Stammeskämpfe in Kenia Hirten mit Kalaschnikows

Zwischen den Völkern der Pokot und Turkana in Kenia schwelt ein blutiger Kleinkrieg - es geht um Vieh, um Weideland. Rache erfolgt mit Waffengewalt. Eine Hilfsorganisation wagt sich zwischen die Fronten.

Till Mayer

Aus Marich Pass berichtet Till Mayer


Die bunten Perlenketten täuschen. Sie sind kein Folkloreschmuck für Touristenkameras. Jede Halskette erzählt von Tod und Kampf, ist eine Auszeichnung. Ngorokapel griff demnach schon oft zur Waffe. Um sein Vieh vor Räubern zu schützen, oder um selbst zu rauben. Die weiße Feder an seinem Hut weist ihn als erfahrenen Krieger vom Stamm der Pokot in Kenia aus.

Ngorokapel ist kein Mann der großen Worte. Er spricht leise, flüstert schon fast. Der 32-Jährige sinnt auf Rache. "Sie sind zu weit gegangen", sagt der Mann, der mit dem Rücken an der Lehmhütte lehnt. Auf seinen Oberschenkeln liegt ein Klassiker des deutschen Waffenbaus, das Schnellfeuergewehr G3.

Zwei Tage zuvor hatten Krieger der benachbarten Turkana einen 12- und einen 17-Jährigen erschossen. Kuhjungen der Pokot, die Vieh hüteten. Das hatten ihre Krieger kurz zuvor den Turkana-Leuten gestohlen. Die holten sich die Tiere zurück, nahmen die beiden Minderjährigen als Geisel. "Dann haben sie die beiden erschossen, als sie das Vieh über den Grenzfluss ins eigene Gebiet getrieben hatten. Sie hatten keinen Grund dazu, zwei Leben so sinnlos zu nehmen. Dafür werden sie jetzt zahlen", sagt der Pokot-Krieger. Katuco und Nakapel, zwei Krieger, die neben ihm auf kleinen geschnitzten Schemeln sitzen, nicken. "Sie haben es so gewollt", sagt der Jüngere von beiden. 23 Jahre ist er alt und wird schon für seine Schießkunst und Unerschrockenheit bei den Erfahrenen gerühmt.

Das Dorf Tikit besteht aus einem halben Dutzend Lehmhütten mitten im Dornengestrüpp. Der Boden, die Bäume und Sträucher, alles staubt, wirkt grau und versteinert. In der Ferne führt eine unbefestigte Piste vorbei. Fremde verirren sich kaum hierher. Heute haben die Bewohner aber ungewöhnlichen Besuch: Gorrety Ajwang von der Hilfsorganisation "Handicap International" und ihr Kollege Paul P. Ngiro von der lokalen Organisation "Justice & Peace Center" sind gekommen, um mit den Kriegern zu sprechen. Beide arbeiten in einem gemeinsamen Projekt, um die Waffengewalt zu reduzieren. Dass sie mit den Kriegern überhaupt sprechen können, ist schon ein Erfolg. "Wenn ihr denn schon glaubt, Rache nehmen zu müssen, kämpft Krieger gegen Krieger und verschont Frauen und Kinder", sagt Gorrety Ajwang.

Der große hagere Mann hinter ihr bestärkt sie: "Krieger gegen Krieger." Joseph Lonapaluk ist das, was Gorrety Ajwang stolz einen "reformierten Krieger" nennt. Und er ist ihr Mittelsmann. Er hat seine Kalaschnikow abgegeben, dafür im Gegenzug als Mitglied der National Police Reserve eine Uniform und ein registriertes Gewehr bekommen. Jetzt versucht er, die Krieger davon abzuhalten, auf Raubzüge zu gehen. Früher war er selbst ein gefürchteter Krieger. Jahrelang musste er im Busch untertauchen, um einer Verhaftung durch die Polizei zu entgehen. Dann wechselte er die Seiten.

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Kenia: Kampf der Kuhhirten

"Das hat mich Ansehen bei meinen Leuten gekostet. Es ist schwer, die anderen zu überzeugen, das Gleiche zu tun. Denn sie haben keine Alternative. Wenn die Dürre zu lange anhält, stehlen sie Vieh. Ganz einfach, um zu überleben. Das ist alles, was ihnen neben der Holzkohleherstellung bleibt", sagt der 54-Jährige.

