Diplomatenposse in Kiew Deutscher Botschaftsmitarbeiter bepöbelt Polizisten

"I don't drunk": In Kiew hat sich ein offenbar betrunkener Mitarbeiter der deutschen Botschaft mit der Polizei angelegt. Zeugen filmten das peinliche Spektakel, das Video kursiert im Netz. Nun fordern empörte Ukrainer die Ausweisung des Mannes.

YouTube / Maxim Zaselian

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Es ist eine warme Augustnacht im Kiewer Ausgehviertel Bessarabka. Wasil Oreschko, 22, Mitglied der neuen Kiewer Streifenpolizei, hat gegen halb eins einen falsch geparkten Volvo entdeckt. Noch bevor er seines Amtes walten kann, stürmt der Fahrer aus dem Edel-Nachtclub "Arena City", setzt sich ans Steuer, wedelt mit einem Diplomatenpass - und lässt den Motor an.

Aber er hat die Rechnung ohne die neue Kiewer Polizei gemacht. Die trat Anfang Juli ihren Dienst an und soll zum Symbol einer Staatsmacht werden, die sich nicht mehr einschüchtern lässt von Dienstgraden, Sonderausweisen oder Geldbündeln. Die Kiewer sind stolz auf ihre neuen Ordnungshüter, und so schalten gleich mehrere Zeugen am letzten Samstag ihre Handykameras ein. Die Szenen des Vorfalls, die im Internet die Runde machen, sorgen jetzt für Empörung in der Ukraine - und für diplomatische Verwicklungen mit Deutschland.

Denn der junge Polizist Oreschko bittet den Fahrer, das Fenster herunterzulassen und Ausweis und Führerschein zu zeigen. Da sei ihm deutlich der Geruch von Alkohol entgegengeschlagen, erklärt Oreschko gegenüber SPIEGEL ONLINE. Er fordert den Mann auf, den Wagen zu verlassen. Der aber drückt aufs Gaspedal. Oreschko und sein Kollege müssen sich auf den Kotflügel legen, um den Wagen zum Stehen zu bringen.

"Can you read this?"

Nun ist der Fahrer wirklich sauer: In Jeans und einem blauen Trikot des Fußballvereins Dynamo Kiew baut er sich vor den Polizisten auf, hält ihnen seinen Diplomatenausweis vor die Nase und brüllt mehrmals: "Can you read this? Can you read this?"

Oreschko versucht den offenbar deutschen Namen zu lesen. Dem Polizisten zufolge droht der Mann mehrmals damit, dass er für seine Entlassung sorgen werde. In fehlerhaftem Englisch behauptet er: "I don't drunk." Er verweist auf die Wiener Konvention, die den Status der Diplomaten regelt. Auf dem Video ist zudem zu sehen, wie der Diplomat wütend auf die Kamera eines Filmenden schlägt.

Oreschko notiert die Personalien, muss den mutmaßlich angetrunkenen Deutschen am Ende jedoch entlassen und mit ansehen, wie der sich selbst ans Steuer setzt und davonbraust. Das 1961 vereinbarte "Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen" schützt Mitarbeiter der Botschaft tatsächlich vor einer strafrechtlichen Verfolgung im Gastland, selbst bei schwersten Straftaten.

Dies gilt im Übrigen auch für Vergehen von Diplomaten in Deutschland. So muss die Polizei in Berlin immer wieder betrunkene Autofahrer ziehen lassen, weil diese ihren Diplomatenpass zücken. Als einziges Mittel bleibt dem Gastland in schweren Fällen die Ausweisung des Diplomaten.

Botschaft kündigt "angemessene Schritte" an

Ukrainische Medien berichten nun über den Fall und zeigen sich ebenso empört wie gewöhnliche Ukrainer, die das Video auf Facebook hundertfach teilen. Viktor Nikirin etwa schreibt: "Oh, was für eine Schande für Deutschland. Hätte ich nicht erwartet. Offenbar wirkt sich das Land negativ auf die Diplomaten aus. Er hat sich unsere Beamten angeschaut, die betrunken am Steuer sitzen, und sich gedacht: Das kann ich auch!" Jewgenij Kaschanskij schreibt: "In Deutschland hätte er es sich nicht erlaubt, einen Polizisten so anzupöbeln."

