Kim Jong Il Der "Geliebte Führer" schindet sein Volk

Kim Jong Il liebt die Provokation: Während seine Untertanen Hunger leiden, treibt Nordkoreas Diktator sein Land mit einem Atombombentest weiter in die Isolation. Der "Geliebte Führer" frönt wie sein Vater einem bizarren Personenkult - und gilt als unberechenbar.

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Hamburg - Die Worte, die Nordkoreas Diktator Kim Jong Il heute anlässlich des angeblich gelungenen Atomwaffentests über die staatlichen Medien verbreiten ließ, müssen in den Ohren seiner Untertanen wie Hohn klingen: Die ganze Bevölkerung mache "einen großen Sprung hin zum Aufbau einer großen, mächtigen und wohlhabenden sozialistischen Nation". Das "historische Ereignis" befriedige das Volk zutiefst.

Nordkoreas Diktator Kim Jong Il (Archivfoto): Atomwaffen statt Nahrungsmittel
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Nordkoreas Diktator Kim Jong Il (Archivfoto): Atomwaffen statt Nahrungsmittel

Die Wahrheit sieht anders aus: Das abgeschottete Land im Norden der koreanischen Halbinsel ist Lichtjahre von breitem Wohlstand entfernt. Die Wirtschaft steht vor dem Kollaps, die Menschen leiden seit mehr als zehn Jahren Hunger. Weil sie nicht genug Nahrung bekommen, essen die Menschen Laub und Wurzeln; vermutlich zwei Millionen Nordkoreaner sind seit Mitte der neunziger Jahre gestorben. Das Regime nennt die große Hungersnot nach mehreren Flutkatastrophen und Dürreperioden euphemistisch einen "anstrengenden Marsch".

"Der Kerl dreht mir die Eingeweide um, weil er sein Volk verhungern lässt": Mit diesen drastischen Worten drückte US-Präsident George W. Bush einmal seine Abscheu für den dicklichen Despoten aus. Statt für sein Volk zu sorgen, leistet der sich lieber eine Riesenarmee von 1,1 Millionen Soldaten, die fünftgrößte Streitkraft der Welt, und prahlt mit Atombomben. Schon im vergangenen Jahr schockierte er die internationale Gemeinschaft mit dem offenen Bekenntnis, über Nuklearwaffen zu verfügen - zwei Jahre, nachdem das Land den Atomwaffensperrvertrag gekündigt hatte.

Phantom aus Pjöngjang

Seit 1994 herrscht Kim Jong Il, 64, in Pjöngjang. Er ist bis heute eine rätselhafte und widersprüchliche Figur. Biografische Daten beruhen zumeist auf offiziellen nordkoreanischen Angaben, vieles andere, das am mühsam gepflegten Halbgott-Status kratzt, auf Quellen, die nicht über jeden Zweifel erhaben sind. Öffentlich tritt er kaum in Erscheinung, nur selten sind verschwommene Bilder von Auftritten des Mannes im khakifarbenen Overall mit großer, dunkler Sonnenbrille zu sehen. Sechs Jahre nach seiner Machtübernahme war erstmals überhaupt seine Stimme im Originalton in den staatlichen Medien zu hören, als er im überdimensionierten Stadion von Pjöngjang den Massen von der Ehrentribüne zurief: "Ruhm der Volksarmee!" Abtrünnige bezeichnen Kim jedoch als eloquenten und unermüdlichen Redner. Bevorzugt richtet er seine Worte an Militäreinheiten, die das Fundament seiner Macht bilden.

Nach nordkoreanischen Angaben wurde Kim Jong Il am 16. Februar 1942 in einem geheimen Lager am Mount Paekdu an der Grenze zu China geboren. Er studierte in Pjöngjang Wirtschaftswissenschaften, besuchte zwischen 1958 und 1960 in der ehemaligen DDR eine Militärakademie. Offiziell war er als Student allen anderen Kommilitonen dank seiner außergewöhnlichen Intelligenz überlegen. Anderseits halten sich über Kims Schulzeit hartnäckige Gerüchte, nach denen Mitschüler, die über angeblich miserable Schulleistungen Kims lästerten, spurlos in nordkoreanischen Gefangenenlagern verschwanden.

Kims Parteikarriere begann Mitte der sechziger Jahre. Er stieg zum Propagandasekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Arbeiterpartei auf. Bald schon wurde er in den monströsen und bizarren Personenkult um seinen Vater Kim Il Sung einbezogen und bei jeder Gelegenheit als "Genie in Literatur, Kunst und Kriegskunst" gepriesen. Nach dem Tod seines Vaters im Juli 1994 wurde Kim umgehend als Nachfolger präsentiert. Weil der neue Machthaber jedoch erst einmal für drei Trauerjahre in der Versenkung verschwand, wurde im Ausland bereits über das Ende der Kim-Dynastie spekuliert. Doch der Geburtstag des neuen Staatsoberhauptes wurde zum "größten Feiertag" der Nation erklärt und Kim zum "Geliebten Führer" ausgerufen.

