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Kernkraft: Atom-Unfall in Slowenien, EU warnt Mitgliedsstaaten

Zwischenfall im Kühlsystem des slowenischen Atomkraftwerks Krsko: Die EU-Kommission in Brüssel hat europaweiten Alarm ausgelöst. Die Brüsseler Behörde, die Regierung in Lubljana und das österreichische Umweltministerium erklärten, von der Havarie gehe keine Gefahr für die Umwelt aus.

Brüssel - Das slowenische Atomkraftkraftwerk Krsko ist laut EU-Kommission abgeschaltet. Das sagte der Sprecher von EU-Energiekommissar Andris Piebalgs am Abend in Brüssel. Piebalgs habe die Mitteilung, dass im dem Kernkraftwerk Kühlwasser verlorenging, aus Gründen der Transparenz herausgegeben. "Es ist nicht sehr schlimm", teilte der Sprecher in einer persönlichen Einschätzung mit. Die Kommission alarmierte über ein spezielles Warnsystem alle 27 Mitgliedstaaten der EU über den Vorfall.

Zunächst hatte es in einer EU-Erklärung geheißen, das Kraftwerk arbeite noch auf 22 Prozent seiner Kapazität. Auswirkungen auf die Umwelt seien derzeit nicht bekannt. Greenpeace stufte eine europaweite Warnung auf Anfrage als "sehr ungewöhnlich" ein. Die Umweltschutzorganisation zeigte sich skeptisch: Im Moment sei noch unklar, was über den Kühlwasserunfall hinaus passiert ist, sagte Greenpeace-Atomexperte Thomas Breuer dem Sender n-tv.

Bisher gibt es keinerlei Hinweise darüber, ob Menschen zu Schaden gekommen oder gefährdet sind. Die EU-Kommission erklärte, es sei kein radioaktives Material in die Umwelt gelangt.

Die EU-Kommission löste am frühen Abend europaweiten Alarm aus. Harald Händel, Sprecher der EU-Kommission in Deutschland, sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Die EU-Kommission hat die Mitgliedstaaten über den Atomreaktor-Zwischenfall in Slowenien informiert." Mit der Warnung seien keine Handlungsanweisungen an die Mitgliedsstaaten verknüpft. In der Praxis heißt das: "Die Behörden - insbesondere die der slowenischen Nachbarstaaten - sind jetzt alarmiert und beobachten die Lage." Zum jetzigen Zeitpunkt sei nicht von einer Gefahr für Umwelt und Menschen auszugehen.

"Die Lage ist unter Kontrolle"

Bei der Zentrale sei um 17.38 Uhr ein Alarm aus Slowenien eingegangen, nachdem das Entweichen des Kühlwassers in dem Atomkraftwerk bemerkt worden sei, so Händel. Das Notfallsystem Ecurie (Community Urgent Radiological Information Exchange) wurde von der EU zum Informationsaustausch bei radioaktiven Vorfällen aller 27-EU-Staaten eingerichtet.

Europaweite Warnungen werden von der EU-Kommission in verschiedenen Bereichen herausgegeben: Etwa für Importe wie vergangenen Herbst, als mit Blei vergiftetes Spielzeug aus China nach Europa gelangte. Ein ähnliches Alarmsystem gibt es auch für Naturkatastrophen.

Google Earth / TerraMetrics

Im ersten Programm des slowenischen Fernsehens wurde der Zwischenfall erst gegen Ende der 19-Uhr-Sendung erwähnt. Für Menschen und Umwelt bestehe keine Gefahr, hieß es. Beim Herunterfahren der Motoren im Zuge einer Routine-Wartungsarbeit, wie sie mehrfach im Jahr durchgeführt werde, sei Kühlwasser ausgetreten.

Auch nach Informationen des Bundesumweltministeriums in Berlin besteht derzeit keine Gefahr für die Bevölkerung. Über die Informationen der EU hinaus sei nichts weiteres bekannt, sagte ein Sprecher. Das österreichische Umweltministerium erklärte nach einem Bericht der Nachrichtenagentur APA, radioaktive Strahlung sei in Krsko nicht ausgetreten.

Der Betreiber des Atomkraftwerks in Krsko hat nach dem europaweiten Alarm mitgeteilt, das Kraftwerk sei präventiv "für einige Stunden" heruntergefahren worden, um die Ursache des Fehlers zu finden und zu beheben. "Eine Notabschaltung war nicht notwendig und die Störung dürfte keine Auswirkungen auf die Umwelt haben", hieß es weiter.

Der Direktor der slowenischen Atomsicherheitsbehörde, Andrej Stritar, erklärte auf der website seiner Behörde, die Anlage sei sicher heruntergefahren worden. "Die Lage ist unter Kontrolle. Die Anlage ist in einem stabilen Zustand." Es gebe keine Auswirkungen für die Umwelt und keine Notwendigkeit für Schutzmaßnahmen.

Die slowenische Nachrichtenagentur STA berichtet, der Vorfall habe sich im Primärkreislauf des AKW ereignet. Das Wasser im Primärkreislauf befinde sich direkt an verstrahltem Material.

Reaktor auf Erdbeben gefährdetem Gebiet

Das Kernkraftwerk aus dem 7000-Einwohner-Ort Krsko (Gurkfeld) stammt aus dem Jahr 1981. Es liegt in der Nähe der kroatischen Grenze und wird von beiden Staaten gemeinsam betrieben. Die slowenische Betreibergesellschaft Nuklearne Elektrarna Krsko (NEK) hat in der Vergangenheit auch mit dem europäischen Konsortium Siemens-Framatome zusammen gearbeitet. Bei dem Meiler handelt es sich laut Wikipedia um einen Druckwasserreaktor der amerikanischen Firma Westinghouse mit einer elektrischen Bruttoleistung von 730 MW.

Krsko ist bisher das einzige Kernkraftwerk Sloweniens. Es deckt rund 40 Prozent des slowenischen Strombedarfs. Allerdings plant das Land einen weiteren Reaktor am selben Standort. Mit dem Bau soll nach Presseberichten im Jahr 2013 begonnen werden. Ursprünglich hatte sich Slowenien für den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie entschieden, änderte seine Energiepolitik dann aber doch. Umweltschützer aus Österreich haben das Kraftwerk immer wieder kritisiert.

Atomgegner haben immer wieder angeführt, dass der Reaktor in einem Erdbeben gefährdeten Gebiet steht. Offiziell entspricht die Sicherheit des Kernkraftwerks jedoch internationalen Standards.

asc/wal/amz/AFP/dpa/AP

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