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen soll es sich bei dem Mann nicht um einen offiziellen Regierungsbeauftragten, sondern um einen einfachen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Kiew handeln. Weil Kiew als Krisenstandort gilt, sollen aber auch die übrigen Mitarbeiter der Vertretung mit einem Diplomatenpass ausgestattet sein. Das Auswärtige Amt bestätigte den Vorfall indirekt: "Die Botschaft wird angemessene Schritte einleiten", sagte eine Sprecherin.

Hinter vorgehaltener Hand wird im Auswärtigen Amt von der Dummheit eines Sachbearbeiters gesprochen. Außer einer mündlichen Verwarnung dürften dem Mann keine größeren Konsequenzen drohen, schließlich, so heißt es, sei nichts Gravierendes passiert. Statt eines Skandals macht man in Berlin eher eine peinliche Posse aus.

Die Botschaft erklärte auf ihrer Facebook-Seite: "Natürlich haben sich deutsche Diplomaten an alle Regeln des Gastlandes zu halten." Das sorgt für Hohn und Spott unter den Kommentatoren. "Ihr benehmt euch doch wie die Leute von Janukowitsch!", schreibt ein gewisser Alexandr Maximenko. Andere fordern, der Mann müsse die Ukraine verlassen.

Dem hat sich inzwischen auch die Führung der neuen Polizeieinheit angeschlossen. Dmitrij Jewdokimow, Vizechef der Kiewer Streifenpolizei, schrieb auf Facebook, dass er dem ukrainischen Außenministerium in Kürze alle nötigen Dokumente übergeben werde, um die Ausweisung des Diplomaten zu bewirken.

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insgesamt 71 Beiträge
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rickmarten 19.08.2015
1. Etwas durcheinander
Der Autor des Artikels scheint einiges zu verwechseln. Ein Diplomatenpass der Bundesrepublik berechtigt an sich zu gar nichts. Erst ein Diplomatenausweis des Gastlandes weist eine bevorrechtigte Person-so der Terminus-als solche aus. Kein Polizist könnte alle Diplomatenpässe kennen. Der Inhaber wird gewöhnlich nicht verhaftet und bekommt keine Strafzettel für Verkehrsübertretungen. Allerdings ist er nicht berechtigt, betrunken ein Auto zu führen, wenn er schon so erwischt wird. Es ist peinlich, wie das Auswärtige Amt seine Leute instruiert. Der Mann hätte sich ein Taxi nehmen können und seinen Wagen am Folgetag abholen können. Rechtsstaatliche Länder würden den Wagen auch Abschleppen. Nur Bezahlen dafür braucht ein Diplomat nicht.
spon-facebook-10000140154 19.08.2015
2. eine Schande für Deutschland
solche Repräsentanten zu haben. Der Mann gehört nach Deutschland zurückgeholt und am Besten entlassen oder an irgend einen Schreibtisch versetzt.
rainer_daeschler 19.08.2015
3. Aufnahmebedingungen
Sind die Aufnahmebedingungen zum diplomatischen Dienst inzwischen gelockert worden? Klar, für Ausgediente des Bundestages, wenn ein Botschafterposten zu besetzen ist, doch für die eigentlichen Diplomaten gab es sonst eine strengen Auslese hinsichtlich Allgemeinbildung, Sprachkenntnisse und Umgangsformen.
subzero81 19.08.2015
4. Raus mit diesem Möchtegern...
Vorausgesetzt diese Meldung stimmt so: Wer sich als Gast nicht zu benehmen weiß der sollte von der Deutschen Botschaft nach Hause geschickt und nicht sein Handeln auch noch verharmlost werden. Diese Verharmlosungsmasche spiegelt die allgemeine politische Kaste wieder und geht mir zunehmend auf den Nerv. Runterspielen, verhamlosen, relativieren statt mal Rückrat und Haltung zu zeigen. Man ist Gast in einem Fremden Land. Und genauso wie man als Gast auf einen guten Gastgeber hoffen darf, darf jener auch einen guten Gast erwarten. Das sind globale Sitten, welche wohl zunehmend in Vergessenheit geraten... Da muss man sich langsam echt schämen! Ein Lob an die neue, ukrainische Polizei! Weiter so!
geando 19.08.2015
5. Peinlich
Leider gibt es viele Diplomaten, die sich eher undiplomatisch verhalten. Auch auf der Autobahn sieht man häufiger Fahrzeuge mit CD-Kennzeichen, die fahren als wenn es kein Morgen gäb. Versetzt diesen peinlichen Fatzke doch bitte wieder nach Deutschland.
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