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29. August 2010, 22:45 Uhr

"Katrina"-Gedenken

"Wir stehen aufrecht, wir geben nicht auf"

Vor fünf Jahren wütete der Hurrikan "Katrina" - und machte aus der Jazz-Stadt New Orleans einen Trümmerhaufen, mehr als 1800 Menschen starben. Bei einer Trauerfeier gedenken US-Präsident Obama und Hinterbliebene nun der Opfer. Aber hat die Region aus der Katastrophe gelernt?

Washington - Unzählige Menschen sind gekommen, um "Katrina" symbolisch zu Grabe zu tragen: Sie legen Briefe mit Abschiedsbotschaften in einen Sarg, der anschließend mit den Zeugnissen der Trauer und des Zorns beerdigt wird. "Geh weg von uns!", steht auf einem Zettel in roter Kinderschrift. "Ruhe in Frieden" ist auf einem anderen notiert. Es ist ein Gedenkgottesdienst in Chalmette im US-Staat Louisiana.

Fünf Jahre nach dem verheerenden Wirbelsturm "Katrina" haben die Menschen an der Südostküste der Vereinigten Staaten am Sonntag der Opfer des verheerenden Wirbelsturms gedacht. In vielen Städten in den US-Staaten Mississippi und Louisiana wurde in öffentlichen Veranstaltungen an die 1800 Todesopfer erinnert.

Die zentrale Gedenkfeier fand in New Orleans statt, wo der Hurrikan die größten Schäden angerichtet hatte - und die jüngst durch die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko erneut von einem Umweltdesaster heimgesucht wurde. Auch US-Präsident Barack Obama kam zu der Veranstaltung.

Er versprach den Bürgern von New Orleans weitere Unterstützung beim Wiederaufbau. "Meine Regierung wird Ihnen beistehen und an Ihrer Seite kämpfen, bis der Job erledigt ist", sagte Obama an der örtlichen Xavier University. Ihm zufolge werden Milliarden in den Aufbau von Schulen, Straßen, Kanalisationen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen investiert. Derzeit seien mehr als 170 solcher Projekte in Arbeit. Zudem werde ein neues System aus Schutzwällen New Orleans ab 2011 vor dem nächsten Jahrhundertsturm schützen. "Wir sollten nicht in jeder Hurrikan-Saison wieder Russisches Roulette spielen", sagte Obama. Es war der erste öffentliche Auftritt des Präsidenten nach seinem Sommerurlaub.

Ein Großteil der Opfer war arm und schwarz

Neben dem Präsidenten reisten auch Hollywoodstars nach New Orleans. Der Schauspieler Brad Pitt schaute sich Öko-Häuser an, deren Bau er mit seiner "Make it right"-Stiftung finanziert hatte. Oscar-Preisträgerin Sandra Bullock nahm am Sonntag an der Eröffnung eines neuen Krankenhauses teil, das sie mit Spenden unterstützt hatte. Country-Star Faith Hill hatte bereits am Dienstag ein Konzert gegeben, dessen Einnahmen in Projekte zum Wiederaufbau der Stadt fließen sollen.

Die Woche über hatte Amerika bereits auf die schrecklichen Ereignisse um den Hurrikan zurückgeblickt. Alle großen Fernsehsender berichteten in Sondersendungen über den Jahrestag.

Der Wirbelsturm war im August 2005 mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Stundenkilometern über die Region gefegt. Am schlimmsten hatte es New Orleans getroffen: Die Stadt mit ihren rund 355.000 Einwohnern stand damals fast vollständig unter Wasser, mehr als 130.000 Häuser wurden zerstört oder beschädigt. Fast die Hälfte der Todesopfer in New Orleans lebte im Stadtviertel Lower Ninth Ward, dessen Bewohner überwiegend arm und schwarz sind. Für viele Bürger sind die Folgen bis heute nicht überwunden. Auch fünf Jahre nach dem Sturm ist Lower Ninth Ward erst wieder zu 25 Prozent bewohnt.

Obama kritisiert Bushs Krisenmanagement

New Orleans' Bürgermeister Mitch Landrieu appellierte an den Mut der Bürger. "Wir stehen immer noch aufrecht, und wir werden niemals, niemals aufgeben", sagte er bei einer Trauerfeuer in dem Stadtteil. "Wenn wir Lower Ninth nicht wiederaufbauen können, können wir Amerika nicht wiederaufbauen."

Experten hatten damals kritisiert, dass New Orleans schlecht vorbereitet war. Die Hilfen seien viel zu spät gekommen. So seien Evakuierungen nur zögerlich angelaufen, die Behörden seien wie gelähmt gewesen und hätten planlos bis chaotisch gehandelt. Dem damaligen Präsidenten George W. Bush wurde vorgehalten, er habe sich zunächst gar nicht um die Katastrophe gekümmert. Erst als der öffentliche Druck zu groß geworden war, handelte seine Regierung. Das sprach jetzt auch Bushs Nachfolger Obama an: Er bezeichnete den Wirbelsturm und seine Folgen als "von Menschenhand geschaffene Katastrophe, ein schändliches Versagen der Regierung, die zahllose Männer, Frauen und Kinder sich selbst überließ". New Orleans sei danach zu einem Symbol der Ausdauer und der Gemeinschaft geworden.

Mittlerweile wurden in New Orleans Schutzwälle verstärkt und befestigt. Doch selbst wenn die Metropole heute vor einem Sturm besser gewappnet ist denn je - andere Küstenorte haben aus der Katastrophe anscheinend wenig gelernt. Immer noch zerstören neue Bauprojekte schützende Marsch- und Feuchtgebiete, werden Hotels und Casinos zu dicht am Wasser errichtet.

Als ob es ein zweites "Katrina" nicht geben könnte. Doch bei vielen Menschen ist die Angst vor einem ähnlichen Jahrhundertsturm auch fünf Jahre danach noch groß.

yes/otr/dpa/apn/AFP

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