Vieh ist die Lebensgrundlage von Pokot und Turkana. Sie züchten es, treiben es bis zu 250 Kilometer in das grüne Trans Nzoia County, oft auch gleich weiter nach Uganda. Viele Pokot aus dem Gebiet um den Marich Pass stammen ursprünglich aus dieser Region. Sie mussten weichen, als die Großgrundbesitzer in der Kolonialzeit ihre Weidegebiete als Ackerland beanspruchten. Seit der Kolonialzeit hat sich die Situation für die Hirtenvölker nicht verbessert. Im Gegenteil: Sie müssen mehr und mehr bezahlen, wenn sie ihre Tiere auf den immer weniger werdenden Wiesen weiden lassen.

"Wir tun, was wir tun müssen"

Joseph Lonapaluk wünscht sich eine Chance für seine Leute. Den Respekt der Krieger als einer der Ältesten genießt er immer noch. So kann er sie mit Gorrety Ajwang und Ngiro zusammenbringen. Doch die beiden müssen den Kriegern eine Antwort schuldig bleiben: Was ist die Alternative, wenn sie in Notzeiten kein Vieh mehr stehlen können? "Brunnen müssten gegraben werden, Bewässerungssysteme gebaut werden, um auch Landwirtschaft betreiben zu können. Sie bräuchten Arbeit, die sie ernährt. Schulbildung für ihre Kinder", sagt Gorrety Ajwang. Das Projekt von Handicap International wird im Rahmen des Zivik-Programms (Abkürzung für Zivile Konfliktbearbeitung) mit Mitteln des Auswärtigen Amts finanziert.

Die große Lösung kann die Handicap-International-Mitarbeiterin derzeit nicht anbieten. Aber kleine Erfolge wurden im Projekt bereits erzielt. Zum Beispiel beim unglückseligen Brautpreis: Die Konflikte starten nicht selten, wenn die jungen Krieger auf Freiersfüßen sind. Bis zu 40 bis 50 Kühe und 30 Ziegen zahlt man üblicherweise als Brautpreis. "So viele Tiere kriegen die jungen Männer nur zusammen, wenn sie sie von den Nachbarn stehlen. Sie brauchen dabei Hilfe von anderen jungen Kriegern. Denen stehen sie dann später bei", sagt Joseph Lonapaluk. Er ist selber Schwiegervater, ließ sich von den Projektmitarbeitern zum "Community Peace Representative" ausbilden und senkte daraufhin selbst den Brautpreis seiner Tochter: auf 15 Kühe. Der 54-Jährige erlaubt seinem Schwiegersohn sogar eine Ratenzahlung.

"Das alles erspart schon wieder einige Überfälle", erklärt Gorrety Ajwang. Es war ein langer Weg und brauchte viele Treffen, um eine Reduzierung des Brautgelds bei mehr und mehr Brautvätern zu erreichen. "Aber dank dem Zuspruch der Ältesten haben wir es geschafft. Sie sind der Schlüssel, um Erfolge zu erzielen", sagt sie.

Mit Sorgen hört sie den drei Kriegern zu. "Beim nächsten Vollmond könnten wir losziehen, die beiden Toten rächen und ihr Vieh mitnehmen", sagt einer. Die Turkana brauchen ihre Herden genauso zum Überleben wie sie selbst. "Wir hassen die Turkana nicht, aber wir müssen überleben. Wir tun, was wir tun müssen", erklärt Ngorokapel.

Es ist sein Schlusswort. Der Geländewagen von Handicap International rumpelt weiter, vorbei an der Polizeistation am Marich Pass Richtung Grenze zum Turkana County. Dort, auf Pokot-Seite, hat es die Polizei geschafft, dass sich rund 40 Krieger der National Police Reserve angeschlossen haben. Die Krieger versammeln sich unter Bäumen. Zuvor gab es einige Lebensmittelkonserven als Geschenke: Ananas in süßem Fruchtsaft. Drahtige, spindeldürre Männer sitzen da. Jeder hat ein Schnellfeuergewehr, meist eine Kalaschnikow in Händen. Waffen sind leicht zu bekommen: wegen der Bürgerkriege in Süd-Sudan und Somalia oder den jahrelangen Kämpfen im benachbarten Uganda besteht an billigen und vollautomatischen Gewehren kein Mangel.

