Der Nachrichtenüberblick Kiew unter Kontrolle der Opposition

Ein historischer Tag in Kiew: Die ukrainische Hauptstadt wird von der Opposition beherrscht, das Parlament hat Staatschef Janukowitsch abgesetzt. Bei Wahlen Ende Mai will dann auch Julija Timoschenko antreten, die nach langer Haft wieder frei ist. Der Tag im Überblick.

REUTERS

Hamburg/Kiew - Die Ereignisse in der Ukraine haben sich am Samstag noch einmal dramatisch entwickelt - doch es gab im Gegensatz zu den Vortagen keine Toten und Verletzten. Friedlich hat die Opposition die Straßen von Kiews Innenstadt unter ihre Kontrolle gebracht, den ganzen Tag harrten die Regierungsgegner auf dem Maidan aus. Auch das Parlament, der Regierungssitz und die Präsidialkanzlei werden inzwischen von den sogenannten Selbstverteidigungskräften kontrolliert.

Während Wiktor Janukowitsch auf dem Fernsehsender 112.ua erklärte, er werde im Land bleiben, an der Macht festhalten und für Stabilität und Ordnung sorgen, tagte in Kiew die Oberste Rada, das Parlament, und stimmte über die politische Zukunft des Landes ab.

Die wichtigsten Entwicklungen im Überblick:

  • Wiktor Janukowitsch wurde vom Parlament in einer vom Fernsehen übertragenen Sitzung seines Amtes enthoben. Am 25. Mai sollen Wahlen stattfinden. Für die Absetzung Janukowitschs haben 328 Abgeordnete gestimmt - wie viele Enthaltungen und Gegenstimmen es gegeben hat, ist nicht bekannt. Insgesamt hat das ukrainische Parlament 450 Sitze.
  • Die seit mehr als zwei Jahren inhaftierte ukrainische Oppositionsführerin Julija Timoschenko ist frei. Die frühere Regierungschefin verließ am Samstag ein Krankenhaus in Charkow, in dem sie zuletzt festgehalten worden war. Das Parlament in Kiew hatte zuvor die sofortige Freilassung Timoschenkos beschlossen. Sie kündigte an, bei der Präsidentschaftswahl zu kandidieren. Am Abend sprach sie vor Zehntausenden auf dem Maidan.
  • Die Oberste Rada in Kiew, das Parlament, wählte mit großer Mehrheit einen Vertrauten Timoschenkos zum neuen Chef des Parlaments: Der frühere Vize-Regierungschef Alexander Turtschinow hatte einst gemeinsam mit Timoschenko die Vaterlandspartei (Batkiwschtschina) gegründet. Parlamentspräsident Wolodimir Rybak und sein Stellvertreter Igor Kaletnik hatten zuvor ihren Rücktritt eingereicht.
  • Die Polizei hatte sich am Vormittag den Regierungsgegnern angeschlossen, das Militär teilte auf der Webseite des Verteidigungsministerium mit, dass es sich "aus dem inneren politischen Konflikt heraushalten" werde.
  • Auch in der Nacht zu Samstag hatten Tausende auf dem Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, in Kiew ausgeharrt. Sie kritisieren, ein vorläufiges Abkommen Janukowitschs mit der parlamentarischen Opposition sei nicht ausreichend. Darin hatten die Konfliktparteien unter EU-Vermittlung vorgezogene Präsidentenwahlen, eine Übergangsregierung und eine neue Verfassung vereinbart.
  • In den vergangenen Tagen waren bei Zusammenstößen von Regierungsgegnern mit der Polizei in Kiew mindestens 77 Menschen getötet worden. Den Opfern wird an diesem Wochenende mit zwei landesweiten Tagen der Trauer gedacht.

