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Kaukasus-Konflikt: "Man will Russland zum Aggressor abstempeln"

War die Invasion Georgiens ein Fehler? Keinesfalls, sagt der russische Vize-Außenminister Grigorij Karassin. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview wirft er den USA vor, eine hinterlistige Rolle zu spielen, spricht über die "Maschine Nato" - und wehrt sich gegen den Vorwurf der Doppelmoral.

SPIEGEL ONLINE: Die Diplomatie hat versagt. Warum kam es zum Angriff auf die südossetische Hauptstadt Zchinwali und zum Ausbruch eines Krieges?

Russlands stellvertretender Außenminister Karassin: "Es ist doch unzweifelhaft, wer der eigentliche Aggressor ist"
REUTERS

Russlands stellvertretender Außenminister Karassin: "Es ist doch unzweifelhaft, wer der eigentliche Aggressor ist"

Karassin: Was in der Nacht vom 7. zum 8. August passierte, ist eine Tragödie für das südossetische Volk, aber auch für Georgien. Mit seiner nervösen und aus meiner Sicht kriminellen Entscheidung, die Hauptstadt Südossetiens massiv anzugreifen, hat Präsident Micheil Saakaschwili den Traum, dass Georgier, Abchasen und Osseten in einem Staat zusammenleben, für sehr lange Zeit, vielleicht für immer zerstört. Erinnern Sie sich nur daran, dass vor 16 Jahren Zwiad Gamsachurdia, der erste Präsident des gerade unabhängig gewordenen Georgiens, die Osseten unter der Losung "Georgien den Georgiern" angegriffen hat. Das führte zum Bürgerkrieg und erst nach schwierigen Verhandlungen unter russischer Ägide wurde ein Abkommen geschlossen, das die Lage beruhigte.

SPIEGEL ONLINE: Ist auf diplomatischer Ebene genug getan worden, um den Krieg zu verhindern?

Karassin: Seit ich vor drei Jahren als stellvertretender Außenminister die Verantwortung für die Beziehungen zu den Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) übernahm, gab es kaum einen Tag, an dem ich nicht mit Politikern und Diplomaten aus Amerika, Europa und auch Georgien über den Konflikt um Abchasien und Südossetien gesprochen habe. Bei allen Meinungsverschiedenheiten einte uns dennoch immer eines: Gewalt anzuwenden ist Tabu. Das ist nun vorbei.

SPIEGEL ONLINE: John Beyrle, der neue amerikanische Botschafter in Moskau, hat in einem Interview mit der Tageszeitung "Kommersant" eingeräumt, dass die russischen Streitkräfte das Recht hatten, auf die Attacke Georgiens so zu reagieren, wie sie es taten. Er hat aber deutlich kritisiert, dass die russischen Truppen über die Grenze Ossetiens hinaus auch große Gebiete im übrigen Georgien besetzten. War diese Invasion ein Fehler?

Karassin: Nein, damit bin ich nicht einverstanden. Man will Russland zum Aggressor abstempeln. Darin sehe ich eine große Gefahr. Sogar unsere liberalsten und dem Westen freundlich gesonnenen Journalisten stellen fest, dass im russischen Volk durch dieses verzerrte Bild vieler westlicher Politiker und Medien die antiamerikanische Stimmung verstärkt wird.

SPIEGEL ONLINE: Die aber auch von manchen in Russland genährt wird.

Karassin: Es ist doch unzweifelhaft, wer der eigentliche Aggressor ist. Georgien hat Zchinwali angegriffen. Ich bedauere, dass die amerikanische Außenministerin Condolezza Rice und auch der Nato-Außenministerrat zu dieser Frage schweigen. Es ist Konsens in unserem Land, dass Amerika in diesem Konflikt keine rühmliche Rolle gespielt hat.

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie?

Karassin: Eine hinterlistige Rolle. Amerika hat Georgien fünf Jahre lang aufgerüstet, Georgien sein Militärbudget verdreißigfacht. Es gab immer schon immer Scharmützel in der Gegend, Provokationen, aber sie blieben begrenzt auch dank der russischen Friedenstruppen dort.

SPIEGEL ONLINE: Hat Washington seinen Segen zur georgischen Attacke auf Zchinwali gegeben?

Karassin: Soweit würde ich nicht gehen. Aber die Amerikaner haben die falschen Signale ausgesandt, so dass sich Saakaschwili sicher fühlen konnte und leider bis heute fühlen kann. Amerika unterstützt ihn - egal was er anstellt.

SPIEGEL ONLINE: Russland hat seinen Bündnispartnern in Abchasien und Südossetien aber auch stark unter die Arme gegriffen. Hat Moskau damit den Konflikt nicht provoziert?

Karassin: Im Gegenteil, wir haben immer vorgeschlagen, dass beide Seiten eine Gewaltverzichtserklärung unterschreiben. Das hatte auch die Unterstützung der Europäer und der Amerikaner. Die Georgier waren dazu nicht bereit.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie damit wohl faktisch bis an den Sankt Nimmerleinstag auf die Kontrolle über Südossetien und Abchasien verzichtet hätten ...

Karassin: Die territoriale Integrität hat doch entscheidend damit zu tun, ein Minderheitenvolk davon zu überzeugen, dass es das Beste ist, in einem bestimmten Staat zu leben. Ich betone: zu überzeugen, nicht mit Gewalt zu zwingen. Stattdessen hat es Georgien mit Einschüchterungen versucht. Es hat die Präsidenten der Republiken Eduard Kokoiti und Sergej Bagabsch mit Worten beleidigt, die ich hier nicht wiederholen will. War das etwa ein verantwortungsvoller Weg, um Abchasen und Osseten davon zu überzeugen, dass ihre Zukunft innerhalb Georgiens eine glückliche sein werde? Das ist doch absurd!

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