50 Jahre alte Armensiedlung Behörden reißen Hunderte Slum-Wohnungen in Nairobi ab

Rund 10.000 Bewohner einer Armensiedlung in Kenias Hauptstadt haben seit Montag ihr Zuhause verloren. Hunderte Wohnhütten, Schulen und Kirchen wurden eingerissen. Die versprochene Entschädigung floss nicht.

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Kenias Regierung hat eine Abmachung mit Tausenden Bewohnern einer Armensiedlung in der Hauptstadt Nairobi verletzt. Sie zerstörte deren Häuser, ohne vorher Entschädigungen gezahlt oder neue Wohnungen bereitgestellt zu haben.

Am Montagmorgen rückten im Kibera-Slum westlich der Innenstadt Bagger an und rissen Hunderte Häuser, Kirchen, Gemeindezentren und fünf Schulen ein. Sie sollen einer Verbindungsstraße weichen. Beauftragt und durchgeführt werden die Abrissarbeiten von der staatlichen Straßenbaubehörde. Hunderte Polizisten sicherten die Abrissarbeiten ab, die zwei Tage dauerten.

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Slumbewohner in Nairobi: 10.000 Obdachlose für einen Kilometer Straße

Das Straßenbauprojekt, das mitten durch den Slum mit seinen rund 270.000 Bewohnern führt, soll zwei Ausfallstraßen verbinden, welche die chronisch verstopfte Innenstadt Nairobis entlasten sollen.

Der Bau des nur ein Kilometer langen Straßenstücks durch das Gebiet ist seit Jahren geplant. Die Bauarbeiten begannen bereits 2016, im vergangenen Jahr wies ein Gericht in Nairobi die Klage der Slumbewohner dagegen ab. Teil des Beschlusses war aber auch, dass vor dem Abriss ein Plan für die Umsiedlung und Entschädigung vorliegen müsse.

Die staatliche Straßenbaubehörde hatte am Freitag erklärt, man habe 2000 Betroffene zum Zweck der Entschädigung namentlich registriert. Sie seien aufgefordert, ihre Häuser über das Wochenende zu räumen.

Der Beginn der Bauarbeiten ohne Entschädigung oder einen Plan für die Umsiedlung wurde von Amnesty International und mehreren weiteren Menschenrechtsgruppen scharf verurteilt. Madina Mohamed, Sprecherin einer Parlamentsabgeordneten für Kibera, kritisierte außerdem die Zerstörung der Schulen. "Es war vereinbart, dass die Schulen bis zum Ende des Schuljahresabschnitts stehen bleiben", sagte sie Al Jazeera. Nun wurden die Bildungseinrichtungen zwei Wochen vor Beginn der Augustferien dennoch abgerissen.

Amnesty: Regierung ignoriert geltendes Recht

Amnesty und andere Organisationen kritisieren, der Staat habe die Abrissarbeiten unter Verletzung von Recht und kenianischer Verfassung begonnen und Gerichtsurteile dazu ignoriert.

"Die Bewohner haben immer klargemacht, dass sie dem Fortschritt nicht im Weg stehen", hieß es in der Erklärung. Aber weder das kenianische Transportministerium noch die Straßenbaubehörde hätten die Voraussetzungen für eine rechtmäßige und menschenwürdige Umsiedlung erfüllt.

Der Kibera-Slum, eine der größten innerstädtischen Armensiedlungen Ostafrikas, besteht seit mehr als 50 Jahren. Die Bewohner haben kein verbrieftes Recht auf den Grund und meist keine Mietverträge. In den einfachen Häusern und selbstgebauten Hütten leben meist mehr als fünf Menschen unter einem Dach.

Extreme Armut, Raub, körperliche und sexuelle Gewalt sind in dem Viertel ein großes Problem. Vor zehn Jahren war das Viertel ein Schwerpunkt der blutigen Nachwahlunruhen, bei denen mehr als 1200 Menschen getötet würden.



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