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Kaukasus-Krieg: Russen rücken Richtung Zentralgeorgien vor

Eskalation im Kaukasus-Krieg: Russische Truppen haben georgischen Angaben zufolge erstmals in dem Konflikt die Grenze Südossetiens nach Zentralgeorgien überschritten. Sie marschieren demnach in Richtung der Stadt Gori. Bisher dementiert Moskau alle Invasionspläne.

Moskau/Tiflis - Russische Panzer sind nach Angaben des georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili am Sonntag nach Georgien vorgedrungen. Die russischen Einheiten beschränkten sich nicht auf die Präsenz in der umstrittenen Region Südossetien, sondern seien direkt in das georgische Kernland vorgerückt, sagte Saakaschwili am Abend vor Journalisten in Tiflis.

Einem Korrespondentenbericht der "New York Times" zufolge rücken die russischen Truppen auf die Stadt Gori in Zentralgeorgien vor. Georgische Panzer seien in Verteidigungspositionen rund um die Stadt eingegraben, um die russische Invasion zu stoppen, sagte der Sprecher des georgischen Innenministeriums, Schota Utjaschwili, der Zeitung. Die Stadt selbst stehe bereits unter Artillerie- und Panzerfeuer sowie Beschuss von Flugzeugen.

Eine russische Stellungnahme gibt es bislang nicht, doch hat Moskau bisher alle Invasionspläne dementiert. Ein hochrangiger russischer Diplomat in den USA hatte zuvor erklärt, sein Land habe "keineswegs" die Absicht, in Georgien einzumarschieren. "Unser Ziel ist es, die georgischen Führer zum Frieden zu zwingen", sagte der Diplomat in der russischen Botschaft in Washington, Alexander Darschijew, dem US-Nachrichtensender CNN.

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Gori liegt rund 45 Minuten Autofahrt von Zchinwali, der Hauptstadt Südossetiens, entfernt. Falls Russland tatsächlich eine Invasion Georgiens plant, wäre die in einem Tal gelegene Stadt strategisch von großer Bedeutung. Von dort lassen sich die Hauptverkehrsverbindungen zwischen der östlichen und der westlichen Hälfte Georgiens kontrollieren.

Die Lage in Südossetien ist nach wie vor unübersichtlich. Die russische Marine versenkte am Sonntagabend nach eigenen Angaben ein georgisches Kriegsschiff. Der georgische Raketenträger habe zuvor auf die Schiffe der russischen Schwarzmeerflotte gefeuert, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit.

Nach Angaben der georgischen Regierung sind mittlerweile rund 6000 russische Soldaten in Südossetien einmarschiert. Die Stadt Zchinwali gilt als weitgehend von den Russen kontrolliert. Die Regierung in Moskau hat zahlreiche Panzer und anderes schweres Kriegsgerät durch den Roki-Tunnel nach Südossetien verlegt.

Widersprüchliche Informationen gibt es darüber, ob sich die georgische Armee ganz aus dem Gebiet zurückzogen hat oder sich nur wieder in ihre früheren Stellungen begeben hat. Die Soldaten waren vor den Feindseligkeiten rund um Dörfer südlich und westlich von Zchinwali stationiert, in denen überwiegend Georgier wohnen.

Steinmeier als Vermittler

Nach georgischen Angaben wurden bis Sonntagabend alle "Militäreinheiten aus dem Konfliktgebiet" abgezogen. Russland sieht das anders und hat die Georgier aufgefordert, ihre Truppen vollständig aus der umkämpften Region Südossetien zurückzuholen. In einem Telefongespräch mit seiner georgischen Amtskollegin Eka Tkeschelaschwili sagte Russlands Außenminister Sergej Lawrow, die bisher bestehende Situation müsse wieder hergestellt werden. Das Außenministerium erklärte, bisher sei das noch nicht geschehen. Es war der erste direkte Kontakt zwischen Georgien und Russland seit Ausbruch der Kämpfe, der nach Informationen von SPIEGEL ONLINE auch auf Initiative von Bundesaußenminister Steinmeier zustande kam.

Georgien hatte am Sonntagmittag eine einseitige Waffenruhe verkündet. Die georgischen Truppen hätten sich aus dem Konfliktgebiet zurückgezogen, teilte das georgische Außenministerium dem russischen Botschafter in Tiflis mit. Man sei zu sofortigen Verhandlungen für einen umfassenden Waffenstillstand und ein Ende der Kampfhandlungen bereit.

