Kaukasus-Krieg Zweideutige US-Signale sollen Georgien ermutigt haben

Öffentliche Solidaritätsadressen - und Warnungen vor einem Krieg hinter den Kulissen: Das sind laut "New York Times" die Signale, die Georgien in den letzten Monaten aus Washington erhalten hat. Präsident Saakaschwili hoffte auf Hilfe aus den USA - und griff Südossetien an.


Washington - Als Condoleezza Rice vor einem Monat Tiflis besuchte, hatte sie eine doppelte Botschaft im Gepäck: eine für die Öffentlichkeit und eine für die georgische Regierung. Während eines privaten Diners am 9. Juli, so berichtet die "New York Times", warnte sie ihren Gastgeber, Präsident Micheil Saakaschwili, auf keinen Fall den militärischen Schlagabtausch mit Russland zu suchen, den Georgien ohnehin nicht gewinnen könne. Das Blatt zitiert einen führenden Diplomaten aus der Rice-Entourage: "Sie drängte darauf, dass er eine Gewaltverzichtserklärung abzugeben habe."

Rice und Saakaschwili Anfang Juli: Zwei Botschaften im Gepäck
AP

Rice und Saakaschwili Anfang Juli: Zwei Botschaften im Gepäck

Öffentlich aber signalisierte Rice etwas ganz anderes: Die USA würden angesichts des russischen Drucks unverbrüchlich hinter Georgien stehen. Während russische Kampfjets bereits Flugmanöver über Südossetien flogen, gab sie auf dem Weg nach Tiflis Reportern zu verstehen, sie besuche "einen Freund" und gehe davon aus, dass ihr da niemand reinzureden habe.

Die USA unternahmen einiges, um Georgien ihre Unterstützung zuzusichern: Sie schickten Militärberater in den Kaukasus, nahmen mit tausend Mann an einem Manöver teil, betrieben mit Nachdruck die Aufnahme Georgiens in die Nato - und taten laut kund, dass sie die territoriale Einheit des Verbündeten in der Auseinandersetzung um die separatistischen Enklaven Abchasien und Südossetien unterstützten, ohne freilich ihre Bereitschaft zu zeigen, selbst militärisch einzugreifen.

Auch auf einer Pressekonferenz während ihres Besuchs tat Rice das Ihre, um die Georgier glauben zu machen, die USA stünde eng an ihrer Seite. Sie erklärte, Russland verschärfe das Problem, statt zu seiner Lösung beizutragen. Saakaschwili, der neben ihr stand, fühlte sich geschmeichelt: "Wir sind sehr dankbar für ihre Unterstützung unseres Friedensplans und ihre standhafte Unterstützung der Einheit Georgiens."

Nachdem Rice abgereist war, verschärften sich die Scharmützel zwischen Georgien und südossetischen Separatisten, und nur zehn Tage später eskalierte der Konflikt. In der Nacht zum vergangenen Freitag entglitt den Amerikanern die Lage. Der US-Sondergesandte Daniel Fried bekam vergangenen Donnerstag einen Anruf der georgischen Außenministerin Jekaterina Tkeschelaschwili, die ihm mitteilte, das Land werde angegriffen, man müsse das Volk schützen.

Hinter den Kulissen versuchten die Amerikaner, mäßigend auf die georgische Führung einzuwirken: "Wir sagten ihnen, sie sollten einen einseitigen Waffenstillstand einhalten, wir sagten, seid klug, lasst euch nicht von Russland provozieren", zitiert die "New York Times" Daniel Fried. Er soll Georgien noch in den letzten Stunden, bevor die erste Rakete gezündet wurde, vor einer Eskalation gewarnt haben.

Nun, nachdem der Krieg mehr als fünf Tage tobt, weist man in der US-Führung vornehmlich und hartnäckig auf diese Linie amerikanischer Politik hin: auf die mäßigende Einflussnahme. Man habe die georgische Regierung von Anfang an gewarnt, sich nicht auf einen Kampf mit Russland einzulassen - und zeigt sich überrascht, dass der Rat nicht befolgt wurde.

Die Militärberater des Pentagon in Georgien wollen nichts von den Kriegsvorbereitungen gewusst haben. Angeblich wunderten sie sich, dass die georgische Einheit, die sie gerade ausbildeten, nicht zum Training erschien. Rückblickend sagen Ausbilder, es sei offensichtlich gewesen, dass die Truppe mobilmachte. Ein Offizier: "Wir waren total überrascht. Das haute uns vom Stuhl."

Robert Hunter, ehemaliger US-Botschafter bei der Nato und in den neunziger Jahren zuständig für die Beziehungen zu Russland, sagte der "Los Angeles Times", Moskau habe den georgischen Angriff zwar provoziert, doch dass Saakaschwili vergangene Woche tatsächlich in Südossetien einmarschiert sei, sei ein klares Zeichen dafür, dass der georgische Präsident davon ausging, die volle amerikanische Unterstützung zu haben. Ein nicht namentlich genannter Analytiker der US-Regierung gab an, Rice habe Saakaschwili während ihres Besuchs die Nato-Mitgliedschaft versprochen und öffentlich beteuert: "Wir kämpfen immer für unsere Freunde."

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Die Recherchen von "New York Times" und "Los Angeles Times" legen nahe: Die zweideutigen Signale aus Washington haben zur Eskalation am Kaukasus beigetragen. Während Washington der Ansicht ist, darauf hingewirkt zu haben, einen Waffengang zu verhindern, nahm die Regierung in Tiflis vor allem die ermutigenden, unterstützenden Worte aus der amerikanischen Hauptstadt wahr.

David Phillips vom Atlantic Council drückt es in der "Los Angeles Times" so aus: "Die Bush-Regierung war zu dick Freund mit Saakaschwili. Das führte dazu, dass dieser den Grad und die Tiefe unserer Unterstützung falsch eingeschätzt hat."

asc

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