Kerrys Niederlage "Der Kampf war nicht sinnlos"

Es war sein schwerster Gang. Der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry hat seine Niederlage in Boston öffentlich eingestanden. Vor jubelnden Anhängern und mit teils stockender Stimme ließ er den Wahlkampf Revue passieren. Nun brauche das zerrissene Land eine "Phase des Heilens".


Edwards und Kerry: "Ihr könnt enttäuscht sein, doch Ihr könnt nicht weggehen"
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Edwards und Kerry: "Ihr könnt enttäuscht sein, doch Ihr könnt nicht weggehen"

Boston - Kurz vor 20 Uhr MEZ trat John Kerry vor die Anhänger in Boston. Jubel brandete in der Faneuil Hall auf, als er mit seinen Töchtern und seiner Frau Teresa Heinz die Halle betrat. Kurz danach stiegen er und sein Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten, John Edwards, auf die Bühne. Edwards ergriff als erster das Wort: "Wir werden weiter um jede Stimme kämpfen", kündigte er an.

"John Kerry ist ein großer Amerikaner", sagte Edwards unter dem lautstarken Jubel der Anhänger. "Ihr könnt enttäuscht sein, doch Ihr könnt nicht weggehen. Der Kampf hat erst begonnen", versuchte Edwards die geschlagenen Truppen aufzurichten.

Nach seiner Ansprache umarmte Edwards Kerry, der sich umgehend für die Unterstützung bedankte. Kerry sagte, er habe mit Bush telefoniert und über die tiefe Spaltung des Landes gesprochen. Er hoffe nun, dass nach dem Ende des Wahlkampfes die "Phase des Heilens" im Land beginnen werde - und begann gleich mit der Therapie: "Bei einer Wahl gibt es keinen Verlierer. Am nächsten Morgen wachen wir alle als Amerikaner auf."

Kerry gestand seine Niederlage ein. Der Ausgang sollte durch die Wähler nicht durch juristische Vorgänge entschieden werden, erklärte er. Es sei nicht mehr möglich, den Schlüsselstaat Ohio zu gewinnen.

Kerry: Niederlage eingeräumt
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Kerry: Niederlage eingeräumt

"Ich wünschte, ich könnte Euch alle umarmen. Ich danke Euch aus tiefstem Herzen." Seinen besonderen Dank richtete Kerry an Edwards, den er einen engen Freund nannte. Es folgten Dankesworte an seine Ehefrau Teresa, an seine Töchter und alle Helfer. "Verliert die Zuversicht nicht", rief Kerry den Tausenden zu, "was ihr geleistet habt, war nicht sinnlos". Und weiter: "Die Zeit wird kommen, die Wahl wird kommen, nach der Eure Arbeit Früchte tragen wird, nach der wir die Welt verändern werden." Kerry endete mit demn Segen: "God bless America."

Das Telefonat

Kurz nach 11 Uhr (17 Uhr MEZ) und einem langen, harten Wahlkampf hatte John Kerry zum Hörer gegriffen. Auf der anderen Seite der Leitung: George W. Bush. Das Gespräch dauerte weniger als fünf Minuten - doch lange genug, um dem alten und neuen Präsidenten zu gratulieren. "Glückwunsch, Mr. President", sagte der Verlierer.

Der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, gab Einzelheiten des Gesprächs bekannt. Bush habe seinen Kontrahenten einen "würdigen und ehrenwerten Gegner" genannt, der auf seinen Wahlkampf stolz sein könne. "Sie haben einen harten Wahlkampf geführt. Ich hoffe, Sie sind stolz darauf. Sie sollten es sein", sagte Bush.

Nach Angaben eines Kerry nahestehenden Demokraten habe der Senator von Massachusetts im Gespräch mit Bush beklagt, dass die USA ein zerrissenes Land seien. Bush habe dem zugestimmt. "Wir müssen wirklich etwas dagegen tun", habe Kerry gesagt.

Am späten Nachmittag europäischer Zeit teilte Kerrys Sprecherin mit, der Herausforderer habe den entscheidenden Staat Ohio nicht gewinnen können. Ohne die 20 Wahlmänner aus Ohio hat der Kandidat der Demokraten keine Chance mehr, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt zu werden.

Ein Berater Kerrys sagte, in Ohio habe es keine Möglichkeit mehr gegeben, Stimmen ohne einen "auszehrenden Kampf" zu gewinnen. Dieser hätte das Land nur weiter zerrissen. Die Demokraten hatten zunächst gehofft, nach der vollständigen Auszählung der Stimmen im Schlüsselstaat Ohio doch noch genügend Wahlmänner hinter sich zu bringen.

Bush hatte sich bereits zuvor zum Sieger der Wahl erklären lassen. Andrew Card, Stabschef im Weißen Haus, hatte verkündet: "Wir sind überzeugt, dass Präsident Bush mit mindestens 286 Wahlmännern wiedergewählt ist." Zur Wiederwahl nötig sind 270 Wahlmänner.

Bisher hat Bush 28 Staaten mit 254 Stimmen geholt. Auf Kerry fallen derzeit 252 Stimmen. In Ohio - dem Staat mit 20 Wahlmännern - liegt Bush jedoch rund 2,5 Prozent vor Kerry. Die Auszählung aller Stimmen kann sich jedoch noch Tage hinziehen.

Nach dem vorläufigen Auszählungsstand stimmten 58.598.283 Wähler für Bush, 55.067.893 für Kerry. Auf andere Kandidaten entfielen 1.057.158 Stimmen.

Bush wollte sich nach Kerry zu seinem Wahlsieg äußern (gegen 21 Uhr MEZ).



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