Von Christian Schwägerl
Als mutiger David im Kampf gegen Goliath trat Kevin Conrad, der Klimaschutzbeauftragte des Präsidenten von Papua-Neuguinea, vor zwei Jahren auf dem Klimagipfel von Bali auf. Nachdem die USA einen gemeinsamen Kurs zum Klimaschutz abgelehnt hatten, legte Conrad einen Auftritt hin, der den Lauf der Verhandlungen umkehrte und Umweltschützer weltweit begeisterte.
"Es gibt das Sprichwort, dass man zur Seite treten sollte, wenn man nicht bereit ist, zu führen", sagte er an die Adresse der US-Delegation und fügte hinzu: "So please, get out of the way!" Dafür bekam Conrad stürmischen Beifall von sehr vielen Staatenvertretern. Die USA, damals noch von Erdölhäuptling George W. Bush regiert, standen isoliert da. Nach einigem Hin und Her gab die Delegationsleiterin aus Washington bekannt, Amerika trage den gemeinsamen Beschluss doch mit.
Kevin Conrad denkt gern an diesen Moment zurück. Doch nun ist er wieder in Sorge. Sein Kernanliegen, die Interessen der Regenwaldstaaten, könnte in Kopenhagen trotz einer neuen, deutlich offeneren US-Regierung unter die Räder kommen. Denn der Schutz dieser Wälder wird nur möglich sein, wenn die Menschen in Regenwaldgebieten mehr Geld mit dem Naturschutz und alternativen Produkten verdienen können als mit dem Holzeinschlag. Dazu braucht es einen neuen Finanzmechanismus, der nicht erst abgeholzten Wäldern einen ökonomischen Wert gibt, sondern lebendigen Wäldern.
"Wir befinden uns in einer Art Bieterwettbewerb mit der Holz-, Papier- und Palmölindustrie", sagt Conrad. Von einem Büro an der Columbia University in New York aus leitet er die Aktivitäten der Coalition for Rainforest Nations, einem losen Zusammenschluss von Regenwaldländern wie Indonesien, Kongo, Brasilien und Samoa.
Als Sprecher ist der 41-Jährige geradezu prädestiniert. Er wuchs als Sohn amerikanischer Eltern mitten im Regenwald von Papua-Neuguinea auf, in der Provinz Arapesh. Später studierte er an der renommierten Columbia University und in Großbritannien. Sein Umweltaktivismus brachte ihn in Kontakt mit dem Präsidenten von Papua-Neuguinea, der ihn zu seinem Sondergesandten in Klimafragen machte.
Servicegebühr für die Erhaltung der gigantischen CO2-Speicher
Die Bedeutung der Regenwälder für das Klimageschehen beschreibt Conrad als enorm. Sie speichern gigantische Mengen Kohlenstoff, fungieren als Klimaanlagen des Planeten und regulieren den globalen Wasserhaushalt. Die Rodung von Regenwäldern wiederum trägt erheblich zu den Emissionen von Treibhausgasen bei. In manchen Gebieten der Erde, etwa auf den indonesischen Inseln Borneo und Sumatra, befinden sich unter den Wäldern dicke Torfschichten, die sich zu CO2 zersetzen, sobald der Wald weg ist.
Allein aus diesen Torfschichten entweichen nach Berechnungen des WWF jährlich drei Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre, mehr als dreimal so viel wie Deutschland als größte Wirtschaftsmacht der EU verursacht. "Während Energiefirmen mit großem Aufwand unterirdische CO2-Speicher erschließen, werden gigantische biologische CO2-Speicher zerstört", sagt Conrad.
Der Regenwald-Advokat möchte dafür sorgen, dass die CO2-Speicherung den Regenwaldnationen künftig entlohnt wird. Dafür gibt es den Plan eines neuen Mechanismus namens REDD. Das steht für "Reduzierte Emissionen aus Entwaldung und Walddegradierung". Regenwaldnationen bekämen für jede Tonne CO2, die sie durch Waldschutz vermeiden, eine Art Servicegebühr bezahlt.
"Kein System ist perfekt, aber ohne ein solches System sind die Regenwälder existentiell in Gefahr", warnt Konrad. Noch gibt es auch zwischen den Regenwaldnationen unterschiedliche Auffassungen, wie der REDD-Mechanismus ausgestaltet werden soll, ob das Geld etwa an die Regierungen oder die Regenwaldbewohner selbst gehen soll. Zudem besteht die Gefahr von Missbrauch und Wirtschaftskriminalität mit erfundenen oder gefälschten CO2-Zertifikaten.
In Papua-Neuguinea selbst hat es bereits einen ersten Fall gegeben. Vorsicht und strenge Auflagen seien geboten, sagt Conrad. Doch komme keine zusätzliche Geldquelle für den Waldschutz zustande, sieht er schwarz: "Wenn der Klimawandel nicht gebremst wird, könnten die Regenwälder zusätzlich zur Abholzung auch durch Austrocknung verschwinden."
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