Der Traum von Motorrädern statt Kalaschnikows

Das Wort geht an Gorrety Ajwang und Paul P. Ngiro. Die beiden kommen kaum dazu, etwas zu sagen, als ein Späher von Turkana-Spuren berichtet. Nur wenige bleiben sitzen, die anderen schnappen sich ihre Kalaschnikows, rennen zum Transporter der Polizei und verschwinden mit ihm in einer dicken Staubwolke. Gorrety Ajwang und ihr Kollege warten geduldig auf ihre Rückkehr. "Behaltet einen kühlen Kopf", bitten sie die Krieger. "Wir würden gerne aufhören mit den Beutezügen. Aber wie sollen wir uns ernähren? Wir alle sind müde vom Kämpfen. So viele Freunde haben wir verloren. Gebt uns Motorräder, damit wir Händler werden können. Dann gebe ich das hier ab", sagt einer und deutet auf sein Schnellfeuergewehr.

Die anderen nicken. Motorräder statt Kalaschnikows, für Gorrety Ajwang ein Traum. Sie hat Respekt vor den Kriegern, obwohl ihrem Wagen auch schon einmal ein Salve Kugeln hinterher flog. Eine gute Stunde später sind die anderen Krieger zurück. Sie haben die Turkana nicht gefunden.

Die Stimmung ist nervös. Nicht ohne Grund. Nachts werden wieder zwei Pokot sterben. Dann werden ein Polizeichef, Gorrety Ajwang und ihre Kollege Paul P. Ngiro versuchen, die Ältesten zu überzeugen, auf einen Rachefeldzug zu verzichten. Und wenn: "Dann nur Krieger gegen Krieger." 15 Pokot und Turkana starben vergangenes Jahr im Einzugsbereich des Marich Passes im Kugelhagel. Über Verletzte gibt es keine belastbaren Zahlen. "Es war ein relativ friedliches Jahr", sagt die Handicap-International-Mitarbeiterin.

2017 beginnt blutiger.

