Kernenergie in Südasien: Indien und Pakistan suchen ihr Heil in Atomkraft

Von , Islamabad

Gebannt verfolgen die Menschen in Südasien die Ereignisse in Japans Atomkraftwerken - doch eine breite Anti-Atom-Bewegung wie in Deutschland kommt in Indien und Pakistan einfach nicht in Gang. Beide Länder leiden unter Energiemangel, sie setzen deshalb mit Macht auf den Bau neuer Reaktoren.

Atomkraft in Südasien: Hunger nach Energie Fotos
Corbis

Indien hatte Ende 2010 gerade seinen 20. Nuklearreaktor in Betrieb genommen, da verkündete die Regierung stolz: Das Land gehöre nun zum "Elite-Club der Nationen hinter den USA, Frankreich, Japan, der russischen Föderation und Südkorea" - jenen Staaten also, die 20 oder mehr Reaktoren zur Gewinnung von Atomstrom betreiben.

Indiens Energiehunger ist gigantisch, die Wirtschaft des Landes wächst so schnell wie kaum eine andere in der Welt. Die Hoffnung, in den kommenden Dekaden zur Weltwirtschaftsmacht aufzusteigen, lässt keine Zweifel zu, dass der Bau weiterer Kraftwerke unabdingbar ist.

Nach zähen Verhandlungen erreichte Neu-Delhi 2006 eine zivile nukleare Kooperation mit den USA - ein bemerkenswerter Erfolg, hatten doch Washington und andere westliche Staaten Indien und Pakistan noch 1998 wegen ihrer militärischen Nukleartests geächtet. Doch der indische Atommarkt ist zu lukrativ, als dass ihn die US-Atomindustrie ignorieren könnte.

Zumal andere Länder schon kräftig mitmischen in Indiens Energiemarkt. Und das besonders, seit die Internationale Energiebehörde und die Gruppe der Atomlieferländer vor drei Jahren ein Verbot von Atomgeschäften mit dem Land aufgehoben hat. Das Verbot galt seit 1974, vor allem auf Betreiben der USA wurde es schließlich kassiert.

Auch Frankreich, Russland und Kanada kooperieren mit Indien auf dem Nuklearmarkt, denn das Land setzt vor allem auf Atomenergie. 2004 verfügte das Land noch über zwölf Reaktoren, von denen nach Angaben von Greenpeace nur zwei den internationalen Sicherheitsstandards entsprachen. Doch in Zukunft sollen mit ausländischer Hilfe hochmoderne Anlagen entstehen.

Russische Hilfe beim AKW-Bau

Drei Kraftwerke werden derzeit mit russischer Unterstützung gebaut. Der erste Reaktor der Anlage Kudankulam in Südindien soll demnächst in Betrieb gehen, der zweite soll im Dezember folgen. In den kommenden Jahren wollen russische Firmen insgesamt zwölf Atomkraftwerke in Indien bauen, sechs davon zwischen 2012 und 2017. Russland, in Zeiten des Kalten Krieges traditionell Partner Indiens, ist damit größter Atomenergiepartner des Landes.

Zwar kritisieren indische Umweltorganisationen die nuklearen Bestrebungen Indiens - sie können dem Argument, dass Indiens rasant wachsende Wirtschaft dringend Energie benötige, aber kaum etwas entgegensetzen.

Die Regierung in Neu-Delhi will unbedingt atomare Großmacht werden. So soll in Jaitapur, nahe Mumbai, in Kooperation mit dem französischen Areva-Konzern das weltgrößte Atomkraftwerk mit einer Leistung von knapp 10.000 Megawatt entstehen. Nach Angaben der Asiatischen Entwicklungsbank könne die indische Wirtschaft nur weiter so schnell wachsen, wenn die Energieproduktion mit dieser Entwicklung Schritt halte. Die Nuklearenergie werde bis 2030 um mehr als fünf Prozent jährlich zunehmen - so schnell wie keine andere Energieform.

Pakistan plagen Stromausfälle - der Energiebedarf ist groß

Auch im Nachbarland Pakistan ist der Energiehunger groß. Wie in Indien müssen die Menschen täglich Stromausfälle von zwei bis 16 Stunden hinnehmen - ein fataler Zustand für die Industrie.

Pakistan verfügt jedoch nur über drei kleinere Reaktoren, etwa 2,4 Prozent der gesamten Energie kommen damit aus Atomstrom. Die älteste Anlage wurde 1966 in Betrieb genommen, eine weitere Anfang der siebziger Jahre mit französischer Hilfe geplant, jedoch damals nicht fertig gestellt. Erst mit chinesischer Unterstützung ging das Kraftwerk Mitte der neunziger Jahre in Betrieb. Pakistan möchte mit chinesischer Unterstützung vier weitere Reaktoren bauen, jedoch ist die Finanzierung in dem wirtschaftlich gebeutelten Land fraglich.

Die Nachrichten aus Japan verfolgen die Menschen mit Interesse, indische und pakistanische Medien berichten ausführlich über die rund 6000 Kilometer entfernten Ereignisse. Doch eine breite Anti-Atom-Bewegung wie in Deutschland gibt es in Südasien nicht. In Indien gibt es vereinzelt Demonstrationen.

