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Kennedy-Film: US-Experte hält Kuba-These für falsch

Der ARD-Dokumentarfilm "Rendevous mit dem Tod" liefert neue Details zur Kennedy-Ermordung. Die Untersuchung wird in US-Fachkreisen bereits ausgiebig debattiert. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE meldet der amerikanische Kennedy-Experte Lamar Waldron allerdings Zweifel an der These an.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Waldron, der deutsche Dokumentarfilmer Wilfried Huismann behauptet, den Mord am US-Präsidenten endgültig aufgeklärt zu haben. Sind diese spektakulären Neuigkeiten schon bis nach USA durchgedrungen?

Waldron: Allerdings. In Fachkreisen wird bereits viel über den deutschen Film diskutiert.

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JFK-Ermordung: Schüsse, die die Welt veränderten

SPIEGEL ONLINE: Und was halten die amerikanischen Kennedy-Forscher von den Recherche-Ergebnissen, dass Fidel Castro hinter dem Anschlag steckt?

Waldron: Wir sind eher skeptisch, was Huismanns These angeht. Er behauptet, dass Kennedys Attentäter Lee Harvey Oswald vom kubanischen Geheimdienst rekrutiert wurde. Die Behauptung, das Fidel Castro hinter der Ermordung von Kennedy steckt, ist 40 Jahre alt und wurde inzwischen mehrmals glaubhaft von Untersuchungsausschüssen des US-Kongresses und in Geheimdokumenten widerlegt, die in den neunziger Jahren veröffentlicht wurden. Selbst die CIA, die Castro noch heute als einen der Erzfeinde der USA einstuft, hat schon vor Jahren erklärt, dass die Kubaner nicht an dem Mordplott beteiligt waren.

SPIEGEL ONLINE: Huismann untermauert die alten Spekulationen aber mit neuen Zeugenaussagen, auch von Kubanern, und zeigt ebenfalls erst kürzlich deklassifiziertes Beweismaterial, das seine These stützt.

Waldron: Derzeit werden viele der alten Theorien, die bereits vor Jahrzehnten als falsch entlarvt wurden, mit neuen Zeugenaussagen wiederbelebt. Die meisten dieser Zeugen sind Leute, die in der Vergangenheit für Castro gearbeitet haben, mittlerweile aber nichts mehr mit dem kubanischen Präsidenten zu tun haben wollen. Sie haben außerdem oft noch alte Rechnungen zu begleichen, und das macht ihre Aussagen nicht gerade glaubhafter. Ich bin mir sicher, Castro hatte nichts mit der Ermordung von John F. Kennedy zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Ein Motiv hätte Castro dennoch gehabt. Sie erklären selber in Ihrem Buch, dass John F. Kennedy und sein jüngerer Bruder Robert, der damalige US-Justizminister, einen Coup planten und die kubanische Regierung am 1. Dezember 1963 stürzen wollten.

Waldron: Die Kennedy-Brüder hatten tatsächlich einen solchen Coup-Plan in der Schublade, aber das war sozusagen nur Plan B. Nach der fehlgeschlagenen Invasion der Schweinebucht und der Kubakrise wollten die Kennedys die Beziehung zu Castro in erster Linie über den Verhandlungsweg deeskalieren. Sie waren sehr besorgt, dass die Lage noch mal außer Kontrolle geraten könnte. Dass Castro Kennedy aus persönlichen Rachemotiven ermorden ließ, scheint mir unwahrscheinlich. War ihm Lyndon B. Johnson so viel sympathischer als Kennedy, dass er ein Interesse daran gehabt hätte, Johnson zur Präsidentschaft zu verhelfen? Wohl kaum.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Castro unschuldig ist, wer hat dann die Killer auf Kennedy angesetzt?

Waldron:Ich habe im Rahmen meiner 17-jährigen Recherche mit fast zwei Dutzend Zeitzeugen gesprochen, die zum engsten Zirkel von John und Robert Kennedy gehörten, unter anderem mit dem damaligen Außenminister Dean Rusk. Meine Informationen sind also aus erster Hand. Ich habe sie detailliert auf 900 Seiten und mit 2700 Fußnoten dokumentiert und dargestellt.

SPIEGEL ONLINE: Zu welchen Ergebnis sind Sie gekommen?

Waldron: Robert Kennedy hat Anfang der sechziger Jahre als US-Justizminister zur Jagd auf die amerikanische Mafia geblasen. Er hat eine der größten Strafverfolgungen in der Geschichte der USA eingeleitet. Gleichzeitig hat er auch den potentiellen Coup-Plan für Kuba ausgearbeitet - das hatte ihm sein Bruder John, der Präsident, anvertraut. Drei Mafiabosse - Marcello, Trafficante und Rosselli - bekamen Wind von den geheimen Plänen für den Kuba-Staatsstreich und es gelang ihnen, die Vorbereitungsgruppe zu infiltrieren und Kennedy zu ermorden.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist die These, dass die Mafia Kennedy ermordet hat, nicht genauso alt und oft widerlegt worden wie die Verschwörungstheorien, dass die CIA oder eben Kuba die Auftraggeber waren?

Waldron: Nein, denn ich habe in meinem Buch bislang unbekannte Beweise enthüllt: Die Mafia nutzte ihr Wissen über den geheimen Kennedy-Coup gegen Castro, um die Regierung nach der Ermordung von Kennedy mundtot zu machen. Die Mafia-Bosse wussten, dass weder Robert Kennedy noch die obersten Staatsanwälte sie zur Rechenschaft ziehen konnten, aus Angst, dass dann der Top-Secret-Plan für den Kuba-Coup an die Öffentlichkeit geraten wäre. Einen öffentlichen Untersuchungsausschuss wollte die Regierung um jeden Preis verhindern. Wie hätten die amerikanischen Entscheidungsträger denn dagestanden, wenn bekannt geworden wäre, dass sie Pläne zum Sturz von Castro schmiedeten?

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Mafia eigentlich von den streng geheimen Kuba-Plänen der Kennedy-Regierung erfahren?

Waldron: Die Mafia hat seit 1959 mit der CIA zusammengearbeitet und zwar mit dem Ziel, Castro zu ermorden. Deswegen sah die CIA die Mafia als Bündnispartner an, was die Mafiosi wiederum ausnutzten, um an Kennedy heranzukommen. Nach der Ermordung war die CIA in erster Linie damit beschäftigt, ihre Verbindungen zur Mafia zu verschleiern. Die Vertuschungsbemühungen sind mittlerweile in veröffentlichten Geheimquellen bestens belegt.

SPIEGEL ONLINE: Auch 42 Jahren danach scheint es noch immer mehrere rivalisierende Theorien zur Ermordung von JFK zu geben....

Waldron: Wenigstens eine Gewissheit kann ich Ihnen ganz bestimmt geben: Wenn George W. Bush tatsächlich glauben würde, das Castro den Mord an Kennedy zu verantworten hätte, dann wäre er sicherlich schon längst in Kuba einmarschiert.

Das Interview führte Kirsten Grieshaber

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