Kenia: Die grüne Pest

Aus Kisumu berichtet Thilo Thielke

Der riesige Victoriasee erstickt unter einem Teppich von Wasserhyazinthen. Schiffsverkehr mit Uganda ist kaum noch möglich. Nun sorgen die Unruhen im Land dafür, dass auch aus Nairobi kaum noch Nachschub kommt.

Kisumu - Die "Motor Vessel Sukhman I" liegt festvertäut an Kisumus Kaimauer. Von oben brennt die Äquatorsonne auf den Frachter hinab und von unten steigt modriger Geruch auf. Männer mit nackten Oberkörpern wuchten schwere Säcke mit Gummilatschen, Batterien und Speiseöl auf ihre Schultern, um das Schiff zu beladen; 300 Tonnen davon kann der Kahn aufnehmen.

Endlich ist der Lastwagen aus Nairobi gekommen. Der ugandische Kapitän Bernhard Anyumba konnte es kaum erwarten. Seit einer geschlagenen Woche harrt er nun schon in diesem Loch aus und wartet auf die Fracht. Eigentlich hätte er längst unterwegs sein sollen, doch Straßenbarrikaden und Überfälle auf Lastwagenfahrer machen die 344 Straßenkilometer von der Hauptstadt hierher zum Wagnis. Der Schienenverkehr, der den wichtigen Handel mit Uganda ermöglicht, ist unterbrochen, seit an vielen Orten in Nairobi und auch im Westen des Landes die Gleise zerstört wurden. In Kenia geht seit geraumer Zeit die Angst vor einem Einmarsch ugandischer Truppen um. Die letzte Eisenbahn aus Nairobi kam am 23. Dezember in die Stadt am See, einen Tag vor Heiligabend.

Kisumu, die Hauptstadt der Provinz Nyanza mit seinen 250.000 Einwohnern, ist gezeichnet. Verkohlte Skelette ausgebrannter Häuser säumen die breiten Geschäftsstraßen. Immer wieder blockieren Spitzbuben die Zufahrtswege und verlangen bis zu 1000 kenianische Schilling Wegezoll. "Wunderschön am Victoriasee gelegen, präsentiert sich Kisumu als luxuriöse Oase Westkenyas", schreibt der DuMont-Führer. Er ist aus dem Jahr 2001; es kommt einem vor, als sei er vor einer Ewigkeit verfasst worden.

Die Unruhen in Kenia haben auch den Schiffsverkehr auf dem Victoriasee hart getroffen. Statt viermal monatlich verkehrt die "Sukhman I" jetzt nur noch zweimal im Monat zwischen Kisumu, dem kenianischen Hafen, und dem ugandischen Jinja, jener Nilmündung, nach der weiland ganze Generationen von Entdeckern und Abenteurern forschten.

Kaum noch Gewinn

Unberechenbare Wartezeiten und gestiegene Spritpreise machen den Handel immer weniger lukrativ. Mittlerweile muss Bernhard Anyumba 75 Kenia-Schilling, also rund einen US-Dollar, für den Liter Diesel bezahlen, vor den Wahlen waren es 55 bis 65 Schilling. Für die Reise nach Uganda verbraucht er 3000 Liter. Der indische Eigner der "Sukham I" sucht bereits nach Alternativen zum leidigen Keniageschäft, Tansania hat sich als relativ stabil erwiesen.

Dabei leidet der Schiffsverkehr hier am Victoriasee schon seit langem. Der ganze Hafen ist mit Wasserlilien und meterhohem Hippogras zugewachsen. Aus der Ferne wirkt das Hafenbecken mit den Schiffen darin wie eine verwilderte Märchenwiese, in die ein zürnender Gott kurzerhand den modernen menschlichen Krempel geworfen hat. Wie kommt ein Schiff bloß durch dieses Dickicht?

Wasserhyanzinthen haben sich für den Victoriasee, dieses gigantische ostafrikanische Süßwasserreservoir, zur Plage Nummer eins entwickelt. Bei günstigem Klima von 25 bis 27,5 Grad Celsius verdoppelt sich alle 15 bis 20 Tage ihre Biomasse. Und es herrscht hier ziemlich häufig gutes Klima für die "Eichhornia crassipes". Jeden Tag wachsen auf dem Binnenmeer, das Kenia mit Uganda und Tansania verbindet, 40 Tonnen davon nach. Das entspricht einer Fläche von 2000 Hektar pro Woche. Damit ist ein tödlicher Kreislauf in Gang gesetzt worden. Fische ersticken unter dem dicken Pflanzenteppich, der den Sauerstoffgehalt des Wassers reduziert. Fischer, die vom Tilapiafang leben, werden arbeitslos. Moskitos brüten hier hingegen gerne. Die Anophelesmücken übertragen Malaria. Jedes Jahr sterben schätzungsweise 70.000 Kenianer an der Krankheit. Auch Schnecken, die die Wurmkrankheit Bilharziose übertragen, fühlen sich in dem Dickicht wohl. Der Kollaps des Sees und das Leiden seiner Anwohner scheint programmiert.

Hinterlassenschaft der Kolonialherren

Dabei ist die Wasserhyazinthe, diese grüne Pest, eigentlich kein afrikanisches Gewächs. Sie stammt aus Südamerika und soll von den belgischen Kolonialherren einst nach Ruanda eingeführt worden sein. Die weißen Herren des Zwergstaats verschönerten mit der Zierpflanze ihre kolonialen Teiche und rühmten das blasse Violett ihrer Blüten und das satte Grün des Blattwerks. Über den Kagera-Fluss gelangte die Pflanze, die hier keine natürlichen Feinde hat, irgendwann in den See, und 1988 wurde sie dort zum ersten Mal beobachtet.

Mittlerweile erscheint es wie ein Wunder, dass überhaupt noch Schiffe Kisumu anlaufen. Und es ist auch tatsächlich ein kleines seemännisches Kunststück, sich durch die grüne Barriere hinaus auf den See zu kämpfen. Zwei Tage lang lässt Kapitän Anyumba die "Sukhman I" mit der Strömung hinaus treiben, und immer, wenn sich der Wind dreht, lässt er den Motor laufen: so langsam, dass das Schiff praktisch auf der Stelle steht. Einen Anker kann er nicht werfen, den bekäme er aus dem Schlick nicht wieder hinaus. Und wenn er auch nur halbe Kraft fahren würde, wäre sofort die Schiffsschraube ruiniert. Erst nach zwei Tagen dann ist das offene Wasser erreicht, zwei weitere Tage dauert es noch bis Jinja.

Dass es um den Hafen von Kisumu so schlecht bestellt ist, liegt übrigens auch an der Tatenlosigkeit der kenianischen Regierung, die bislang keine Anstrengungen unternommen hat, das Hafenbecken zu säubern. Die Häfen im ugandischen Jinja und im tansanischen Mwanza hingegen wurden von den Wasserhyazinthen weitgehend befreit. Kisumu, ausgerechnet jene Stadt, die an einem der größten Süßwasserseen der Erde liegt, leidet nun unter einem Mangel an Trinkwasser. Doch für die Stadt im Westen, in der hauptsächlich Luos leben, hatte Präsident Mwai Kibakis Regierung nie besonders viel übrig.

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