Selbst nachdem er offiziell die Führung des Staates übernommen hatte, blieb Kim weitestgehend von der Bildfläche verschwunden. Ein Grund für seine äußerst raren Auftritte könnte in einer Epilepsieerkrankung liegen, an der Kim seit seinem 19. Lebensjahr leiden soll. Kims Porträt hängt heute neben dem seines Vaters in allen Haushalten und öffentlichen Gebäuden, seine Schriften, vor allem Lobpreisungen auf seinen Vater und den Sozialismus, werden täglich in den Medien verlesen. Doch durch seine persönliche Abwesenheit ließ das nordkoreanische Phantom dem Ausland viel Raum für finstere Gerüchte.

Es kursierten Geschichten vom Playboy Kim, der sich mit blonden, skandinavischen Schönheiten vergnügte; vom verschwenderischen Lebemann, der deutsche Luxuskarossen im Dutzend bestellte, während die Nation Hunger litt. Auf geheimen Bankkonten im Ausland soll Kim ein Milliardenvermögen gebunkert haben. Einstige Vertraute beschreiben ihn als jähzornig und unberechenbar. Wegen seiner geringen Körpergröße soll er unter Komplexen leiden, stets Schuhe mit hohen Absätzen tragen und das Haar auftoupieren, um größer zu erscheinen.

Immer wieder wird Kims Schwäche für Hollywood-Filme kolportiert. Rund 20.000 internationale Streifen soll er archiviert haben. Angeblich mag er besonders gerne den Horrorstreifen "Freitag, der 13." und James-Bond-Filme. Außerdem soll er mehrere Filme selbst produziert haben, in der Hauptsache historische Epen mit ideologischer Färbung. Am Rande Pjöngjangs unterhält er ein riesiges Studio.

Kims dämonisches Image im Westen basiert im Wesentlichen auf dem Verdacht, Drahtzieher von Terroranschlägen zu sein. 1983 soll er, damals Geheimdienstchef von Papas Gnaden, in Burmas Hauptstadt Rangun ein Attentat angezettelt haben, bei dem mehrere südkoreanische Regierungsvertreter umkamen. 1987 starben 115 Passagiere einer Korean-Airlines-Maschine, die mit einer Zeitzünderbombe von zwei Agenten des Nordens in die Luft gesprengt wurde. Der frühere nordkoreanische Chefideologe Hwang Jang Yop, der sich im Februar 1997 ins Ausland abgesetzt hatte, nannte Kim einst ein "Terrorgenie".

Das historische Gipfeltreffen zwischen Nord- und Südkorea im Juni 2000 nach einem halben Jahrhundert der Trennung und Feindschaft sollte das Außen-Image des kommunistischen Machthabers aufpolieren. Die Staatschefs der beiden Länder unterzeichneten eine Versöhnungserklärung, der Annäherungsprozess erlitt jedoch immer wieder Rückschläge. Jahre später kam heraus, dass Südkorea für das Zustandekommen des Gipfels 100 Millionen US-Dollar an Pjöngjang überwiesen hatte.

Die Krise um das nordkoreanische Atomprogramm geht auf das Jahr 2002 zurück, als Nordkorea einräumte, sein Atomprogramm im Verborgenen weitergeführt zu haben, obwohl es sich zuvor zum Gegenteil verpflichtet hatte. US-Präsident Bush brandmarkte Nordkorea gemeinsam mit dem Irak und Iran als Teil der "Achse des Bösen". Seither hat Pjöngjang wenige Gelegenheiten ausgelassen, die Weltgemeinschaft zu provozieren. Einige Experten glauben, Nordkorea könnte über genügend Plutonium verfügen, um ein gutes Dutzend Atombomben zu entwickeln. Im Jahr 2000 ging man noch von maximal zwei Nuklearwaffen aus.

Kim Jong Il hat also offenbar, wovon Irans frommer Eiferer Mahmud Ahmadinedschad noch Jahre entfernt ist: Atomwaffen. Wer die Bombe hat, ist unverwundbar, so das Credo des "Geliebten Führers". Nuklearwaffen dienen ihm als Abschreckung gegenüber den USA, das hat er mehrfach erklärt. Und auch wenn Nordkorea wahrscheinlich noch nicht in der Lage ist, Raketen mit Atomsprengköpfen zu bestücken - die Bombe in der Hand eines unberechenbaren Diktators erfüllt die Welt mit Sorge.



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