Von Sebastian Fischer, Washington
Manchmal verfolgt ein ganzes Land die Krankheitsgeschichte eines Einzelnen.
So war das gerade, als Hillary Clinton wegen eines Blutgerinnsels im Kopf behandelt werden musste. Die Zeitungen brachten Grafiken, die den Kopf von Amerikas Außenministerin im Profil durchleuchtetet zeigten. Da, hinterm rechten Ohr, der Blutpfropf. Nein, kein Schlaganfall, versicherten die Ärzte und gaben gleich noch ein paar Interviews zur Wirkweise von Blutverdünnern. Die TV-Sender zeigten Clintons Entlassung aus dem Krankenhaus, dann ihren ersten öffentlichen Auftritt.
Alle sprachen über Hillary. Bei der Arbeit, in der U-Bahn, tagelang.
Warum? Weil die 65-Jährige mehr ist als die Außenministerin. Weil Hillary von Polit-Adel ist. Die ehemalige First Lady als Chefin im Weißen Haus? Und Bill Clinton als First Husband? Solche Geschichten liebt das Land.
Bleibt Clinton fit, würde ihr in vier Jahren, sollte sie antreten wollen, wohl kaum jemand die Kandidatur streitig machen. Und dann könnte es zu einem Duell der besonderen Art kommen: Denn bei den Republikanern gilt Jeb Bush als möglicher Kandidat, der Bruder von Präsident Nr. 43 (George W. Bush) und Sohn von Nr. 41 (George H.W. Bush). Der an der Parteibasis beliebte Jeb, verheiratet mit einer gebürtigen Mexikanerin und einst Gouverneur von Florida, könnte 2016 bei der so wichtigen Wählergruppe der Latinos punkten.
Clinton-Clan gegen Bush-Dynastie - welch ein Wahlkampf wäre das! So etwas hat es in der US-Geschichte noch nicht gegeben. Dabei ist diese Zuspitzung nur die logische Konsequenz einer schleichenden Dynastisierung: "Mehr und mehr nimmt die nationale Politik die Aura einer großen Familienarena an", kritisierte der frühere republikanische Präsidentenberater Kevin Phillips schon vor knapp zehn Jahren in seinem Buch "Amerikanische Dynastie".
In keiner anderen westlichen Demokratie gibt es so viele Söhne, Ehefrauen, Neffen, Enkel in der Politik wie in den USA. Da sind vor allem die Kennedys, das amerikanische Quasi-Königshaus: John F. Kennedy, "Jack", der Präsident; die Brüder Robert "Bobby" (Justizminister, Senator) und Edward "Ted" (Senator).
JFK brachte den dynastischen Gedanken auf den Punkt: "Wenn mir etwas zustößt, wird Bobby an meine Stelle treten. Und wenn Bobby geht, haben wir noch Teddy." Als Jack zum Präsidentschaftskandidaten nominiert wurde, schenkte er Bruder Bobby ein Zigarettenetui mit der Gravur: "Bin ich nicht mehr hier, wie wär's mit dir?"
Politik in der Familienarena: Warum funktionieren Dynastien ausgerechnet in der amerikanischen Republik, die doch gegen das britische Empire und König George III. erkämpft wurde? Thomas Jefferson und Co. hätten ein Wahlkampf Clinton versus Bush "erschaudern" lassen, meint Experte Phillips. Na und? Das moderne Amerika kümmert das nicht.
Eine Marke - wie die der Clintons - bedeutet mehr Prominenz, bedeutet mehr Spendengeld, bedeutet mehr politische Chancen. Kein Zufall, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten Spitzenpolitik zunehmend im Familienkreis abspielt. Auch von Clinton-Tochter Chelsea, 32, ist zu hören, dass sie eine politische Karriere nicht mehr ausschließt.
Freilich, Vater und Sohn als US-Präsidenten, das gab es auch schon früher, da waren die Bushs nicht die Ersten: John Adams (1797-1801) und John Quincy Adams (1825-1829). Allerdings lag zwischen den beiden ein Vierteljahrhundert. Die Bush-Dynastie aber hat das moderne Amerika geprägt wie vielleicht keine andere Familie zuvor - auch nicht die Kennedys. Vater und Sohn führten beide einen Krieg gegen den Irak, der Sohn übernahm alte Recken aus dem Team des Vaters. So funktioniert Politik am Hofe Bush.
Und die Familie scheint noch lange nicht am Ende. Keine Spur vom Buddenbrooks-Syndrom, kein Verfall. Schafft es Jeb nicht, dann steht schon Sohn George bereit. Der 36-Jährige könnte sich bereits 2014 für den Posten des Gouverneurs von Texas bewerben.
So hatte Onkel George W. in den Neunzigern auch angefangen.
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