Von Karl-Ludwig Günsche, Kapstadt
Hinter der Fassade eines Landes in Feierlaune verbirgt sich in diesen Tagen eine Nation, in der es gärt, die es satt hat, sich mit Versprechungen abspeisen zu lassen.
Gewerkschaftsführer drohen unverhohlen mit Streiks während der WM. "Unsere Anliegen sind größer als die null", verkündete der Generalsekretär des Gewerkschaftsbundes Cosatu, Zwelinsima Vavi. Einwohner der Armenviertel lehnen sich immer lauter und häufiger gegen ihr Schicksal auf. In Balfour brüllten sie sogar den einstigen Volkshelden Zuma nieder.
Jeder zweite Südafrikaner ist unzufrieden mit dem öffentlichen Dienst und den Dienstleistungen des Staates, ergab eine Umfrage des renommierten Forschungsinstituts TNS. Die Regierungspartei ANC, die bei Nachwahlen im Westkap zum ersten Mal traditionelle Hochburgen an die Opposition verloren hat, ist angesichts der Kommunalwahlen im kommenden Jahr nervös, gespalten und in innere Machtkämpfe verstrickt.
Innenpolitischer Ärger, Warnung vor Terror
Zwar ist es der ANC-Führung offenbar gelungen, den Chef der Jugendliga, Julius Malema, erst einmal zum Schweigen zu bringen, der in den vergangenen Monaten mit Hassreden und -gesängen systematisch ein Klima der Gewalt und des Rassismus geschürt und geschaffen hatte. Doch seine Gefolgsleute hetzen weiter. Jugendliga-Funktionär Loyiso Nkohla rief die ANC-Jugend auf, Kapstadt zu verwüsten und unregierbar zu machen.
Der Oberbürgermeister der Touristenmetropole, Dan Plato, keilte zurück und forderte die Bewohner im Armenviertel Khayelitsha auf, den ANC-Jugendlichen mit brennenden Reifen entgegenzutreten - Symbol des Unterdrückerregimes in der Apartheidszeit. Amnesty International warnt, dass die gewalttätigen Ausbrüche schnell auch wieder zu fremdenfeindlichen Unruhen führen könnten.
Immer wieder verunsichern auch Warnungen vor angeblich drohenden Terrorangriffen während der WM Öffentlichkeit und Fans. Geheimdienste hätten angeblich Hinweise auf drohende Anschläge gegen die Teams der Niederlande und Dänemarks sowie auf das Spiel zwischen den USA und England, hieß es in Presseberichten. Doch sogar das Terrornetzwerk al-Qaida dementiert. Aber Südafrikas Sicherheitskräfte bereiten sich vorsichtshalber auf mögliche Terrorattacken vor.
Südafrika hoffte vergeblich auf den Boom
Die hohen Erwartungen, die Südafrika und der ganze Kontinent an die WM geknüpft haben, scheinen unerfüllbar. Der erhoffte Boom blieb aus. Statt der erwarteten 480.000 ausländischen Fans werden wohl nur rund 200.000 kommen. Vor allem in den anderen afrikanischen Ländern war das Interesse am "afrikanischen Cup" gering, der Kartenabsatz enttäuschend.
Hotels, die noch vor wenigen Monaten mit einer unrealistischen Hochpreispolitik abschreckten, mühen sich mittlerweile, ihre Zimmer während der WM überhaupt zu füllen. Tourismusfachleute warnen bereits, dass einige der neu gebauten Luxusherbergen bald wieder schließen müssten.
Der zusätzliche Wachstumsschub, auf den Südafrika gehofft hatte, wird nach Schätzungen von Fachleuten mit 0,5 Prozent wesentlich geringer ausfallen, als noch vor einem Jahr erwartet worden war.
Aids, Armut, Arbeitslosigkeit gehören ebenso wie die Gewaltkriminalität weiterhin zum südafrikanischen Alltag. Die Zahl der Morde ist mit 50 pro Tag 20-mal so hoch wie in Deutschland. Über 50.000 Vergewaltigungen verzeichnet die Kriminalstatistik pro Jahr. Bei den bewaffneten Überfällen auf Privathäuser wurde eine Zunahme um 27 Prozent, auf Geschäfte um 20 Prozent registriert.
Polizeiminister Nathi Mthethwa versichert zwar im Brustton der Überzeugung, Südafrika werde während der vier WM-Wochen der "sicherste Ort der Welt" sein. Polizeichef Bheki Cele verspricht die "besten Sicherheitsmaßnahmen der Welt".
Und der deutsche Botschafter am Kap, Dieter Haller, erklärt beruhigend, Kriminalität und Gewalt fänden "ganz überwiegend dort statt, wo sich Touristen und WM-Gäste üblicherweise nicht aufhalten". Den Opfern helfen solche Relativierungen und Beschwichtigungsversuche allerdings wenig.
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