderation, der von Kroaten dominiert wird und den diese nicht minder rigoros von Moslems und Serben säuberten.

Nur auf Druck der USA hatten sich im März 1994 die bosnischen Kroaten und Muslime nach siebenmonatigem Krieg auf eine Föderation geeinigt, die letztlich keiner wollte und will. Die Stadt Mostar ist heute noch ein abschreckendes Beispiel für nationale Unversöhnlichkeit. Selbst internationalen Vermittlern gelang es bisher nicht, die zwischen Muslimen und Kroaten geteilte Stadt Mostar zu einen.

Doch Komaricas Glaubensgemeinde liegt nicht in jener herzegowinischen Hochburg kroatischer Kultur, in welcher 365 Tage im Jahr ein Meer kroatischer Fahnen symbolisiert, dass hier der Name Bosnien nur ein belangloser geografischer Anhaltspunkt ist. Seine Diözese befindet sich im Herzen der Republik Srpska, der serbischen Entität innerhalb Bosniens mit der Ambition eines eigenen Staates unter ausschließlich serbischer Kontrolle.

Der Bischof schiebt eine Statistik über den Tisch. "In meiner Diözese mit 14 Gemeinden leben heute etwa 5800 Kroaten - vor dem Krieg waren es 73-000", sagt er. In der gesamten Republik Srpska beträgt die Zahl der Katholiken etwa 13.000 – vor dem Krieg waren es 220.000. 90 Prozent der Rückkehrer sind über 60 Jahre. Komarica: "In zehn Jahren werden wir hier ein Rentner-Reservat haben."



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