Kaukasus Regimekritiker in Russland erschossen - Vorwürfe gegen Polizei

War es eine Hinrichtung, war es ein Unfall? Bei einem Polizeieinsatz im Kaukasus ist der Betreiber einer oppositionellen Web-Seite gestorben, offenbar durch einen Kopfschuss. Bürgerrechtler geben der russischen Polizei die Schuld. Die spricht von einem zufälligen "Zwischenfall".


Hamburg - Wie genau Magomed Jewlojew ums Leben kam, ist noch unklar. Doch Ruslan Khautijew, der Vize-Herausgeber der Kreml-kritischen Website www.ingushetiya.ru, schildert Szenen, die an einen Agententhriller erinnern. Er gibt den russischen Behörden die Schuld.

Jewlojew sei gerade mit dem Flugzeug in der islamisch geprägten russischen Teilrepublik Inguschien gelandet, als ihn die Polizei festgenommen habe, so sein Freund und Kollege. Die Polizisten hätten Jewlojew in ein Auto gezerrt und seien davongefahren. Später habe man den Oppositionellen auf einer Straße aus dem Auto geworfen, mit einer Schusswunde im Kopf. In einem Krankenhaus sei Jewlojew kurz darauf gestorben.

Die russische Agentur Interfax dagegen meldet, der Besitzer der Kreml-kritischen Internet-Zeitung sei in der Stadt Nasran zunächst im Zuge von Ermittlungen wegen eines unaufgeklärten Anschlags festgenommen worden. Polizeiangaben zufolge löste sich kurz darauf bei einem Handgemenge ein Schuss, der den Oppositionellen in die Schläfe traf.

Ein Sprecher der Moskauer Staatsanwaltschaft sagte, Jewlojew sei festgenommen worden und sei bei einem "Zwischenfall" auf dem Weg ins Polizeirevier gestorben, wo er hätte verhört werden sollen.

Nach Informationen des Rundfunksenders "Moskauer Echo" war Jewlojew zusammen mit dem inguschischen Präsidenten Murat Sjasikow am Flughafen von Nasran angekommen, bevor er festgenommen wurde.

Jewlojew war den Behörden ein Dorn im Auge. Immer wieder kritisierte er sie auf seiner Web-Seite. Auch Sjasikow hatte er mehrfach angegriffen. Insbesondere deckte er das raue Vorgehen der Polizei gegen Zivilisten auf. Im Juni hatte ein Gericht seine Internet-Seite verboten, weil er angeblich "extremistische Inhalte" verbreitet habe. Doch Jewlojew führte seine Seite unter neuem Namen fort.

Russische Bürgerrechtler zeigten sich schockiert und forderten die lückenlose Klärung des Todesfalls. Ljudmila Alexejewa von der Moskauer Helsinki-Gruppe sprach von einem "enormen Verlust". Alexander Tscherkassow von der Organisation Memorial sagte, der Schuldige müsse zur Verantwortung gezogen werden.

Die russische Staatsanwaltschaft kündigte eine Untersuchung an. Erst vor kurzem hatte die ingushetiya.ru-Chefredakteurin Rosa Malsagowa erklärt, sie habe Russland verlassen und wolle in Westeuropa um politisches Asyl bitten. In der Nachbarrepublik zu Tschetschenien gilt die Lage wegen erbitterter Kämpfe zwischen Rebellen und Sicherheitskräften als extrem unsicher.

asc/dpa/AP/Reuters



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