Kaukasus-Krieg USA drohen Russland mit diplomatischer Eiszeit

Das Leiden der Zivilbevölkerung nimmt zu, der internationale Druck auf Moskau wächst: Merkel, Sarkozy, der Papst - sie alle fordern von Russland ein Ende der Kampfhandlungen im Südkaukasus. US-Präsident Bush warnt Moskau, es setze die bilateralen Beziehungen aufs Spiel.


Peking - Die USA haben Russland erneut zur sofortigen Einstellung seiner Angriffe auf Georgien aufgerufen. Andernfalls riskiere die Regierung in Moskau, dass sich die bilateralen Beziehungen bedeutend und nachhaltig verschlechterten, warnte das Weiße Haus. Der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater Jim Jeffrey, der sich mit US-Präsident George W. Bush in Peking aufhielt, sagte, man habe Russland unmissverständlich klar gemacht, dass die bilateralen Beziehungen angesichts der Krise im Kaukasus auf dem Spiel stünden.

Zivilistenleid: Georgische Frauen verlassen ihr Dorf nahe Zchinwali in Südossetien
REUTERS

Zivilistenleid: Georgische Frauen verlassen ihr Dorf nahe Zchinwali in Südossetien

"Wir sind alarmiert", sagte Jeffrey. Russland verhalte sich gefährlich und unangemessen. Sollten sich Berichte über russische Bodenangriffe in Georgien als wahr erweisen, "wären wir sehr, sehr besorgt". Eine weitere Eskalation von Seiten der Regierung in Moskau werde erhebliche langfristige Folgen für die amerikanisch-russischen Beziehungen haben.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich besorgt angesichts der Eskalation des Konflikts in Georgien. Wie der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg mitteilte, beriet Merkel telefonisch mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy die Lage. Die Bundeskanzlerin habe ihre große Besorgnis über die dramatischen Konsequenzen für die leidende Zivilbevölkerung zum Ausdruck gebracht, hieß es.

Steinmeier-Gesandter in der Konfliktregion

Merkel rief dringend zu einer sofortigen und bedingungslosen Waffenruhe und zum Rückzug aller militärischen Kräfte auf ihre Stellungen vor Ausbruch der Kampfhandlungen auf. Die territoriale Integrität Georgiens müsse respektiert werden, erklärte Steg. Die russischen Luftangriffe auf georgisches Territorium müssten unverzüglich aufhören.

Die Bundeskanzlerin habe in dem Telefongespräch mit Sarkozy die Unterstützung der Bundesregierung für die Bemühungen der französischen EU-Ratspräsidentschaft zum Ausdruck gebracht, die militärische Auseinandersetzung zu beenden und eine politische Lösung des Konfliktes zu erreichen. Merkel und Sarkozy hätten weitere enge Abstimmung in dieser Frage vereinbart.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) entsandte einen Beauftragten in die Konfliktregion, wie das Auswärtige Amt mitteilte.

Papst Benedikt XVI. rief die Konfliktparteien zu einem "sofortigen Ende" der Kämpfe auf. Im Namen des gemeinsamen christlichen Erbes sei dies sein dringendster Wunsch, sagte der Papst beim Angelus-Gebet im norditalienischen Brixen, wo er seine Ferien verbringt. Zugleich rief er dazu auf, die Verhandlungen und den Dialog wiederaufzunehmen. Die internationale Gemeinschaft und die "einflussreichsten" Staaten müssten "alle Anstrengungen" unternehmen, um eine "friedliche und dauerhafte" Lösung zu finden.

Vize-Regierungschef: Lage in Georgien "dramatisch"

Nach wie vor gibt es aus dem Krisengebiet kaum Nachrichten neutraler Beobachter. Georgiens Vize-Regierungschef Giorgi Baramidse bezeichnete die Lage in seinem Land zwei Tage nach dem Beginn der Kämpfe als "dramatisch". Im Osten Georgiens hätten die russischen Truppen Eisenbahnlinien zerstört und Häuser bombardiert, sagte er der "Rhein-Neckar-Zeitung". Vier Flughäfen in verschiedenen Teilen des Landes seien unter russischen Beschuss geraten. "Meist handelt es sich um Luftangriffe - und wir wissen nicht, welches Ziel sich die Russen als nächstes aussuchen", sagte Baramidse weiter. Seinen Angaben zufolge wurden bei den Kämpfen auf georgischer Seite bislang 90 Soldaten und 50 Zivilisten getötet. Nach russischen Angaben hat der Konflikt bereits 2000 Menschenleben gefordert.

Nach Angaben des Chefs des georgischen Nationalen Sicherheitsrats, Alexander Lomaja, hat Russland bisher 15 Städte in Georgien bombardiert. Lomaja: "Wir haben es hier mit einer totalen russischen Aggression und Invasion zu tun - zu Land, zu Luft und zu See."

Nach Informationen aus Tiflis wurde die westgeorgische Stadt Sugdidi erneut Ziel von Bombenangriffen. "Sugdidi wird zurzeit bombardiert", sagte der Minister für Reintegration, Temur Jakobaschwili am Mittag. Zuvor hatte Russland die Vereinten Nationen aufgefordert, ihre Beobachter abzuziehen, die zwischen Abchasien und Sugdidi stationiert sind.

Die Lage in der am stärksten umkämpften Region Südossetien blieb unklar. Georgien hatte am Morgen seinen vollständigen Abzug aus der abtrünnigen Region erklärt. Dies war am Mittag auch von russischer Seite bestätigt worden. Dennoch drohte eine Ausweitung des Konflikts auf die ebenfalls abtrünnige Provinz Abchasien. Auch dort streben Separatisten die Loslösung von Georgien an.

Französischer Außenminister reist nach Tiflis und Moskau

Der französische Außenminister und amtierende EU-Ratsvorsitzende Bernard Kouchner wird noch heute in die georgische Hauptstadt Tiflis fliegen. Voraussichtlich morgen wolle er nach Moskau weiterreisen, sagte ein Sprecher des französischen Außenministeriums. Kouchner werde sich bei den Konfliktparteien für einen sofortigen Waffenstillstand in dem eskalierten Konflikt um die von Georgien abtrünnigen Regionen Südossetien und Abchasien einsetzen und die Lieferung humanitärer Hilfe anbieten.

Zu einer außerordentlichen Sitzung der EU-Außenminister zur Beratung über den Konflikt im Südkaukasus könnte es am Mittwoch in Brüssel kommen, sagte der Sprecher. Zurzeit werde der Termin noch zwischen den europäischen Hauptstädten abgestimmt.

asc/dpa/ddp/AP/AFP/Reuters

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.