In Jaitapur, wo das gigantische Atomkraftwerk gebaut wird, protestieren seit Freitag einige tausend Menschen. Ihr Protest richtet sich gegen die Anlage - vor allem aber dagegen, dass sie, die Einwohner, von ihrem Land vertrieben werden sollen, damit das Kraftwerk gebaut werden kann. Umweltaktivisten sagen jetzt, Jaitapur sei ähnlich erdbebengefährdet wie Japan.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Tja, Ihr Deutschen -
francaPcorrecta 14.03.2011
Ihr entkommt nicht ! Mit Eurer Aussitzerei, Aussetzerei, Kohleverliebtheit und Wankelmütigkeit werdet Ihr doch von Zäunen aus AKWs zugestellt. Warum nur finden das alle lukrativ, nur Ihr nicht ? Weile alle blöd sind, ist klar.
2. Titel? Wird schamhaft verschwiegen
taiga 14.03.2011
Zitat von sysopGebannt verfolgen die Menschen in Südasien die Ereignisse in Japans Atomkraftwerken - doch eine breite Anti-Atombewegung wie in Deutschland kommt in Indien und Pakistan einfach nicht in Gang. Beide Länder leiden unter Energiemangel, sie setzen deshalb mit Macht auf den Bau neuer Reaktoren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,750731,00.html
In einem Artikel über die Errichtung von Atommeilern in Indien und Pakistan wie diesem erwarte ich, dass auch über den dunklen Teil der Atomkraft berichtet wird. Herr Kazim schreibt: «Pakistan verfügt jedoch nur über ein Kraftwerk mit zwei Reaktoren, nur 2,4 Prozent der gesamten Energie kommen damit aus Atomstrom.« Das mag schon stimmen, ist aber nur die halbe Wahrheit. In mehrere Medien war kürzlich zu lesen, dass Pakistan mit dem Bau des 4. Plutoniumreaktors begonnen hat. Das Atomprogramm dient daher weniger friedlichen, als hauptsächlich kriegerischen Zwecken. Was man von einem Staat halten soll, dessen Regierung und Militär von »problematischen Leuten« bis hin zu Extremisten unterwandert wird, mag man sich nicht wirklich ausmalen. http://www.sueddeutsche.de/politik/aufruestung-in-islamabad-pakistan-bald-viertgroesste-atommacht-1.1059130
3. Am deutschen Wesen muss die Welt gewesen
Oliver Resch 14.03.2011
Zitat von francaPcorrectaIhr entkommt nicht ! Mit Eurer Aussitzerei, .....
Es handelt sich eben um eine neue Version des guten, alten "am deutschen Wesen muss die Welt genesen"....
4. Baum
sprechweise 14.03.2011
Zitat von sysopGebannt verfolgen die Menschen in Südasien die Ereignisse in Japans Atomkraftwerken - doch eine breite Anti-Atombewegung wie in Deutschland kommt in Indien und Pakistan einfach nicht in Gang. Beide Länder leiden unter Energiemangel, sie setzen deshalb mit Macht auf den Bau neuer Reaktoren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,750731,00.html
Trotz aller Risiken der Kernkraft, eine wirkliche Alternative ist nicht in Sicht, die die Kernkraft vollständig ersetzen könnte. Selbstverständlich sollen sinnvolle Alternativen umgesetzt werden, aber diese können nur die Basis verbreitern. Die einzige Chance vollständig auf Kernkraft zu verzichten, sehe ich nur in der Reduktion der Weltbevölkerung auf unter 1 Milliarde Menschen. Daran ist in absehbarer Zeit nicht zu denken. Auch wenn es die wohlstandsverwahrlosten Grünen und Linken nicht wahrhaben wollen, seit die Menschen entschieden haben von den Bäumen herunter zu kommen, sind sie gezwungen ständig nach vorne zu gehen und Probleme zu lösen, aber nicht ihnen aus dem Weg zu gehen.
5. Macht weiter so
Asirdahan 14.03.2011
Was die Menschheit mit der Atombombe nicht geschafft hat (Abrüstung, Verträge), das wird sie nun mit der friedlichen Nutzung schaffen. Die Kernspaltung war ein Übel, aber nun ist es in der Welt und kann nie mehr hinaus. Was haben die Menschen eigentlich gemacht, als es noch keine AKWs gab? Sicher, die Kohle ist klimaschädlich, aber wird etwa heute weltweit keine Kohle mehr verbrannt, weil wir AKWs haben? Mitnichten! Wir werden doch alle nur ver.... hohnepiepelt. Wenn man die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub hat, dann muss man etwas Drittes in Angriff nehmen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Atomkraft
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 18 Kommentare
  • Zur Startseite

Karte

Die Ausbreitung der radioaktiven Wolke Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Die Ausbreitung der radioaktiven Wolke

Erdbeben- und Tsunamigebiet in Japan Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Erdbeben- und Tsunamigebiet in Japan


Kernkraftwerke in Fukushima
Fukushima I (Daiichi)
Das Atomkraftwerk Fukushima I (Fukushima Daiichi) besteht aus sechs Blöcken mit jeweils einem Reaktor. Probleme gibt es vor allem in Block 1 und Block 3. Bei beiden Reaktoren wird zumindest eine teilweise Kernschmelze befürchtet. Die Kühlsysteme sind ausgefallen, die Betreiber haben Meerwasser in die Reaktoren gepumpt. Das Gebäude um Block 1 explodierte am Samstag - Grund soll eine Verpuffung der Gase zwischen Reaktor und Reaktorhülle gewesen sein. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von 20 Kilometern wurde evakuiert. Am Montag ereignete sich eine weitere Explosion. Nach Angaben der Regierung hat die Stahlhülle des Blocks 3 aber standgehalten. Die schlechten Nachrichten reißen allerdings nicht ab: Auch in Reaktor 2 ist die Kühlung inzwischen ausgefallen.
Fukushima II
Das Atomkraftwerk Fukushima II (Fukushima Daini) besteht aus vier Blöcken. Betreiber ist ebenfalls die Tokyo Electric Power Company (Tepco). Die Kühlsysteme der Reaktoren 1, 2 und 4 sind nach Angaben der japanischen Regierung ausgefallen. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von zehn Kilometern wird evakuiert.
Fotostrecke
Erdbeben und Tsunami: Japan in Trümmern