cbu/dpa/AFP

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Erda 22.02.2014
1. Hoffentlich kein Schrecken ohne Ende
Janukowitsch will nicht zuruecktreten und ich befuerchte am Montag ein Hilferuf an Putin. Und dann?
omarius 22.02.2014
2. na da hat der kampf gegn Korruption ja was erreicht
Nur zu dumm, daß Frau Timoschenko nicht unschuldig sondern eine der korruptesten Frauen der Welt ist. Amnesty meldete 165 Menschenrechtsverletzungen in ukrainischen Gefängnissen - und zwar 2009, unter Timoschenkos Verantwortung. Wo war da die westliche Empörung? Oder wo war die Empörung als sich Frau Timoschenko die gesamte Energiewirtschaft aneignete, die ukrainische Bevölkerung verarmen ließ und EU-Gelder einheimste? Oder als sie Zölle auf ausländische Waren erhob, außer auf die Waren die in ihrer eigenen Ladenkette verkauft werden? Der Prozeß gegen sie wird übrigens parallel auch in den USA geführt und ihr Geschäftspartner Lasarenko ist dort auch schon zu 9 Jahren Haft verurteilt worden. Von einem Schauprozeß kann also gar nicht die Rede sein. Es wundert mich nicht, daß die westlichen Politiker ein Land auszugrenzen versuchen, in welchem es tatsächlich - endlich! - auch einem Politiker passieren kann, im Knast zu landen. Würden die Türken also nicht nur "normale" Gefängnisinsassen foltern sondern auch Ex-Regierungsschefs, dann würde man die Bewerbung der Türkei für die EM 2020 wohl nicht so wohlwollend bewerten. Und noch was: Wenn Frau Timoschenko Rückenprobleme hat, wird ihr - nach medizinischen Standards - zur Thromboseprophylaxe ein Heparin subkutan in die Bauchdecke gespritzt werden. Es verrät ihren Charakter und deckt sich mit ihren bisherigen Lügen, daß sie das durch die Spritzen entstehende Hämatom (blauer Fleck) den westlichen Leichtgläubigen auch noch als "Gewalteinwirkung" verkaufen will.
Preeti 22.02.2014
3. Korruptes Land
Na da will sich Frau Timoschenko an den Wahlen beteiligen, ich haette da eher gedacht sie wuerde jetzt ihr schlimmes Rueckenleiden behandeln lassen.Da wird sich wohl nicht aendern. EU und die koruppten Oligarschen werden sich den Kuchen teilen.Bin mal gespannt wie es dann wird wenn die Ukrainer die fuer ihre Freiheit und Gerechtigkeit kaempfen wieder auf die Strasse gehen werden. Dann wird es in den Augen von Frau Timoschenkos und der EU um Terroristen handeln.Arme Welt
zero-bond 22.02.2014
4. @Erda
dann nichts. Putin war an den Verhandlungen und dem Kompromiss durch seinen Abgesandten beteiligt. Würde Moskau nur 3 Tage nach Beendigung der Verhandlungen Wort brechen wäre das ein ziemlicher Gesichtsverlust für Moskau bzw. Putin.
vivare 22.02.2014
5. Wenn der Leser besser ist als der Redakteur...
Zitat von omariusNur zu dumm, daß Frau Timoschenko nicht unschuldig sondern eine der korruptesten Frauen der Welt ist. Amnesty meldete 165 Menschenrechtsverletzungen in ukrainischen Gefängnissen - und zwar 2009, unter Timoschenkos Verantwortung. Wo war da die westliche Empörung? Oder wo war die Empörung als sich Frau Timoschenko die gesamte Energiewirtschaft aneignete, die ukrainische Bevölkerung verarmen ließ und EU-Gelder einheimste? Oder als sie Zölle auf ausländische Waren erhob, außer auf die Waren die in ihrer eigenen Ladenkette verkauft werden? Der Prozeß gegen sie wird übrigens parallel auch in den USA geführt und ihr Geschäftspartner Lasarenko ist dort auch schon zu 9 Jahren Haft verurteilt worden. Von einem Schauprozeß kann also gar nicht die Rede sein. Es wundert mich nicht, daß die westlichen Politiker ein Land auszugrenzen versuchen, in welchem es tatsächlich - endlich! - auch einem Politiker passieren kann, im Knast zu landen. Würden die Türken also nicht nur "normale" Gefängnisinsassen foltern sondern auch Ex-Regierungsschefs, dann würde man die Bewerbung der Türkei für die EM 2020 wohl nicht so wohlwollend bewerten. Und noch was: Wenn Frau Timoschenko Rückenprobleme hat, wird ihr - nach medizinischen Standards - zur Thromboseprophylaxe ein Heparin subkutan in die Bauchdecke gespritzt werden. Es verrät ihren Charakter und deckt sich mit ihren bisherigen Lügen, daß sie das durch die Spritzen entstehende Hämatom (blauer Fleck) den westlichen Leichtgläubigen auch noch als "Gewalteinwirkung" verkaufen will.
Großartige Zusammenfassung des " Wirkens" Timoschenkos. Es bedarf manchmal eines Lesers die Arbeit eines Redakteurs zu übernehmen.
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