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Kaukasus-Krieg: Teenager machten Jagd auf Saakaschwilis Panzer

Aus Zchinwali berichtet

Junge Männer kämpften auf eigene Faust mit Kalaschnikows, 16-Jährige warfen mit Molotow-Cocktails: Als Georgiens Truppen am 7. August nach Zchinwali einrückten, unterschätzten sie den Widerstandswillen der ossetischen Bürger. Jetzt triumphiert ein lokales Regime von Russlands Gnaden.

Zchinwali/Moskau - Wer wissen will, was ein Wort des georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili wert ist, kann es in diesen Tagen in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali erfahren. Der Rentner Wachtang Babejew versteht Georgisch noch aus der Sowjetzeit, als Osseten und Georgier nicht spannungsfrei, aber friedlich als Bürger eines Landes gemeinsam lebten. Am Nachmittag des 7. August sieht der pensionierte Tischler in seiner Wohnung an der Karl-Marx-Straße eine Ansprache Saakaschwilis im georgischen Fernsehen. Was er vernimmt, klingt hoffnungsvoll.

Der Staatschef aus Tiflis gibt bekannt, er habe "den sehr schmerzlichen Befehl gegeben, das Feuer nicht zu erwidern", wenn von südossetischer Seite auf georgische Sicherheitskräfte geschossen werde. Der Präsident beendet seinen Aufruf mit den Worten: "Lasst uns die Spirale der Gewalt stoppen. Gebt dem Frieden und dem Dialog eine Chance." Ein paar Stunden später will sich Babajew Abendbrot machen, doch dazu kommt er nicht mehr. Granaten schlagen rund um sein Haus ein, er rettet sich mit neun anderen Bewohnern in den Keller des Nachbarhauses. Es wird eine schlaflose, schreckliche Nacht. Stundenlanges Artilleriebombardement verwandelt Wohnhäuser in Ruinen, Kleinwagen in Schrott und Gärten in Granattrichter.

Am frühen Morgen folgen den Geschossen georgische Bomber im Tiefflug, um das Werk der Zerstörung zu vollenden. Dann rollen Panzer heran, um, wie Saakaschwili verlauten lässt "die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen" – eine Ordnung, die in Südossetien nie bestand. Denn als sich die Sowjetunion auflöste, entstanden auf dem Gebiet der früheren georgischen Sowjetrepublik faktisch drei Staaten: Die Republiken Südossetien und Abchasien und das neue Georgien, dem es gelang, in den von Stalin gezogenen Grenzen der Sowjetrepublik Mitglied der Vereinten Nationen zu werden.

Wille zur Selbstbestimmung

Auf den Vorhalt, sie seien "Separatisten", reagieren die Südosseten mit Unverständnis. Sie hätten sich, sagen sie, nicht von Georgien separiert, sondern seien dem neuen Staat erst gar nicht beigetreten. Wer in diesen Tagen mit Bewohnern des Gebietes spricht, wird niemanden treffen, der sich eine Zukunft in Georgien vorstellen kann. Was weithin in der Welt als "Separatismus" wahrgenommen wird, erweist sich als Wille zur Selbstbestimmung eines kleinen Volkes, das gegen seinen Willen geteilt wurde.

Zur Sowjetzeit ist zwischen dem jetzt zur Russischen Föderation gehörenden Norden Ossetiens und dem in der georgischen Sowjetrepublik liegenden scheinautonomen Süden nur eine unsichtbare Verwaltungsgrenze. Seit 1992 aber trennt eine Staatsgrenze Brüder, Schwestern, Eltern und Kinder. Gewaltsame Versuche georgischer Nationalisten, die Südosseten zu unterwerfen, führten dazu, dass das kleine Bergvolk sich in einer nicht anerkannten Republik wie in einem Bunker einigelte.

Ein Waffenstillstand mit den Georgiern, 1992 geschlossen, brachte auf georgischen und ossetischen Wunsch russische Friedenstruppen ins Land. Die Waffenruhe hielt rund zwölf Jahre, bis Micheil Saakaschwili kam. Kaum war der Mann im Januar 2004 mit verdächtigen 96 Prozent und dem Wohlwollen Washingtons gewählt, folgten hitzigen Reden gegen "kriminelle Separatisten" bald scharfe Schüsse. Ein erster Sturmangriff georgischer Truppen auf Südossetien scheiterte im August 2004 am ossetischen Widerstand und auch daran, dass die USA, anders als jetzt, den Hasardeur Saakaschwili stoppten.

Die Invasoren, die am frühen Morgen des 8. August auf US-Jeeps ins zerbombte Zchinwali hinein fahren, tragen Uniformen und Stahlhelme "made in USA". Viele von ihnen sind von US-Offizieren ausgebildet worden oder haben im Irak als Waffenbrüder der Amerikaner gedient. Sie merken rasch, dass ihnen in Zchinwali nicht nur "ein paar Dutzend Separatisten" gegenüber stehen, wie Saakaschwili zuvor behauptet hat. Für Südossetiens Jugend gilt, was die Studentin Julia Betejewa von der Universität Zchinwali dem SPIEGEL im Juni 2004 sagte: "Unsere Republik kann man uns nur mit unserem Leben nehmen." Trupps von jungen Osseten machen am 8. August Jagd auf georgische Panzer. 16-Jährige füllen Benzin in Flaschen als Molotow-Cocktail ab und werfen sie auf Panzer.

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