Die russische Kriegsmarine hat Georgien mit einer Seeblockade belegt, um eine Belieferung georgischer Häfen mit Waffen oder anderen Gütern zu verhindern. Russische Kampfflugzeuge bombardierten die Gegend um den Flughafen in Tiflis.

Rund 4.000 russische Soldaten sollen unterdessen die Grenze nach Abchasien überschritten haben, der zweiten abtrünnigen Region in des Landes. Die Regierung in Abchasien ordnete am Sonntag eine militärische Mobilmachung an. Sie kündigte ihre Absicht an, die georgischen Truppen aus Kodori Gorge zu vertreiben - dies ist die einzige Region in Abchasien, die noch unter georgischer Kontrolle ist. Nach Angaben der Regierung in Tiflis wurden georgische Verwaltungsgebäude in Kodori Gorge von russischen Flugzeugen bombardiert.

Über 30.000 Menschen auf der Flucht

Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin traf nach seiner Rückkehr von den Olympischen Spielen in Peking mit Flüchtlingen aus Südossetien zusammen. In Wladikawkas bezeichnete Putin das georgische Vorgehen als Völkermord. Putin sagte, Georgien habe das Recht auf die Regierung von Südossetien verloren.

In der Konfliktregion zeichnet sich ein Flüchtlingsdrama ab. Das Rote Kreuz erklärte, in den vergangenen Tagen seien mehr als 30.000 Menschen vor den Kämpfen ins benachbarte Nordossetien geflohen. Hinzu kämen rund 10.000 Vertriebene in Georgien.

Der georgische Präsident Michail Saakaschwili erklärte am Sonntagabend im staatlichen Fernsehen, "die Existenz Georgiens" sei durch den Konflikt mit Russland "gefährdet". Kurz zuvor hatte sich der Staatschef von der Hoffnung auf einen schnellen Nato-Beitritt seines Landes verabschiedet. Der britischen BBC sagte er, der Militärkonflikt habe diese Perspektive vorerst zerstört. Saakaschwili sagte, er glaube nicht, dass "mit all diesen Dingen" Georgien in nächster Zukunft in das Militärbündnis aufgenommen werde.

Der georgische Staatschef verteidigte gleichzeitig das Streben in die Nato als die Freiheit eines souveränen Staates, sich seine Partner selbst auszusuchen. Beim letzten Nato-Gipfel in Bukarest hatte nicht zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel darauf gedrängt, Georgien auf Distanz zum Militärbündnis zu halten. Besonders die USA hatten sich für einen schnellen Beitritt Georgiens eingesetzt.

Sarkozy reist nach Moskau

Unterdessen laufen diplomatische Bemühungen für ein friedliches Ende des Konflikts. Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner und sein finnischer Kollege Alexander Stubb, der derzeit den OSZE-Vorsitz innehat, sollten am Sonntag in Tiflis eintreffen. Bereits seit Samstag ist der deutsche Sonderbeauftragte Hans-Dieter Lucas vor Ort. Die Nato und die EU haben Krisentreffen für Dienstag und Mittwoch in Brüssel angesetzt.

In New York traf sich der Uno-Sicherheitsrat zu einer dritten Dringlichkeitssitzung innerhalb kürzester Zeit. US-Botschafter Zalmay Khalilzad sagte, er werde sich für eine Resolution einsetzen, in der ein sofortiger Waffenstillstand verlangt werde. Der russische Uno-Botschafter Witali Tschurkin machte deutlich, dass sein Land einer Erklärung nur zustimmen werde, wenn sich Georgien zum Rückzug seiner Truppen aus Südossetien bereit erklärt.

Einen Vermittlungsversuch will auch Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy als EU-Ratspräsident unternehmen. Russische Nachrichtenagenturen berichten, er wolle in der kommenden Woche nach Moskau reisen. Sarkozy hatte zuvor einen Drei-Punkte-Plan für ein Ende der Kämpfe vorgelegt, der unter anderem einen Rückzug der Truppen beider Seiten auf ihre Positionen vor Beginn der jüngsten Gefechte vorsieht.

cjp/chs/dpa/AFP/AP/Reuters/ddp

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