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Seite 1
omanolika 26.02.2017
1. Wie lange noch?
Auch, wenn es einem gar nicht gefällt, gilt halt scheinbar überall auf der Welt, dass Gewalt nur Gegengewalt erzeugt, und man sich dem Rachezwang beugt, denn man darf "die" nicht damit durchkommen lassen, denn man muss sie einfach hassen... Schaut man sich auf dieser Welt um, fragt man sich: Wie lange Zeit, dauert es noch, bis wir alle merken: Two wrongs don`t make it right?
Flying Rain 26.02.2017
2. Hm
Die Art und Weise wie die Organisationsmitarbeiter an die Sache gehen gefällt mir. Der Punkt ist dass das Vieh stehlen und der dazugehörige Kampf (Früher natürlich mit anderen Waffen als heute aber nicht weniger totnbringend) zu ihrer Kultur gehört was sich schon an der Frage "Was ist die Alternative, wenn sie in Notzeiten kein Vieh mehr stehlen können? " zeigt. Hier hilft es nur in sehr kleinen Schritten zum Umdenken zu bewegen wie etwa die Reduzierung des Brautpreises und der Aufruf nur gegen Krieger zu kämpfen. Dieser kleine Ausschnitt zeigt aber auch wie schlecht die "Entwicklungshilfe" der letzten Jahrzente angeschlagen hatt. Man kann nicht mit Pauken, Trompeten und LKW's an Hilfsgütern dort aufschlagen und denken die Einheimischen würden unsere "überlegene" *hust* Kultur annehmen. Afrika braucht noch viel Zeit, gerade im kleinen sich zu entwickeln. Natürlich hinken sie vielleicht in dieser Hinsicht um einige Jahrhunderte teilweise hinterher aber das wird sich irgendwann von alleine Regeln. Problematisch wird wohl aus meiner Sicht sein dass es schwerer als in Europa sein wird ohne Fremdeinwirkung zu größeren Gruppen zusammenzufinden was ein entsprechendes Klima und damit einen Überfluss (in diesem Fall etwa an Vieh) benötigt. Wobei ich nicht weis wie es in unseren Gegenden ohne die Römer verlaufen wäre.....vielleicht wären wir nördlich der Alpen heute noch ähnlich unterwegs wie diese Hirten und Krieger heute noch...
Sumerer 26.02.2017
3.
Zitat von Flying RainDie Art und Weise wie die Organisationsmitarbeiter an die Sache gehen gefällt mir. Der Punkt ist dass das Vieh stehlen und der dazugehörige Kampf (Früher natürlich mit anderen Waffen als heute aber nicht weniger totnbringend) zu ihrer Kultur gehört was sich schon an der Frage "Was ist die Alternative, wenn sie in Notzeiten kein Vieh mehr stehlen können? " zeigt. Hier hilft es nur in sehr kleinen Schritten zum Umdenken zu bewegen wie etwa die Reduzierung des Brautpreises und der Aufruf nur gegen Krieger zu kämpfen. Dieser kleine Ausschnitt zeigt aber auch wie schlecht die "Entwicklungshilfe" der letzten Jahrzente angeschlagen hatt. Man kann nicht mit Pauken, Trompeten und LKW's an Hilfsgütern dort aufschlagen und denken die Einheimischen würden unsere "überlegene" *hust* Kultur annehmen. Afrika braucht noch viel Zeit, gerade im kleinen sich zu entwickeln. Natürlich hinken sie vielleicht in dieser Hinsicht um einige Jahrhunderte teilweise hinterher aber das wird sich irgendwann von alleine Regeln. Problematisch wird wohl aus meiner Sicht sein dass es schwerer als in Europa sein wird ohne Fremdeinwirkung zu größeren Gruppen zusammenzufinden was ein entsprechendes Klima und damit einen Überfluss (in diesem Fall etwa an Vieh) benötigt. Wobei ich nicht weis wie es in unseren Gegenden ohne die Römer verlaufen wäre.....vielleicht wären wir nördlich der Alpen heute noch ähnlich unterwegs wie diese Hirten und Krieger heute noch...
Sie sprechen den mangelnden Erfolg der Entwicklungshilfe an. Das wundert mich nun überhaupt nicht mehr, wenn man sich die deutschen und russischen Waffenlieferungen vorstellt, die ja an Hand der zur Schau gestellten Waffen (G3, Kalaschnikow) unzweideutig zu identifizieren sind. Allerdings tun mir die Hilfsorganisationen leid, die zwischen den ballernden Parteien offensichtlich zerrieben werden. Oder etwas anders ausgedrückt: Entwicklungshilfe sollte schon etwas anders ausfallen.
martinbabenhausen 26.02.2017
4. Des Glückes Schmied.
Solange die Menschheit existiert gab und gibt es Kriege um Weideland. Bzw Rohstoffe. Bzw Lebensraum. Bzw Absatzmärkte. Früher mit Pfeil und Bogen - heute mit Kalaschnikows. Es ist so. Soll man darüber klagen? Soll man mit erzieherischem Zwang den Menschen ändern? Es bleibt so, also mischen wir uns nicht in deren Angelegenheiten hinein.
EMU 26.02.2017
5. Stammesdenken
Für mich fängt das Problem schon damit an, dass zwei Dörfer sich gegenseitig als Fremde sehen, die weniger lebenswert sind als die Bewohner des jeweils eigenen Dorfes. Stiehlt ein Dorfbewohner das Vieh seines Nachbarn im selben Dorf? Nein. Nicht einmal wenn er am Verhungern ist. Letztendlich sind es genau diese Konflikte, die das Elend in Afrika hauptsächlich verursachen. Also, macht aus den zwei Dörfern eins und der Kleinkrieg hört auf. In Europa lief das über Eroberungen und mit ziemlich viel Blut. Keine Ahnung, ob es im Jahre 2017 eine harmlosere Vorgehensweise gibt, aber der aktuelle Hickhack um die EU läßt mich zweifeln.
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